Was fesselt so an „Stranger Things“?

Erst war „Stranger Things“ ein Überraschungshit, nun ist die Serie eine der erfolgreichsten Eigenproduktion von Netflix – und ziemlich sicher die charmanteste. Fünf Gründe, warum es sich auszahlt zuzuschauen.

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Bei manchen Dingen irrt man sich ja gerne. Zum Beispiel bei der Einschätzung, dass es eine voreilige Entscheidung war, „Stranger Things“ nach dem Start gleich um mehrere Staffeln zu verlängern. Zu stimmig fand ich die erste Staffel, als dass ich mir vorstellen konnte, dass die gruselige Retro-Serie das Niveau halten konnte. Ich wurde eines besseren belehrt. Staffel zwei war gelungen und die Anfang Juli veröffentlichte dritte Staffel gehört sicherlich mit zum Besten, was der Seriensommer, vielleicht sogar das Serienjahr heuer insgesamt gebracht hat.

Worin liegt der Erfolg der Serie? Fünf Überlegungen

1. Die Handlung überfordert nicht

Die Geschichte bleibt überschaubar: Dieselbe Bedrohung wird in jeder Staffel größer und schwerer zu bekämpfen. Allerdings variiert „Stranger Things“ diese: In Staffel eins wurde das Monster eher angedeutet, in Staffel zwei nahm es Form an und in Staffel drei dringt es physisch in die echte Welt ein. Auch bei der Bekämpfung hantelt man sich an bewährten Mustern entlang, verfährt aber nicht immer gleich. Die handlungstragenden Figuren bleiben zum großen Teil gleich, aber die Konstellation ändert sich und fast jeder darf den Helden spielen (manche mehr, manche weniger).

2. „Stranger Things“ nimmt Kinder ernst

Kinder und ihre Probleme werden in der Serie nicht klein gemacht. Mike (Finn Wolfhard) leidet in Staffel eins unter dem Verschwinden seines besten Freundes Will genauso wie dessen Mutter. Der Fokus auf die Kinder als Protagonisten erinnert an Klassiker des 80er-Jahre-Kinos wie „Stand by Me“ oder „E.T.“. Nebeneffekt: Man sieht ihnen beim Heranwachsen zu. Der schüchterne Will (immer noch eine der am wenigsten entwickelten Figuren, verkörpert von Noah Schnapp) überragt seine Mutter (Winona Ryder) inzwischen. Im Kern der Geschichte steht freilich Eleven, hervorragend dargestellt von Millie Bobby Brown. Wäre sie nicht so natürlich in ihrer Unschuld, die Serie wäre weit nicht so fesselnd.

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Die Starke in der Mitte: Eleven (Millie Bobby Brown) – (c) Netflix (Netflix)

3. Die Serie bricht den Ernst durch Humor

„Stranger Things“ ist teilweise ganz schön grauslich und hart. Ob verschwundene Kinder, verzweifelte Eltern (die von Nancys Freundin Barb) oder ein aus Menschenkörpern (darunter auch Kindern) gebautes Monster: Familienfreundlich ist das nicht. Durch Humor schafft die Serie ein Gegengewicht. Besonders schönes Beispiel: Der Drogentrip des ehemaligen Ekels Steve (Szenendieb: Joe Keery) mit Kollegin Robin (Neuzugang: Maya Hawke, Tochter von Ethan Hawke und Uma Thurman) in Staffel drei.

4. Die Story ist temporeich wie ein Videospiel

Als Mischung aus Steven Spielbergs früheren Filmen und Stephen Kings unheimlichen Geschichten wurde „Stranger Things“ anfangs charakterisiert. Die Duffer-Brüder (die Zwillinge Matt und Ross Duffer), die Autoren der Serie, haben sich aber auch in anderen, popkulturellen Bereichen ordentlich bedient. Die Geschwindigkeit der Handlung erinnert an das Tempo von Jump-and-Run-Videospielen aus den Achtzigenr und frühen Neunzigern. Wie Super Mario und Co sind die Figuren ständig in Bewegung, hasten von einem Ort zum nächsten. Auch aus der Filmgeschichte kennt man solche Storys mit Tempo, etwa von „Indiana Jones“.

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Dream-Team: Dustin und Steve – (c) Courtesy of Netflix (Netflix)

5. Die Serie bedient die Sehnsucht nach einer besseren Zeit

Die Achtziger waren einmal uncool. Kleidung in Neonfarben, trashiger Plastikschmuck, Gordon Gekko'sche Gier und Oberflächlichkeit. Inzwischen haben sich die Achtziger zu einer Sehnsuchtsära entwickelt. Vor allem für jene Zuschauer, die selbst damals Kinder waren. Dabei war die Zeit objektiv alles andere als sorglos, angefangen vom sauren Regen über den Kalten Krieg über Tschernobyl bis zur Verbreitung von Aids. Aber vielleicht wirken die Achtziger überschaubar im Vergleich zum hypervernetzten Heute, wo die Bedrohung nicht mehr klar abgrenzbar ist, das Böse einen Mausklick entfernt lauert und aus Autos Waffen werden können.

Früher spielte man Brettspiele statt am Handy und manchmal langweilte man sich einfach. Das zeigt vor allem der Anfang der dritten Staffel schön, die in den Sommerferien angesiedelt ist (nicht wie die beiden vorangehenden im Herbst/Winter). Man musste, nein durfte auch mal nichts tun, und nicht ständig via Smartphone präsent sein, auf Social Media oder für die Arbeit. Wenn dann ein Monster kommt, so wie in „Stranger Things“, ist das zumindest eine Abwechslung.


„Stranger Things“ auf Netflix, derzeit drei Staffeln. Maximal fünf Staffeln sind angeblich geplant.

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