Qualtingers 25. Todestag: Heimweh nach Wien in Wien

Vor 25 Jahren starb der Schauspieler und Kabarettist. Mit seiner Heimatstadt Wien verband ihn eine Hassliebe. Vor allem die Unterwürfigkeit und das Wegschauen der Wiener machte ihm zu schaffen.

(c) APA (DIDI SATTMANN)

"Man kann es in Wien nicht mehr aushalten, aber woanders auch nicht.“ Es sind Zitate wie dieses, die das Verhältnis von Helmut Qualtinger zu seiner Heimatstadt am treffendsten beschreiben. Denn wenn Wien auch für ihn jene Stadt war, in der er aufgewachsen war, lebte und seine großen Erfolge feierte, so litt er doch Zeit seines Lebens auch unter ihr. Um es zu präzisieren – vor allem litt er unter den Wienern. An den Mitläufern, Wegschauern und Opportunisten, denen er 1961 mit dem Stück „Herr Karl“ einen Spiegel vorhielt – und die sich weigerten, sich selbst darin zu erkennen. Und später auch daran, dass Publikum und Presse ihm fortan immer den Stempel des Herrn Karl aufdrücken wollten.

Am 29 .September jährt sich der Tod des Schauspielers und Kabarettisten zum 25. Mal – zum Jahrestag bringt der ORF eine neue Dokumentation seines langjährigen Freundes und Weggefährten André Heller, in der einige Zeitzeugen zu Wort kommen. Und – ein weiterer Jahrestag – am 15.November vor 40 Jahren wurde der „Herr Karl“ erstmals im ORF ausgestrahlt. An dieses Jubiläum erinnert der Wiener Autor Georg Biron mit der Biografie „Quasi Herr Karl“, die sich genau um jene von Qualtinger geschaffene Kultfigur dreht.

„Qualtinger und der Herr Karl wurden gleichgesetzt“, sagt Biron. „Das hat er als Belastung empfunden, weil er vom Charakter her gar nicht so war.“ Ganz im Gegenteil. Das Aufbegehren gegen Autoritäten zieht sich durch sein gesamtes Leben – während der Nazi-Zeit las der Sohn eines glühenden Nationalsozialisten verbotene Literatur, nach dem Krieg engagierte er sich gegen den Kommunismus. Und immer hatte er einen besonders kritischen Blick auf die Mächtigen. Kein Wunder, dass er vom Umschmeicheln der Wiener, die ihn als nettes und lustiges Original sahen oder sehen wollten, geradezu angewidert war. Die Wiener Gemütlichkeit, die über alles, auch über ihn, gestülpt wurde, war ihm zuwider. Denn hinter der Liebe und den Umarmungen des Publikums verbarg sich seiner Ansicht nach nur die Absicht, ihn nicht ernst nehmen zu müssen.


Flucht nach Deutschland. Genau deswegen zog es ihn Anfang der 1970er-Jahre nach Deutschland. In Hamburg, wo er seine zweite Frau Vera Borek kennenlernte, wohnte er rund fünf Jahre lang. Weitgehend unerkannt in der Öffentlichkeit, und vor allem nicht bei jeder Gelegenheit auf den Herrn Karl reduziert. „Hamburg ist ein angenehmer Platz“, beschrieb er seine zeitweilige neue Heimat. „Vielleicht, weil es so neutral ist.“ Es war auch jene Zeit, in der ihm Wien am besten gefiel – weil er es aus der Ferne betrachten konnte.

„Ich habe Heimweh nach Wien, wenn ich in Wien bin“, habe Qualtinger gesagt, erzählt Biograf Biron. „Wenn ich die Stadt verlasse, verliere ich das Heimweh.“ 1928 in die Zwischenkriegszeit geboren, erlebte er Wien vor allem in trister Verfassung. Noch in den Trümmern der Nachkriegszeit begann er, Theater zu spielen, erlebte die Nachwehen der Nazi-Zeit hautnah mit. Und es sollte lange dauern, bis auch die letzten Erinnerungen an die Kriegsjahre aus dem Blickfeld verschwunden waren. Vor allem an den Stadträndern war Wien bis weit in die 1970er-Jahre hinein ein durchwegs trister Ort. „Und Qualtinger war auch viel an der Peripherie unterwegs“, erzählt Biron, „er hat die Stadt richtiggehend in sich aufgesogen.“

In dieser Zeit, in der langhaarige Jugendliche aus Kaffeehäusern geworfen wurden und Unterhaltung nur im Stil von Heurigenmusik vorhanden war, gab es nur einige wenige Refugien, in die sich Qualtinger flüchten konnte. Da gab es das Café Hawelka, in dem er vor allem in den 50er- und 60er-Jahren häufig anzutreffen war – um ausländische Zeitungen zu lesen. Und etwa zu Beginn der 1960er entstand im Hinterzimmer des Delikatessenladens Gutruf jener legendäre Treff der städtischen Bohème, der quasi zu Qualtingers Wohnzimmer wurde.


Vorbild für den „Herrn Karl“. Hier verkehrte er unter anderem mit dem Schriftsteller Carl Merz – mit ihm verfasste er den Herrn Karl –, Schauspieler Kurt Sowinetz, dem Maler Friedensreich Hundertwasser oder dem Bildhauer Alfred Hrdlicka – Letzterer sollte auch später Qualtingers Grabstein gestalten. Das Gutruf war für Qualtinger einer der wichtigsten Orte der Stadt. Unter anderem auch deswegen, weil der Betreiber Hannes Hoffmann mit seiner devoten Art in die Persönlichkeit des Herrn Karl einfließen sollte.

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland zog er 1975 in den Heiligenkreuzerhof in die Innenstadt – einen Ort, von dem er immer schon geträumt hatte und zu dem er mit beinahe jeder weiblichen Eroberung gepilgert war. Unter anderem wegen der räumlichen Nähe traf man ihn dann häufig im Café Alt Wien oder der Wunderbar.

Wenn er seine Rollen lernte, zog er sich gerne zum Denkmal von Maria Theresia zwischen Kunsthistorischem und Naturhistorischem Museum zurück: „Ein magischer Platz für ihn“, sagt Biograf Georg Biron. Und dann war da auch noch der Prater – das Schweizerhaus war einer seiner Lieblingsplätze. Hier saß er oft und verspeiste Quargeln – denn, was viele nicht wissen, Qualtinger war Vegetarier. Und ein „kärglicher Esser, dafür ein mächtiger Trinker“, wie er es formulierte. Der Alkohol war es dann auch, der seinem Leben ein frühes Ende bereitete. Im Alter von 57 Jahren starb er am 29.September 1986 an Leberzirrhose.

Ein letztes Mal konnten ihn die Wiener noch vereinnahmen. Der „liebe Verblichene“, wie ihn der damalige Bürgermeister Helmut Zilk nannte, wurde auf dem Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet.

Buch
Georg Biron
Quasi Herr Karl.
Braumüller Verlag,
24,90 Euro

TV-Dokumentation
Qualtinger. Ein Film von André Heller.
So, 25.September, 23.05 Uhr, ORF2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2011)

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