Akademietheater: Weihnachtsstück für Ehefeinde

Schimmelpfennig inszeniert Schimmelpfennig. „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ und punktet mit einer interessanten Konstruktion und guten Schauspielern. Trotzdem, nur halb geglückt.

(c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)

Vier Mediziner wollen ein kleines Fest feiern. Die zwei Paare, Anfang 40, haben sich sechs Jahre nicht gesehen, das eine war in Afrika, das andere hat sich im brüchigen Kleinfamilienglück etabliert. Von Beginn an schweben jedoch düstere Schatten über dem Zusammentreffen...

„Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ von Roland Schimmelpfennig, der mit „Der goldene Drache“ an der Burg einen großen Erfolg gefeiert hat, ist nun in Wien angelangt. „Peggy“ ist Teil einer Afrika-Trilogie, die Uraufführung fand in Kanada statt, die deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Theater in Berlin in der Regie von keinem Geringeren als Martin Kušej. Die Kritiken waren dennoch mäßig. Das Burgtheater ist stolz darauf, für seine Version den Autor als Regisseur gewonnen zu haben.

Schimmelpfennigs Regie ist nicht ideal. Das Hauptproblem ist, dass die Schauspieler keine Minute vergessen lassen, dass das Treffen dieser Paare – wie bereits im ersten Satz festgehalten wird – eine Katastrophe ist. Der Witz der Story ist gekillt: Er liegt u. a. im Gegensatz zwischen bürgerlicher Tünche, bemühter Geselligkeit, dem Wunsch, sich zu freuen, einerseits und andererseits der Fremdheit, Unfähigkeit der vier über das, was sie erlebt haben, hinweg-, zusammenzufinden. Schimmelpfennig hat sein Stück kastriert. Vielleicht ist es auch nicht sein stärkstes – angesichts der Konkurrenz von edlen Altertümern wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Albee) oder dem perfiden Esprit neuerer Geschlechterkriege wie „Der Gott des Gemetzels“ (Yasmina Reza).

 

Postkoloniale und private Tragödien

Das Thema ist aber allemal spannend und hochaktuell: Was geschieht, wenn wir uns auf die Gräuel einlassen, die tagtäglich aus den Medien quellen, die wir zunehmend gleichgültig an uns vorbeirauschen lassen? Schimmelpfennig dekliniert das Problem konsequent durch: Martin und Karen, die wackeren Urwalddoktoren, haben sich in Afrika der Armen angenommen; Karen hat den Kinderwunsch, den sie sich versagt hat, bei der kleinen, vermutlich aidskranken Annie ausgelebt. Doch dann kam der Bürgerkrieg oder die Guerilla, die Westler mussten mehr oder minder flüchten. Annie bleibt zurück; als Phantom ist sie in Form einer afrikanischen Puppe auf der Bühne präsent. Liz und Frank haben gespendet. Besonders Liz, die inzwischen selbst eine Tochter hat, ist verstört: Kathie schreibt Annie Briefe nach Afrika und will ihr eine ihrer Lieblingspuppen schicken: Peggy Pickit. Die winzige Plastikpuppe ist inspiriert von einer Serie namens Polly Pocket, die, ähnlich wie Barbie, nicht nur aus Puppen besteht, sondern aus all dem Ramsch, den Eltern und Kinder glauben haben zu müssen: vom Ballkleid bis zum Vergnügungspark. Dies ist die Sorte Zeug, die nach Weihnachten blitzartig unter dem Bett oder hinter Kästen verschwindet. Peggy, das Sinnbild für leer wuchernden Konsumismus, erscheint als das Symbol einer Art Götterdämmerung, wie sie die Akteure erleben. Die afrikanische Puppe hingegen, die mit markigen Sprüchen zu Wort kommt, hat nichts als ihr Halstuch am Leibe.

Schimmelpfennig baute eine originelle Dramaturgie, welche die Banalität, die sich aus dem Inhalt (Neokolonialismus etc.) ergeben könnte, aufhebt: Die Figuren sprechen miteinander – und beiseite. Ein uralter Theatertrick; Reales, Surreales, Zuneigung und nackte Aggression wechseln. Weniger originell ist das periodische Starren ins Publikum – und der Alkohol, der wie bei Albee in Strömen fließt, sodass man sich fragt, wie diese Menschen aufrecht gehen, geschweige denn ihrer Arbeit nachgehen können.

 

Ohrfeigen bis zum Abwinken

Bühnenbildner Johannes Schütz baute, wie schon bei „Phädra“, eine weiße Wand – und könnte sich auch mal etwas Neues einfallen lassen. Die Schauspieler sind sozusagen routinemäßig überzeugend: Christiane von Poelnitz spult als Liz wieder ihre „Desperate Housewives“-Nummer ab: eindrucksvoll, etwas viel. Tilo Nest gibt ihren passiv-aggressiven Mann Frank, der immer falschliegt, egal, was er tut. Peter Knaack (Martin) ist ein allzu aalglatter, steriler Ärzte-ohne-Grenzen-Doktor, dem man seine wechselnden Liebesabenteuer jedenfalls nicht ansieht. Caroline Peters als Karen ist eine kühle Blondine, die deutlich macht, dass sie im richtigen Leben ein Opfer ihrer krampfigen intellektuellen Vorstellungen geworden ist.

Dieses Drama ist u.a. auch das Weihnachtsstück für Ehefeinde. Die Mechanismen trudelnder Partnerschaften schildert Schimmelpfennig minimalistisch punktgenau. Anderes irritiert: Die zwei Frauen ohrfeigen einander ausdauernd, eine Zumutung für Schauspielerinnen, die mit Striemen und hochroten Wangen von der Bühne gehen. Warum hauen sich eigentlich nicht die Männer? Vor allem anfangs wirkt die Aufführung mit ihren Wiederholungen und Sprüngen zwischen den seelischen Ebenen redundant. Trotzdem geht man mit allerlei Fragen im Kopf aus dem Theater – und das ist gewiss auch ein Zweck dieser Übung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2010)

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