Impro-Theater: Alles ist frei, nichts ist fix

Impro-Theater begreift die leere Bühne als Tabula rasa, die erst gefüllt werden muss.

ImproTheater Alles frei nichts
ImproTheater Alles frei nichts
(c) Katharina Roßboth

Stegreif ist eine der ältesten Theaterformen und diente in der Vergangenheit häufig dazu, die Zensur zu umgehen. Auf diese Weise konnten etwa Frechheiten gegen die Obrigkeit gebracht werden, die nicht im offiziellen Text standen. Besonders Nestroy verstand sich aufs Extemporieren, den „Wurstel kann keiner erschlagen“, sagt man in Wien. Improvisation ist aber auch ein wichtiger Teil des Probenprozesses. An der Wiege dieser Erfindung stand Stanislawski, in dessen Theater in Moskau Tschechow-Stücke uraufgeführt wurden. Die berühmteste angelsächsische Form der Improvisation ist die Stand-up-Comedy, die allerdings nur spontan aussieht, oft handelt es sich um einstudierte Nummern. Die Grauzone zwischen echter und vorgefertigter Impro – wie Improvisation meist genannt wird – ist breit. Heute erlebt diese jedenfalls eine Renaissance, sucht nach neuen, witzigen Formen. Aber worauf kommt es dabei überhaupt an?

Energie im Team. Schlagfertigkeit, Spielfreude und Spaß sind das Wichtigste beim Impro-Theater: „Man kann sich nicht in den Vordergrund spielen“, sagt die Schauspielerin Anita Zieher. „Die Energie fließt im Team, man muss gemeinsam gut aussehen.“ Zieher spielt seit zehn Jahren Impro-Theater und -Kabarett. Im Gegensatz zum Stegreif-Theater, wo die Handlung festgelegt ist und nur Teile des Textes improvisiert werden, ist bei Impro alles frei. Genau diese Freiheit ist die Herausforderung: Themen sind keine vorgegeben, die Schauspielerinnen müssen spontan reagieren. In ihren Kabaretts und Stücken beziehen Anita Zieher und Maria Magdalena Leeb das Publikum in die Handlung mit ein, lassen es Orte, Charaktere und Beziehungen festlegen.

„Impro entsteht im Moment seiner Aufführung“, sagt Jim Libby, Gründer der siebenköpfigen englischsprachigen Theatergruppe „English Lovers“. Zentral in der Impro sei die Vorstellungskraft und Fantasie der Zuseher: „Alles, was man sich vorstellen kann, kann auch aufgeführt werden“. In den unterschiedlichen Formaten findet man gewisse Rahmenbedingungen. Der „Theatersport“ gilt als „Einstiegsdroge“ in die Impro. Hier treten Teams in Showkämpfen gegeneinander an, das Publikum vergibt nach den Runden Punkte. Und in Krimi-Impros, wie sie regelmäßig in der „Drachengasse“ stattfinden, legen die Zuseher das Mordopfer und den Tatort fest.
Im Sommer soll der erste österreichische Impro-Film Premiere feiern. Die „English Lovers“ haben sich keine Handlung ausgedacht, bevor sie mit den Dreharbeiten begonnen haben. Klar waren nur die Drehorte. So wuchs das Storyboard mit jeder Szene. Zwölf Tage nahm sich das Team Zeit, erst am zehnten Tag kristallisierte sich die gesamte Handlung heraus.

Theater im Kopf. So ergibt sich der Unterschied zum herkömmlichen Theater: „Im normalen Theater müssen die Schauspieler so tun, als wüssten sie nicht, was ihre Kollegen als nächstes sagen. Im Impro wissen wir es wirklich nicht“, sagt Libby. Für Anita Zieher macht genau das die Faszination aus. „Man muss sich auf die Situation und die Kollegen einlassen. Das Publikum hat viel mehr das Gefühl, dabei zu sein.“ So entsteht das Stück in den Köpfen der Zuseher. Auf der Bühne stehen ein paar Leute, Kostüme tragen sie meistens keine, das Bühnenbild besteht aus einem Vorhang und ein paar Stühlen. Der Rest ist Imagination. Als Libby das erste Mal im „Ensemble-Theater“ auftrat, traf er nach der Show an der Bar auf zwei „alte Wiener Theaterhasen“. „Schöne Show“, sagte der eine. Und der andere: „Das ist der Tod des Theaters, was ihr da macht. Eure Geschichte war runder und unterhaltsamer als die meisten anderen. Und ihr braucht dazu keinen Dramaturgen, keinen Drehbuchautor oder Regisseur, Bühnenbildner oder Choreografen.“ Für Libby ist es einfach eine andere Form des Theaters: „Wir haben doch alles, das sind alles wir. Impro ist die Wiederauferstehung des Theaters.“ Historisch habe es schon immer Vorbehalte der Klassik gegen die Impro gegeben, erklärt Zieher. Bis ins 18. Jahrhundert war sie verboten oder wurde als Volkstheater abgetan, in dem es „nur um Sex und Fäkalien geht“. Der Vorbehalt, dass diese Stücke seicht wären, sei geblieben.

Im Alltag improvisieren. Impro-Schauspieler müssen offen sein und aufmerksam, Vertrauen in sich selbst haben und in andere. Ziel ist es, mit den Menschen zu kommunizieren, sie gut zu unterhalten oder zu berühren. Aber man muss auch mit dem Scheitern umgehen können. Im Team „Theatre Works“ lehrt Zieher in Workshops bestimmte Techniken, Social Skills werden trainiert. „Man sieht, wie die Menschen auftauen, das hilft ihnen, auch im echten Leben etwas auszuprobieren.“ Auch Libby hat jahrelang Workshops und Seminare abgehalten. Die erlernten Techniken helfen auch im Alltag. Denn ein Angestellter, der nicht nur blind den starren Regeln folgt, sondern Entscheidungen im Moment fällen und Zusammenhänge erkennen kann, ist wertvoll. Lernen kann das jeder. Man muss nur wollen. Und scheitern können. Auf die Nase fallen, aufspringen und sagen: noch einmal.

TIPP

Monatlicher Impro-Krimi „Mord is back in Town“ in der Drachengasse www.drachengasse.at, Programm der „English Lovers“ unter www.english-lovers.at, „Sport vor Ort“ im Das TAG am 22. 4 und 13. 5., www.dastag.at.

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