"Tanzcafé Lerch": Vom Nazi-Treffpunkt zu Udo Jürgens' Bühne

Im „Tanzcafé Lerch“ in Klagenfurt begann Udo Jürgens' musikalische Karriere. Doch das Lokal hat eine düstere Geschichte: Sein Besitzer war für den Tod von rund zwei Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs mitverantwortlich.

Udo Jürgens begann seine Karriere als Jazzsänger in einem Klagenfurter Tanzlokal.
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Udo Jürgens begann seine Karriere als Jazzsänger in einem Klagenfurter Tanzlokal.
Udo Jürgens begann seine Karriere als Jazzsänger in einem Klagenfurter Tanzlokal. – (c) imago stock&people

Die Wiener Gasse, unweit des Landhauses in Klagenfurt, ist ein schmale, innerstädtische Einkaufsstraße, ein wenig verwinkelt, aber mit schönen alten Häusern. Geht es nach dem Kärtner Landesrat Gerhard Köfer, soll aus ihr bald die "Udo-Jürgens-Gasse" werden. Denn in der Wiener Gasse Nr. 10, im ehemaligen „Tanzcafé Lerch“, hatte der Klagenfurter Entertainer seine ersten Auftritte. Damals nannte er sich noch nicht Udo Jürgens, sondern „Udo Bolán“ – eine Anspielung auf seinen Geburtsnamen Udo Bockelmann. Am Klavier spielte er am liebsten Jazz oder Swing, hin und wieder Volkstümliches auf Wunsch des Publikums. Begleitet wurde er von einem Schlagzeuger und einem Bassisten.

Der Betreiber des Tanzcafés hieß Ernst Lerch. Wie Jürgens war er gebürtiger Klagenfurter; die Liebe zum Kaffeehausbetrieb muss Ernst Lerch von seinem Vater in die Wiege gelegt bekommen haben. Lerch Senior hatte das „Café Lerch“ gegründet, Sohn Ernst lernte dort das Kellnern, um in den 1950er-Jahren das Lokal zu übernehmen und ein beliebtes Tanzcafé daraus zu machen.

Zuvor sollte sich das "Café Lerch" aber als Treffpunkt für österreichische Anhänger der (damals noch illegalen) NSDAP etablieren. Ab den 1930ern trafen sich hier Nationalsozialisten wie Ernst Kaltenbrunner oder Odilo Globocnik, wie die Historikerin Marion Wisinger 2008 in der "Presse" schrieb.

Treffpunkt der "Illegalen"

1932, mit 18 Jahren, trat Ernst Lerch selbst der NSDAP bei. 1934 wurde er Mitglied der SS – und mit seinen Kaffeehausfreunden gelang ihm schnell der Aufstieg im NS-Staat. In den 1940er-Jahren war Lerch SS-Sturmbannführer.

Lerch wurde zu einem zentralen Mann der "Aktion Reinhardt" und zeichnete so mitverantwortlich für die "jüdischen Angelegenheiten". Ihnen sollten mehr als zwei Millionen Juden und rund 50.000 Roma in Polen und der Ukraine zum Opfer fallen. Die Runde aus dem „Café Lerch“ war dafür wieder versammelt – um Odilo Globocnik, dem SS- und Polizeiführer in der polnischen Stadt Lubin. Der Kärntner Dialekt war die inoffizielle Amtssprache in Globocniks Umfeld; an den Abenden sollen die SS-Männer beisammen gesessen sein und Kärntnerlieder gesungen haben, wie es Geschichtsforscher Johannes Sachslehner in seinem Buch "Zwei Millionen ham' ma erledigt" beschreibt.

„Ernstl“ Lerch, wie Globocnik ihn nannte, wurde dessen Büroleiter und „Judenreferent“. Er organisierte Deportationen in Konzentrationslager und die „Bandenbekämpfung“, also die Verfolgung von Widerstandskämpfern und Partisanen. Auch an der Adria verübte die Truppe um Globocnik Massaker und errichtete ein Vernichtungslager; Ernst Lerch war ebenso dabei. Er organisierte auch Geiselerschießungen, denen über 1000 Menschen zum Opfer fielen.

Der Massenmörder als Kaffeehausbesitzer

Gemeinsam mit Globocnik wurde Lerch nach der Kapitualtion 1945 verhaftet. Während sich sein Kärntner Kamerad Globocnik mit Zyankali vergiftet hatte, gelang Ernst Lerch die Flucht aus dem Gefängnis. 1950 kam er schließlich zurück ins Gastronomiegeschäft – der Massenmörder übernahm den väterlichen Betrieb und wurde Cafébesitzer. Aus dem Lokal seines Vaters machte Lerch das beliebte „Tanzcafé Lerch“: das Lokal, in dem der junge Unterhaltungsmusiker Udo Jürgens erste Bühnenerfahrung sammeln würde. Lerch zahlte ihm dafür fünf Schilling die Stunde.

Bis in die 1970er-Jahre betrieb Ernst Lerch sein Tanzcafé – ungestraft für seine Taten während der Zeit des Nationalsozialismus. Er überzeugte die österreichischen Richter immer wieder davon, dass er mit dem Massenmord an Juden in Polen nichts zu tun hatte. 1972 etwa wurde ein Prozess gegen ihn nach nur zwei Verhandlungstagen auf unbestimmte Zeit vertagt und nie mehr aufgenommen. Als Ernst Lerch 1997 in Klagenfurt starb, tat er dies nicht als geächteter Massenmörder – sondern als der beliebte Tanzcafé-Betreiber.

(eup)

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