Jens Harzer, ein würdiger Hüter des Iffland-Rings

Der verstorbene Großschauspieler Bruno Ganz wählte keine Frau, sondern einen Schauspieler, der ihm stilistisch nahesteht: Jens Harzer, ein Handke-Alter-Ego.

Charakterdarsteller voll Kraft und Poesie: Iffland-Ring-Träger Jens Harzer spielte auch öfter in Wien. [
Charakterdarsteller voll Kraft und Poesie: Iffland-Ring-Träger Jens Harzer spielte auch öfter in Wien. [
Charakterdarsteller voll Kraft und Poesie: Iffland-Ring-Träger Jens Harzer spielte auch öfter in Wien. – Michele Pauty

Der Ring ist ein magisches Requisit in der Kulturgeschichte: vom Nibelungen-Ring bis zum Herrn der Ringe. Seit Wochen spekuliert die Branche über die Vergabe des Iffland-Rings. Wen hat der Schweizer Bruno Ganz auserkoren, wer wird sich als des Ringes würdig erweisen? Die Wahl fiel nicht auf eine Frau; das Pendant des Iffland-Rings ist der Alma-Seidler-Ring, ihn hat Regina Fritsch (Burg). Ganz wählte Jens Harzer, der ihm stilistisch nahesteht, ein poetischer Künstler, eine Art Gralsritter der Schauspielkunst. Am Theater wurde Ganz fast wie ein Gott verehrt, zum Publikumsliebling machte ihn der Film. Ganz' markanteste Rolle war wohl der Engel in „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Als diese Figur könnte man sich auch Harzer gut vorstellen.

Der gebürtige Wiesbadener ist 47 Jahre alt, fast noch ein Jüngling für den auf Lebenszeit verliehenen Iffland-Ring. Theaterbesucher kennen Harzer als Alter Ego Peter Handkes in dessen Stück „Immer noch Sturm“, das der mittlerweile verstorbene Dimiter Gotscheff inszeniert hat: Auf der Heide im Jauntal schreibt Handke seine Familiengeschichte neu: „Grüß Gott, Frau Mutter!“ Die Aufführung war bei den Salzburger Festspielen in Hallein und am Burgtheater zu sehen.

Ebenso markant wirkte Harzer 2018 in Kleists „Penthesilea“, von Johan Simons als Paarduell bei den Festspielen im Salzburger Landestheater angelegt, ein psychisch tödlicher Zweikampf zwischen der wehrhaften Heldin, die eine Karrierefrau von heute sein könnte (gespielt von Sandra Hüller) und Harzer als Achill, schwankend zwischen Hilflosigkeit und Ranküne.

Von 2001 bis 2004 war Harzer als Tod in Hofmannsthals „Jedermann“ auf dem Domplatz zu erleben. Harzer studierte an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule. Zu seinen frühen Förderern gehörte Dieter Dorn. Er gab Harzer ideale Rollen, den Mörder Roberto Zucco (Koltès), den Dichter Torquato Tasso (Goethe), in der Regie von Martin Kušej spielte Harzer den geschundenen Woyzeck (Büchner). „Dieser fiebrige Schauspieler besitzt James-Dean-Qualitäten und die Aura eines seltsamen Heiligen“, lobte in kühner Übertreibung, dennoch recht treffend die „Süddeutsche Zeitung“.

In Wien war Harzer noch in einem weiteren Handke zu sehen, 2012 in „Die schönen Tage von Aranjuez“ im Akademietheater. Der „Presse“ sagte Harzer damals: „Was mir an Handke gefällt, ist dieses Beharren auf dem eigenen Weltblick, das finde ich geradezu vorbildlich, diesen Don-Quijote-Punkt. Er sagt: Ich sehe die Welt, wie ich sie sehe, und das ist zu verteidigen. Das ist mein Gut. Mit einer gewissen Schrulligkeit beharrt Handke auf der Subjektivität. Wer macht das schon? Das ist toll!“ Hier haben Harzer und Handke offenbar etwas gemeinsam.

