Festspiele Reichenau: Schrille Ödnis zwischen Birken und in Lauben

KritikHermann Beil hat mit Turgenjew allerlei probiert und auch einiges angestellt. Beil ist weder ein Spaßmacher noch ein Gefühlsriese. Die Komödie „Ein Monat auf dem Lande“ erweist sich dennoch als sehenswert.

FESTSPIELE REICHENAU: 'EIN MONAT AUF DEM LANDE'
FESTSPIELE REICHENAU: 'EIN MONAT AUF DEM LANDE'
FESTSPIELE REICHENAU: 'EIN MONAT AUF DEM LANDE' – APA/ROBERT JAEGER

Auf Langeweile reagieren Menschen unterschiedlich: Manche werden depressiv, andere hysterisch, wütend, oder sie spielen gleich verrückt. Ein wenig von alldem steckt in Natalja Petrowna, der Frau des Gutsbesitzers Arkadij Islajew, die besser in einen Salon in der Stadt passen würde als zwischen Birken und hölzerne Gartentische. Julia Stemberger spielt die bedauernswerte Dame, ihren Hausfreund und Möchtegernliebhaber Michail Rakitin (Günter Franzmeier) quält sie bis aufs Blut.

Hermann Beil inszenierte im Neuen Raum Iwan Turgenjews Komödie „Ein Monat auf dem Lande“. Beil ist weder ein Spaßmacher noch ein Gefühlsriese, insofern war die Entscheidung der Festspielleitung wagemutig. Aber man weiß, auf Beil kann man sich verlassen. Die Aufführung bietet Diskussionsstoff, sie wirkt vor allem anfangs schrill und unausgegoren, vielleicht ist das Absicht. Beil wollte die Verstörtheit dieser Figuren hautnah erlebbar machen.

Ältere dominieren, Jüngere rebellieren

Julia Stemberger kann diesmal nicht allen gefallen, vielleicht nicht einmal all ihren Verehrern im Publikum. Ihre Natalja bellt, keift, kommandiert und manipuliert, was einerseits nervend, andererseits aber imposant wirkt. Und letztlich überwiegt das Imposante. Mindestens zwei untadelig köstliche Szenen gibt es: In der einen prallen die Hausfrau und ihre Pflegetochter Werotschka (Maria Schuchter) aufeinander, in der anderen der Arzt Schpigelskij (David Oberkogler) und die Gesellschafterin Jelisaweta (Chris Pichler). Die 17-jährige Werotschka wird schlagartig erwachsen, als ihr klar wird, dass Natalja sie nicht aus mütterlicher Fürsorge über ihre Neigung zum jungen Studenten Alexej (Tobias Reinthaller) ausgehorcht hat, sondern, weil sie selbst in diesen frischen Burschen verliebt ist. Natalja will Werotschka loswerden, sie soll den tumben, reichen Nachbarn Bolschintzow (Nicolaus Hagg) heiraten, Werotschkas silberhelles Gelächter, gemischt mit Hohn über die Zumutung, bleibt von diesem Abend in Erinnerung.

Ebenso der kuriose Antrag, den der Doktor der Gesellschafterin macht: Er sei weder ein angenehmer noch ein lustiger Zeitgenosse, sagt er, neugierige Weiber seien ihm verhasst, obwohl er selbst neugierig sei. Und das späte Mädchen Jelisaweta solle bloß das kokette Getue lassen. Dafür sei man zu alt. Ein echter Charmebolzen, dieser Herr.

Dirk Nocker spielt den Gutsbesitzer, der mit seiner Landwirtschaft beschäftigt ist und nicht merkt, dass seine Frau ihm längst entglitten ist. Warum aber verliebt sich Natalja nicht in den gleichgesinnten Rakitin, in dem sich Turgenjew selbst abgebildet hat? Weil sie lieber virile, naive Kerle mag. Ein solcher ist der junge Student, ein solcher war einst ihr feist gewordener Gatte, der in beruflichen Sorgen versunken ist. In der abgelegenen Liebeslaube will er ein Pausenquartier für seine Arbeiter einrichten: Sehr sozial.

Zeitweise wird zu schnell und undeutlich gesprochen. Trotz mancher Irritation rundet sich dieser Turgenjew jedoch zu einer spannenden Aufführung, in der viel drin ist, viel anklingt. Hie die Gesellschaft, die sommerlich heiter gestimmt sein sollte, die es aber kaum schafft, zwischen Drachen-steigen-Lassen und Tee-Trinken auch nur halbwegs das Dekorum zu wahren. Dort die Mühsal, mit der das Geld verdient wird. Nur zwei bleiben sie selbst in dem ganzen Theater: Die Oma, Mutter des Gutsbesitzers, pocht auf Anstand und Sitte, Elisabeth Augustin tut das mit runden Augen und stummem Vorwurf; Bub Kolja (Valentin Hagg) entzückt mit kindlichem Zorn, als Mutter Natalja ihn seines Freundes Alexej beraubt.

Apropos Hagg: Bitte endlich eine ordentliche Rolle für Nicolaus Hagg, der Reichenau so viele tolle Texte beschert hat. Er ist mehr wert als die Knallchargen, die er dort oft spielen muss. Insgesamt: eine sorgfältig einstudierte, überwiegend gut besetzte Produktion, die nicht zuletzt wegen Erika Navas' Kostümen ästhetisch punktet.

REICHENAU-PROGRAMM

Vorschau auf das Festival 2020. Gespielt wird „Umsonst“, Nestroys Posse über das Sommertheater, die der Dichter in Reichenau geschrieben hat. Stefan Slupetzky, Literat und Krimiautor („Der Lemming“) dramatisiert Henry James' Roman „Washington Square“ unter dem Titel „Arme Reiche Erbin“. Nicolaus Hagg schreibt die Bühnenfassung zu Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“. Ferner wird „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2019)

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