Joe Simon: Der bekehrte Soulsänger

Einst in den Hitparaden, singt er heute nur mehr mit seinem geistlichen Chor. Mit der „Presse“ sprach er über die Bibel, Weihnachten und Barack Obama.

(c) Spring Records

Die Presse: Warum hat Sie das Leben als erfolgreicher Soulsänger letztlich nicht erfüllt?

Joe Simon: Dieses Leben hatte seine schönen Momente, bloß mochte ich Soul nicht so wirklich. Mich interessierte Country-&-Western-Musik mehr. Außerdem mochte ich den Lebensstil als Sänger nicht ...

 

Aber Sie haben mit Ihrem Gesang so viele Menschen berührt!

Simon: Ja, die meisten Menschen sagten, sie lieben meine Stimme mehr als die Musik. Ich musste nie große Bands anheuern wie James Brown, denn wenn ich vor ein Publikum trat, dann wollte es, dass die Band möglichst leise spielt, damit mein Gesang mehr in den Vordergrund dringt.

 

Sie sind in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Simon: Ich verließ mein Elternhaus in Simmesport, Louisiana, mit 15 Jahren, weil ich keinesfalls Baumwollpflücker werden wollte. Also ging ich nach Oakland, begann in Doo-Wop-Gruppen zu singen. Etwa bei den Golden Tones, die mich aber bald feuerten – wegen meiner guten Stimme: Jeder Radiodiscjockey fragte nur nach meinem Namen. Da kam Eifersucht auf, und sie entledigten sich meiner. Dann kamen schwierige Jahre. Ich musste in einem Hühnerstall übernachten, weil ich mir keine Wohnung leisten konnte. Mein einziger Anzug war nie sauber oder gebügelt. Nicht einmal Lederschuhe besaß ich. Für die Auftritte borgte ich mir Schuhe von einem Freund aus. Dennoch war es eine schöne Zeit. Ich wusste erst, wie arm ich war, als ich zu Geld gekommen war.

 

Mitte der Achtziger haben Sie die Bibel entdeckt. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Simon: Irgendwann schlug ich eine Bibel auf und las ein bisschen darin. Und dann passierte es: Das Wort Gottes bekehrte mich. Ich saugte den Inhalt direkt in mein Herz auf. Besonders der Apostel Paulus imponierte mir. Er besaß viele materielle Güter, aber die zählten im Grunde für ihn gar nicht. Dann blickte ich auf Joe Simons Leben. Auch ich war materiell gesehen reich. Dennoch fühlte ich mich leer.

 

Heute sind Sie Bishop. Was tun Sie da?

Simon: Neben den direkten geistlichen Aufgaben trachte ich danach, möglichst viele Jugendchöre zu etablieren. Unsere Organisation wirkt außer in Chicago auch in New York und Florida. Überall, wo wir hinkommen, gründen wir solche Chöre, weil das Fundament des irdischen Lebens aus zwei Elementen besteht: aus Worten und Musik. Ich selbst singe natürlich auch mit.

 

Welche Bedeutung hat Gesang für Sie?

Simon: Seit ich Christ bin, verstehe ich den Unterschied zwischen Singen und Singen. Das Singen weltlicher Lieder ist ein Geschenk, das für den Sänger selbst heilend wirken kann. Wenn man aber ein spirituelles Lied intoniert, dann reißt das nicht nur dich selbst empor, sondern auch die Hörer.

 

Kürzlich waren Sie mit so einem Jugendchor beim Porretta Soul Festival in Norditalien. Welche Kraft entwickelt solch ein Chor live?

Simon: Eine unbändige! Die Bibel lehrt uns, einen „joyful noise“ zu machen: Je lauter wir das Wort des Herren preisen, desto besser.

 

Spüren Sie in Ihrer Pfarre schon Auswirkungen der Finanzkrise in den USA?

Simon: Auf jeden Fall. Es kommen viele neue Leute: Menschen, die erkennen, wie hohl ein Leben ist, das nur auf Materiellem aufbaut. Und dann sind manche überrascht, wenn sie Joe Simon predigen sehen, denselben Joe Simon, den sie früher im Fernsehen in der „Soul Train“-Show gesehen haben ...

 

Eine weitere Aufgabe Ihrer Kirche ist es, Menschen als Wähler zu registrieren. Wieso ist Ihnen das wichtig?

Simon: Ich war der Erste, der Barack Obama von ausländischem Boden – Italien – aus die Unterstützung ausgesprochen hat! Hätte ich das in den USA getan, hätte man vielleicht nur gesagt, Joe Simon macht das nur, weil er die gleiche Hautfarbe hat. Doch damit hat das nichts zu tun.

 

Welche Politik erwarten Sie von Obama?

Simon: Er wird sicher ein großer Präsident. Er versteht, was die Amerikaner jetzt brauchen. Ich bin sicher, er wird sehr hart arbeiten, um den Menschen zu helfen. Und er weiß, wie es den einfachen Menschen geht.

 

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Simon: Als Priester ist Weihnachten natürlich für meine Gemeinde und mich sehr wichtig – obwohl es wie überall starke kommerzielle Tendenzen gibt, die mir gar nicht gefallen.

 

Welche Erinnerungen haben Sie an die Weihnacht Ihrer Kindheit?

Simon: Am schönsten war vielleicht, dass wir so arm waren, dass bei uns Geschenke keine Rolle spielten. Wir waren schon über ein bisschen Kuchen froh. Mit fünf Jahren wünschte ich mir ein Fahrrad, mit 14 bekam ich es. Ich war so glücklich und fuhr damit die ganze Nacht im Mondschein herum.

ZUR PERSON: JOE SIMON

Geboren 1943 in Simmesport, Louisiana, als Sohn von Sharecroppers (bäuerlichen Kleinunternehmern ohne Grundbesitz).

Als Soulsänger hatte er etliche Hits, z.B. „Your Time to Cry“ oder „Drowning in the Sea of Love“. Für „The Chokin' Kind“ erhielt er einen Grammy.

Anfang der 80er wandte er sich dem Gospel zu – und dem Predigen. Heute ist er Bishop der evangelikalen Kirche „Ministries Community Crusades“ mit Sitzen in Chicago, New York und Florida.

Als Priester wirkenauch andere (ehemalige) Soulsänger, z.B. Al Green, Solomon Burke und Bunny Sigler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)

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