Festwochen-Premiere: Argentinien in Kagran

Kritik Mariano Pensotti zieht mit „Diamante“, der Geschichte einer fiktiven Stadt, das Publikum in seinen Bann: Der gesellschaftliche Verfall läuft in fünfeinhalb Stunden auf bis zu elf Bühnen ab. Das Abenteuer entsteht im Kopf.

Irgendwann kippt die Stimmung in der argentinischen Musterstadt Diamante: Ein Ehepaar nach dem Raubüberfall.
Irgendwann kippt die Stimmung in der argentinischen Musterstadt Diamante: Ein Ehepaar nach dem Raubüberfall.
Irgendwann kippt die Stimmung in der argentinischen Musterstadt Diamante: Ein Ehepaar nach dem Raubüberfall. – (c) Nurith Wagner-Strauss / Wiener Festwochen

Der argentinische Regisseur Mariano Pensotti sieht sich vor allem auch als Schriftsteller. „Wenn ich fürs Theater schreibe, denke ich nicht in Dialogen, sondern stelle mir vor, dass ich einen Roman schreibe oder Short Storys,“ sagte er vor einigen Jahren in einem „Presse“-Interview – „es werden aber meist Aufführungen daraus“. Das passierte ihm auch bei „Diamante“, wie die Premiere am Samstag bei den Wiener Festwochen in der Erste Bank Arena zeigte.

Diese Produktion, die im Vorjahr bei der Ruhrtriennale uraufgeführt worden war, fasziniert als Gesamtkunstwerk. Den nur oberflächlich alltäglichen, nach und nach verwobenen Geschichten kann man sich kaum entziehen. Ein paradoxer Effekt setzt ein: Je länger der Abend, desto rasanter. Man will doch sehen, was aus zwei Dutzend Schicksalen wird! Nach fünfeinhalb Stunden (mit Pausen) weiß man zwar, was mit der Stadt passieren soll, doch für die Menschen, die dort lebten, ist alles offen. An ihrer Stelle gibt es nun Pappfiguren in den Häusern.

Manipulationen und totale Kontrolle

Zehn Hütten (Bühne, Kostüme: Mariana Tirantte) stehen für die fiktive Stadt Diamante, die der aus Deutschland stammende Unternehmer Emil Hügel vor hundert Jahren im Dschungel Argentiniens als Werksiedlung für Arbeiter und Angestellte seiner Firma Goodwind errichten. ließ. Dort herrschte lange Wohlstand, während die Bevölkerung draußen arm und ausgeschlossen blieb. Der Preis der Exklusivität: Überwachung. Als Zuseher betreibt man sie nach Betreten der Halle 3 zwangsläufig. Parallel laufen in den Hütten und einem PKW je acht Minuten lange Szenen ab. Elf Stationen kann man im ersten Abschnitt (Sommer) absolvieren. Im zweiten (Herbst) sind es neun, im dritten (Winter) sieben. Die Stadt geht vor die Hunde. Bald hat man eine Ahnung, wie die Akteure, von denen manche zwischendurch Schauplätze wechseln, zueinander stehen.

Die Hütten und das Auto sind intim, man kommt sich vor wie ein Voyeur, wenn es auf dem Rücksitz eine Managerin und ihr Angestellter treiben. Just zum Höhepunkt ruft dessen Frau bei der Geliebten an, die ihre Chefin ist. Die will die Konkurrentin, so erfährt man, loswerden. Das gelingt. Aber wie! Langfristig bleibt hier niemand sicher. Ständig geht es mit den Karrieren auf und ab. Und fast jeder hat ein dunkles Geheimnis, ob nun Fahrerflucht, Bestechung oder bloß eine tiefere Depression.
Noch weiß man bei der ersten Station nicht, dass der Part der betrogenen Ehefrau simultan in Hütte drei gespielt wird. Allerdings geben deutsche Übertitel über jeder Szene nicht nur Aufschluss über das aktuelle Geschehen, sondern Andeutungen über die Zukunft, Verweise auf Vergangenes – etwa über einen Unfall Jugendlicher, ein Massengrab, auf Ränke der Mitarbeiter und kalte Kalkulationen der Firma, Pläne zu einer Fusion, zu radikalem Stellenabbau. Sie scheinen mit dem zusammenzuhängen, was in der verwüsteten Hütte zwei passierte, in der ein ramponiertes Paar gereizt aufräumt, die Anwälte der Firma. Der Verdacht, wer die Räuber waren, verdichtet sich am Schluss.
Die Firma will auch eine gefügige Mitarbeiterin als rechtsliberale Gouverneurin installieren. In Hütte drei erlebt man die Vorbereitungen auf ihren Wahlkampf, in weiteren Szenen Reaktionen vom Betriebsrat und von der Linken. So viele Frustrierte, die das Glück in Diamante suchen! Ein Mittel dazu wäre die Musik. Aber selbst sie ist Zwang. Herr Hügel hat verordnet, dass jeder Bewohner ein Instrument erlernen muss. Und die Bühnenmusik von Diego Vainer? Dräuend.

Flucht in Drogen und alte Mythen

Man spürt den Erfolgsdruck und die Müdigkeit, die kleinen Schwindeleien und großen Illusionen, die verloren gehen. Ein Mann, kehrt zurück in die Stadt, um die Bar seiner verstorbenen Mutter weiterzuführen. Er träumt schlecht von Unheimlichem im Keller der Vergangenheit und hoffnungsvoll von einer Öffnung der Stadt in der Zukunft. Diese letzte Hütte wird zum Treffpunkt Gescheiterter, Krimineller und jener, die dem Schicksal kämpferisch trotzen wollen. Wen wundert es da, dass ein Dealer zugleich die Ordnungsmacht vertritt? Doch selbst der hat Träume. Er will Schauspieler werden. Zu Herzen gehen an mehreren Stationen die Jugendlichen. Sie flüchten in Drogen und alte Mythen. Und einer ihrer Lehrer, der Gatte der intriganten Gouverneurin, möchte das ultimative Stück über Diamante schreiben.

Pensotti und seinem Ensemble gelingt es, die Minidramen, die einzeln etwas mechanisch sind, kunstvoll zu einer bitterbösen Parabel auf moderne Zeiten zusammenzufügen. Allein schon die Übertitel der 27 Episoden wirken wie das Konzept für einen prallen Roman. Es ist stattdessen aber wieder ein fantastisches Stück geworden.

Weitere Termine: 14. bis 16., 18., 19. Mai, jeweils um 18 Uhr, in der Erste Bank Arena, Halle 3 (Attemsgasse 1 in Kagran), Deutsch und Spanisch mit deutschen Übertiteln.

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