Dornröschen: Wer küsst die kühle Eisprinzessin?

Die Tanz-Compagnie im Haus am Ring ist im zweiten Jahr der Ära Manuel Legris fit für schwierigste Aufgaben: Für Tschaikowskys Märchenballett bringen alle die nötige Technik in den Zauberwald.

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Archivbild – (c) APA (BTV-Zeiniger)

Es ist schon so, dass eine Tänzergeneration hierzulande vielleicht wusste, wie man das Wort „Präzision“ schreibt, nicht aber, was es bedeutet. Seit Manuel Legris das Szepter schwingt, agiert das Wiener Corps de ballet jedoch eines Sinnes. Selbst das Doppeloktett von Feen, das Dornröschen in der Visions-Szene des Mittelaktes von Tschaikowskys Stück umschwirrt, wirkt wie von einem Puppenspieler behutsam am Faden geführt.

Das war zuzeiten eine seltene Tugend und macht dem Ballettfreund den Besuch einer Aufführung heutzutage zum Vergnügen. An heftig bewegten Ensembleszenen mangelt es der frei nach Petipa arrangierten Peter-Wright-Choreografie ja nicht.

 

Was man Tschaikowsky antut

Zwar stutzt der Hörer öfters, wenn der genialen Partitur zuwidergehandelt wird und – etwa ausgerechnet nach dem erlösenden Kuss – Musiknummern aneinandergestoppelt werden, die Tschaikowsky nicht einmal im Albtraum miteinander in Verbindung gebracht hätte, wenn das Tempo wegen Überladenheit der Schrittfolgen viel zu langsam genommen werden muss, oder wenn sich die flinken Solisten des Pas de six zum Verbeugen anstellen, obwohl die Musik soeben in eine neue Tonart moduliert hat...

Immerhin musiziert man in der Staatsoper (unter Paul Connelly) Ballett nicht mehr so durchgehend degagiert wie einstens so oft. Zwischen zerbröselnden Blechbläser-Einsätzen ereignet sich in den Streichern doch manch weitbogige Phrase. Und – nebst eher übenden Flötisten – viel Erfreuliches vom Violin- übers Cello- und vor allem Oboen-Solo bis zur Klarinette, die zwar im Finale Heinrich IV. einen Takt zu früh feiert, aber den „blauen Vogel“ zum hinreißenden Dynamik-Kabinettstück modelliert, beinah so beweglich wie die Solisten auf der Bühne, Denys Cherevichko und Nina Poliakova.

Die Helden des Dramas absolvieren prächtige Szenen, elegant-sprungmächtig Prinz Florimund (Vladimir Shishov), makellos abgezirkelt bis hin zur beeindruckenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Spitzenakrobatik des „Rosen-Adagios“ die Aurora von Liudmila Konovalova. Ein wenig kühl, ja beinah autistisch wirkt die Schöne im Umgang mit ihrem prinzlichen Erlöser: Sie scheint auch im Pas de deux ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Eine Liebesgeschichte wird da jedenfalls nicht erzählt.

 

Böse und gute Fee: Ein Krimi

Dafür beeindrucken die beiden pantomimisch agierenden Feengestalten mit umso beredterer Aktion: Die erhabene Fliederfee von Dagmar Kronberger steht endlich einer jungen, also ebenbürtigen bösen Carabosse gegenüber, deren Auftritten Ketevan Papava im besten Märchenerzähler-Sinne fürchterliche Wirkung verleiht. Der Dialog der beiden ist ein Krimi. Oder besser: Märchen pur.

Staatsoper: „Dornröschen“ am 23., 25. (zweimal), 28. Dezember, 3. und 7. Jänner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2011)

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