„Magic Afternoon“ wird zum nervösen Nachmittag

KritikKann Wolfgang Bauers Erfolgsstück wiederbelebt werden? Florian Thiel wagt in der Josefstadt diesen Sprung.

Und schon fließt Blut, aus Spiel wird Ernst: Anna Laimanee als Monika, Igor Karbus als Joe.
Und schon fließt Blut, aus Spiel wird Ernst: Anna Laimanee als Monika, Igor Karbus als Joe.
Und schon fließt Blut, aus Spiel wird Ernst: Anna Laimanee als Monika, Igor Karbus als Joe. – Josefstadt/Alina Amman

Nein, einen Bürgerschreck wie Wolfgang (Wolfi) Bauer, der in den Sechzigern mit weiteren Dichtern wie dem Fredi, der Barbara und dem Peter von Graz aus die Literatur erobert hat, der den Leuten aufs Maul geschaut, den Zeitgeist erfasst, einen ganz eigenen Stil des Volksstücks geschaffen hat, gibt es nicht mehr. Bauer ist seit fast 14 Jahren tot; zuvor schon hat man fast gemeint, es seien auch seine Stücke, mit denen er bis in die späten Siebziger nicht nur steirische Herbste, sondern auch fast die ganze Welt schockiert und entzückt hat.

Solche Aufreger sind auch nur schwer wiederzubeleben. Auf der Probebühne des Theaters in der Josefstadt hat es ein junger Regisseur mit einem jungen Ensemble dennoch gewagt – und dabei sogar etwas gewonnen, wie sich am Donnerstag bei der Premiere von „Magic Afternoon“ gezeigt hat: Florian Thiel hat nicht versucht, die Atmosphäre der 68er wiederzubeleben, die offenbar geglaubt haben, Sex and Drugs and Rock 'n' Roll wenn schon nicht erfunden, so doch zumindest gepachtet zu haben. Stattdessen ersetzt er die schlampige Coolness dieser Generation durch lauernde Nervosität, die besser in die gegenwärtige Endzeit passt.

 

Abhängen in der Schwüle der Provinz

Was passiert in dem Einakter, der 1968 in Hannover uraufgeführt wurde? Nicht viel. In einer österreichischen Provinzhauptstadt hängt ein Paar ab. Schwüle. Es droht ein Gewitter. Charly, der sich als Dichter sieht, obwohl er kaum schreibt, und seine Freundin Birgit vertreiben sich die Zeit mit Trinken, seltsamem Geplauder und Sex, auch mit etwas Gewalt, Wort- und Machtspielen. Sie hören Popmusik, haben nicht die Energie, um auch nur baden oder ins Kino zu gehen: „Die Wölt ist nämlich unhamlich schiach.“

Dann erscheint ein weiteres Paar, Joe und Monika. Auch sie sind voll Überdruss und verdeckter Aggression, die bald zum Ausbruch kommen wird. Am Ende, nach zwei Haschischzigaretten, einer homoerotischen Spielerei und einem Vergewaltigungsversuch liegt jemand tot auf dem Boden.

Diese Abfolge wird mit wechselndem Tempo gespielt. Anfangs zelebriert man in der hellen Wohnung der abwesenden Eltern die Langweile (Alina Amman hat die Bühne mit einem kleinen Bücherregal im Türstock, zwei roten Stühlen und einem alten Telefon – mit Wählscheibe! – ausgestattet). Charly, schwarzer Hut, nackter Oberkörper (Matthias Franz Stein), trinkt Gin. Birgit (Gioia Osthoff), leicht bekleidet, holt Sekt. Sie rauchen Kette, forcieren en passant Beziehungskrisen, reden parallel übers Reisen, Dichten und Scheitern von Plänen: So zu schreiben wie im öden Alltag! Nichts sagend oder nichtssagend, das ist hier die Frage!

 

Noch gar nicht durch, sondern blutig

Stein gelingt es leichtgängig, diesen oft gar nicht stillen Brüter zu verkörpern, der so dionysisch wie martialisch sein kann, Osthoff spielt mit Lust eine junge Frau, die ebenfalls zwischen Phlegma und der Fähigkeit zur Manipulation schwankt. Wenn dann noch Igor Karbus als bloß anfangs gemütlicher Joe und Anna Laimanee als sein ebenfalls ambivalentes Pendant Monika dazustoßen, entwickeln sich die irrsten Beziehungskisten. Gespielt wird von diesem Quartett bei vollem Körpereinsatz und stets treffsicher in der Sprache. Am Ende erlebt man sogar ein Trio mit furchtbarer Intensität. Das Finale ist das Beste hier. Bauer ist dabei noch gar nicht durch, sondern echt blutig.

Ein Manko aber: Es gibt kaum Pausen vom Sprechen. Ist das bloße Abhängen heute tatsächlich schwerer als damals? Konnte man sich früher besser gehen lassen? Wahrscheinlich ist Lässigkeit genauso rar wie der Skandal, nach all den Phasen weniger neuer Wilder, der Postdramatik und ihrer Epigonen. Das gilt auch für die Musik. Bei Inszenierungen von Bauer-Stücken dienten vor 50Jahren als Background damals aktuelle Stars aus Beat und Soul. Bei Thiel zitiert Pola Schulten mit Gitarre, Keyboard und Gesang stets kühl dieses Alte, verfremdet zur Anonymität der Generationen X, Y, Z, . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2019)

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