Rapper Nazar: "Ihr seid solche Heuchler"

Der erfolgreiche Wiener Musiker Nazar veröffentlicht mit „Camouflage“ erstmals ein Album bei einem Major Label. Mit der „Presse“ sprach er über sein Duett mit Falco, heimische Popstars und „Alibi-Moslem-Rapper“.

Nazar Camouflage
Nazar Camouflage
(c) Michael Breyer

Die Presse: Ihr letztes Album erreichte in Österreich Platz zwei der Charts, in Deutschland Platz drei. Weshalb dann der Wechsel zu einem Major Label?

Nazar: Geld. Ganz einfache Antwort.


Eine halbe Million Euro wurde investiert.

Da sind wir schon drüber. Wenn das Album nicht erfolgreich wird, rollen Köpfe in diversen Büros. Die Dinge, die passieren werden, hat es noch nie bei einem österreichischen Künstler gegeben: Wir haben etwa ein 300 Quadratmeter großes Plakat, das am Naschmarkt hängen wird.


In „Zwischen Zeit und Raum" rappen Sie mit Falco. Wer ist auf die Idee gekommen?

Ich. Das war mein Wunsch. Wolfgang Schlögl hat das in die Wege geleitet. Schon ein unfassbares Gefühl, mit dem gleichen Mikrofon zu singen, das Falco verwendet hat. Und es ist mir wichtig, dass die Leute wissen, dass es nicht etwas Berechnendes war. Im Gegenteil: Ich musste sehr viel Geld investieren und meine Rechte abtreten. Anfang war es geplant, eine Nummer mit Fendrich zu machen.

Das heißt, es ist nicht ausgeschlossen, dass Sie auch mit Fendrich einen Song aufnehmen werden?

Definitiv nicht. Fendrich hat meine Jugend stark mit seiner Musik begleitet.

Heuer haben Sie erstmals beim Wiener Popfest gespielt, mit einer Band.

Das war eine geile Erfahrung. Der Grund, weshalb ich zugesagt habe, war zu allererst die Location. Ich wollte vor der Karlskirche vor solch einer Kulisse spielen. Und ich wollte einmal mit einer großen Band auftreten.


Festivals buchen Sie nur ungern ...

Das Popfest ist das erste Festival, das mich gebucht hat. Ich finde es schade, dass mich das Donauinselfest noch nie gebucht hat.

Oftmals bekommen heimische Acts bei Festivals keine guten Slots.

Wenn mich das Frequency für 14 Uhr bucht, würde ich absagen.


Sie sind zweifacher Amadeus-Preisträger. Heuer stand der Musikpreis im Fokus, da Naked Lunch und HVOB ihre Nominierung ablehnten. Wie ist der Stellenwert der österreichischen Musik hierzulande?

Das ist eine große Frage. Hätten die Bands eine Chance gehabt zu gewinnen?


Ich denke ja. Beide sind sehr bekannt.

Ok. Ich kenne mich da zu wenig aus. Beim Shitstorm gegen Elke Lichtenegger (Anm.: Die Ö3-Moderatorin hatte sich despektierlich über österreichische Musik geäußert) habe ich mir gedacht: Ihr seid solche Heuchler. Ich war ja schon zweimal bei den Amadeus Awards, und beide Male ist mir aufgefallen, dass Auftritte immer als Bühne für Kritik genutzt werden, um dann aber trotzdem Pressebilder mit dem Award zu machen. Das finde ich etwas scheinheilig.


Wie ist Ihr Verhältnis zu Radiosendern?

Ich war ja in den letzten Jahren schon sehr erfolgreich. Trotzdem wurde ich hier im Radio nicht gespielt, in Deutschland schon. Schade, vor allem als Österreicher.


Sollte es eine Österreicher-Quote geben?

Natürlich muss das Radio eine Quote erfüllen. Ich finde es aber wichtiger, dass Musiker ihre Kanäle nutzen und aufbauen sollten. Zum Glück gibt es Facebook und YouTube. Ich lebe vom Internet. Ich bin ein Internet-Phänomen.


Wie schafft man den Erfolg von Wien aus?

Ich bin bewusst in Österreich geblieben und stolz darauf. Wie man den Erfolg aus Österreich schafft: Da ist sicher viel Glück im Spiel und der bedingungslose Drang zu arbeiten. Das tun die meisten eben nicht. Am Anfang nahm ich Kredite auf, verkaufte meine halbe Einrichtung in der Wohnung, um mir ein Video leisten zu können. Ich glaube nicht, dass es viele gibt, die ihre Existenz riskieren, um eine theoretische Chance zu haben, eventuell gehört zu werden.


Sie äußern sich regelmäßig auch zu politischen Themen. Stimmt es, dass Sie sich der SPÖ zugehörig fühlen?

Nein, stimmt nicht. Die FPÖ hat das damals in den Medien verbreitet, als ob ich der Hofknecht der SPÖ wäre. Ich habe von der SPÖ die Möglichkeit bekommen, mein Statement gegen die FPÖ abzugeben. Aber ich habe nie für die SPÖ geworben.


Ist es aus zielgruppentechnischen Überlegungen nicht problematisch, sich als Musiker politisch zu äußern? Christina Stürmer und Andreas Gabalier halten sich parteipolitisch eher raus.

Das sind alles Heuchler. Das sind für mich Geister, die es geben wird, und die dann wieder verschwinden, ohne dass sie etwas Positives für jemanden gemacht haben. Mir hat es auch unfassbar viele Probleme eingebracht, aber was wär' ich für ein Mensch, wenn ich mich nicht für Menschen einsetzen würde, die permanent von der FPÖ angegriffen werden, nur weil sie Kopftücher tragen? Nur, weil die Jugend vielleicht momentan zur FPÖ neigt und ich Käufer verlieren könnte. Ich hasse Menschen, die so denken.


Sie haben kürzlich „Alibi-Moslem-Rapper" kritisiert, die sich auf Social-Media-Kanälen als „Übermoslems" darstellen. Welche Reaktionen gab es darauf?

Ich wurde im Internet von irgendwelchen Rappern beleidigt. Es ist katastrophal, wenn Rapper, die Meinungsbildner der Jugend sind, versuchen, ihren Glauben zu repräsentieren - andererseits beleidigen sie Menschen mit Texten wie „Mütter ficken" und Ähnlichem. Das ist nicht richtig.

Zur Person

Nazar wurde als Ardalan Afshar 1984 in Teheran geboren und wuchs in Wien auf. Sein erstes Album veröffentlichte der Rapper 2008. Am 22. August erscheint mit „Camouflage“ sein siebentes Werk, das erste bei einer großen Plattenfirma (Universal). Darauf findet sich mit dem Song „Zwischen Zeit und Raum“ auch ein Duett mit dem toten Popstar Falco.

(Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2014)

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