Schmerzfrei Lachen über den Schmerz der Welt

Hosea Ratschiller hat mit „Das gehört nicht hierher“ eine brillante Tragikomödie mit reichlich Kritik über den Zustand der Welt hervorgebracht.

Schmerzfrei Lachen ueber Schmerz
Schmerzfrei Lachen ueber Schmerz
(c) Niedermair

„Wenn Elfjährige London anzünden. Das ist schon ein eigener Humor. Da bleibt dir das Nachdenken im Hals stecken", sagt Hosea Ratschiller bei der Premiere seines zweiten Solokabaretts „Das gehört nicht hierher", das am Mittwoch im Kabarett Niedermair Premiere hatte. Auf die Bühne tritt der Satiriker als der junge Ratschiller-Bua, der zum Begräbnis seines Opas ins Kärntner Dorf Tschurtschach zurückkehrt und die Trauergemeinde mit Comedynummern seines Opas unterhält: „Wir kommen nicht ans Erbe heran, wenn's nicht ausreichend fröhlich wird heut!" Schließlich war der Opa der erste Elvis-Imitator in den 1950ern und hatte für jede Situation eine Lebensweisheit oder lockeren Spruch parat. Dieses Setting schafft Raum für einen brillanten Abend voller Komik, glänzender Geschmacklosigkeiten, sarkastischer Gesellschaftskritik - und Stimmimitation plus Gesangseinlagen.

Es wird in kaum einer Sekunde langweilig, die Wendungen der Geschichte überraschen stets aufs Neue (Regie: Jakob Kubizek), ebenso wie manch seichte Wuchtel, die Ratschiller ins Geschehen einbaut. Wie z.B.: Sind die Krocha jetzt Christbaumverkäufer geworden und fragen ihre Kunden: „Bam, oida?!" Der 30-jährige Kärntner, der in Wien bereits seit Jahren im Satire-Business tätig ist (FM4 Ombudsmann, Ö1 „Welt-ahoi"), hatte vorab angekündigt, dass im aktuellen Programm die Themen Licht, Kultur, Zuversicht, Zahnpflege, Imitationen, Sehnsucht, Europa, Krocha, Stockholm, Genua, Studium, Tod, Liebe, Politikverdrossenheit, Jugend, Karriere, Mut, Empörung und Elvis vorkommen werden.

Dieses Versprechen hat er in „Das gehört nicht hierher" gehalten. Und bringt zudem die Stimmung seiner Generation auf den Punkt: So erzählt er etwa von den Demos der Globalisierungsgegner, die in Genua 2001 von der Polizei „kurz und klein geschlagen" wurden, und bricht angesichts des Zustands der Welt und der Zusammenhänge, die diesen Zustand herbei geführt haben, mehrmals kurz in Wut aus: Man müsste sich das Programm fast zweimal ansehen, um jeden staccato-artigen Redeschwall vollständig mitzubekommen. Doch das Bühnen-Ich fasst sich stets mit den Worten „Aber das gehört nicht hierher" und schreitet weiter im Unterhaltungsprogramm der Trauergäste voran.

Die gespielte Idylle im Dorf, die bedrückenden Szenen mit Alt-Nazis, die tiefen Abgründe eines Depressionskranken, der als Kind von den Eltern verstoßen wurde, die Finanzkrise, die die Umwelt- und Armutskrisen der Welt überschattet - das alles bringt Ratschiller derart pointiert aufs Tapet, dass man schmerzfrei drüber lachen kann. Aber es gibt auch schöne Momente: Der junge Mann erzählt von der soeben gefundenen großen Liebe und vom funktionierenden Bildungssystem - das aber nur in Schweden. Jedenfalls bleibt einem bei diesem Programm das Nachdenken wahrlich nicht im Hals stecken, sondern es wird vom Lachen erst so richtig angekurbelt.

Termine

10. November., 14. und 15 .Dezember., 8. und 15. Jänner
im Kabarett Niedermair
Lenaugasse 1a
1080 Wien

01 4084492

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