Der Iffland-Ring ist aus Eisen gefertigt und mit einem von 28 kleinen Diamanten umgebenen blauvioletten Halbedelstein besetzt, in den das Profil des deutschen Schauspielers, Theaterdirektors und Dramatikers August Wilhelm Iffland (1759–1814) eingraviert ist. Dieser ließ angeblich mehrere Ringe anfertigen – wie der Vater aus der „Ring-Parabel“ in Lessings Werk „Nathan der Weise“ für seine Söhne. Einer anderen Theorie zufolge soll Iffland den Ring von Goethe erhalten haben.

Dieses Schreiben setzte Bruno Ganz nach dem Tod von Gert Voss auf – (c) BKA

Schauspieler des Jahres und im „Tatort“

Iffland-Ring-Träger waren bisher u. a. der Schauspieler Ludwig Devrient (er war der erste), Albert Bassermann, Werner Krauß und Josef Meinrad. Ein roter Faden ist hier nicht auszumachen, Devrient (1784–1832) hatte den Ruf eines wilden, hochdramatischen Temperaments wie es sich für Schauspieler lang gehörte, die Devrients waren eine Theaterdynastie.

Albert Bassermann (1867–1952) spielte in Max Reinhardts Ensemble. Dass Werner Krauß (1884–1959) dem Wiener Burgschauspieler Josef Meinrad den Ring überließ, wurde als Sensation angesehen und auch bissig kommentiert. Auf dem Totenbett soll Krauß auf die Frage, wer den Ring bekommen solle, „Mein Rat ist . . .“ gemurmelt haben, dann verschied er und die Anwesenden glaubten, Meinrad sei gemeint gewesen. Josef Meinrad und Bruno Ganz verband jedenfalls das Bodenständige und Lautere. Harzer ist seit 2009 am Thalia Theater in Hamburg engagiert. Dort spielte er zuletzt u. a. den Cyrano de Bergerac.

2008 und 2011 wurde er in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt. Harzer dreht aber auch, in „Babylon Berlin“ (Sky) oder „Der Tatortreiniger“ (Comedy, Netflix) ist er zu sehen – und in „Tatort“-Folgen. Selbstüberschätzung scheint Harzers Sache nicht zu sein. In der „Presse“ antwortete er auf die Frage, wie ein privat so schüchtern wirkender Mensch wie er derart erfolgreich sein kann: „Es war Glück. Wenn es mit der Schauspielerei nicht geklappt hätte, hätte ich etwas anderes gemacht.“

Der Iffland-Ring

Der Iffland-Ring als Anerkennung für den "würdigsten" Schauspieler wird testamentarisch von Träger zu Träger vermacht. Zuletzt war der im Februar gestorbene Schweizer Bruno Ganz mit dem Iffland-Ring ausgezeichnet worden.

Der jeweilige Träger des Ringes hat "spätestens drei Monate nach der Verleihung" seinen Nachfolger in einem verschlossenen und "womöglich versiegelten" Schriftstück zu nennen und dieses der Bundestheaterverwaltung zu übermitteln.

Er besitzt eine weitreichende Tradition: Laut Überlieferung wurde er von Goethe dem Schauspieler, Dramatiker und Theaterleiter August Wilhelm Iffland (1759-1814) übergeben und ist dem jeweils bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler weiterzugeben. Der Ring aus Eisen trägt einen großen, blauvioletten Halbedelstein, den der Kopf des Künstlers ziert, umgeben von achtundzwanzig kleinen Diamanten. Als Theaterleiter hatte Iffland Berlin zur führenden Theaterstadt gemacht. Den Iffland-Ring hat der Künstler der Legende nach 1813 an Ludwig Devrient übergeben. Es entstand eine Tradition der Weitergabe des Ringes an den "Würdigsten".

Träger des Iffland-Rings:

Stifter August Willhelm Iffland
ab 1814 Ludwig Devrient
ab 1832 Emil Devrient
ab 1872 Theodor Döring
ab 1878 Friedrich Haase
ab 1911 Albert Bassermann
ab 1954 Werner Krauß
ab 1959 Josef Meinrad
ab 1996 Bruno Ganz
ab 2019 Jens Harzer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2019)

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