Peggy Lee: Die Königin des Hauchens

Peggy Lee (1920–2002) war schon in den Vierzigerjahren eine Popqueen wie Madonna. Eine neue CD-Box riskiert einen Blick auf ihre späten Jahre. Er lohnt sich.

 In ihren späten Jahren blieb Peggy Lee am liebsten in der kitschigen Bettenburg ihrer Luxusvilla in Bel Air, Los Angeles. 2002 starb sie 81-jährig an einer Herzattacke.
 In ihren späten Jahren blieb Peggy Lee am liebsten in der kitschigen Bettenburg ihrer Luxusvilla in Bel Air, Los Angeles. 2002 starb sie 81-jährig an einer Herzattacke.
In ihren späten Jahren blieb Peggy Lee am liebsten in der kitschigen Bettenburg ihrer Luxusvilla in Bel Air, Los Angeles. 2002 starb sie 81-jährig an einer Herzattacke. – (c) Universal

Peggy Lees Paradesong „Is That All There Is?“ war zuletzt prominent in der siebten Staffel der TV-Serie „Mad Men“ zu hören. Er illustrierte ideal den Lebensekel des Protagonisten Don Draper. Ursprünglich 1969 eingespielt, bescherte er der damals 48-jährigen Peggy Lee ihren letzten großen Hit. Die Vorzeichen dafür waren denkbar ungünstig. Das experimentelle Lied löste viel eher Assoziationen mit Weill/Brecht aus als mit den Hits jener Zeit. Kein Wunder, dass die Komponisten – Jerry Leiber und Mike Stoller, Autoren vieler Elvis-Hits – das Stück zunächst Marlene Dietrich und Barbra Streisand anboten. Die lehnten ab.

Anders Peggy Lee, die gleich wusste, dass es „ihr“ Song war. „I've lived that whole thing“, kommentierte sie den desillusionierenden Liedtext. Eine Schlüsselzeile lautet: „We were so very much in love, then one day, he went away and I thought I'd die – but I didn't.“ Dieser Liebeskatastrophe folgt ein trotziges Bekenntnis zur Lebenslust: „If that's all there is my friends, then let's keep dancing, let's break out the booze and have a ball.“ Mit dem knappen Satz „I'm not ready for that final disappointment“ wehrt die Protagonistin am Ende sogar den Tod ab . . .

Das vertrackte Arrangement stammte, auf ausdrücklichen Wunsch von Lee, von einem 24-jährigen Newcomer. Sein Name: Randy Newman. Das Wunder glückte: Platz elf in den Billboard Charts. Neue Türen öffneten sich. So sprach etwa Präsident Nixon eine Einladung für eine Performance im Weißen Haus aus. Die vergeigte eine schwer beschwipste Peggy Lee spektakulär. Als sie es sich gerade wieder in der Depression gemütlich machen wollte, gewann sie nur 14 Tage später ihren ersten Grammy für „Is That All There Is?“. Zehnmal war sie vorher nominiert gewesen. Im elften Anlauf kam sie endlich im offiziellen Musikolymp an.

Das spektakuläre „Is That All There Is?“ ist nun in einer bislang unbekannten Liveaufnahme zu hören: Auf der eben erschienenen CD-Box „Peggy Lee – Live In London“ werden erstmals nicht nur die Aufnahmen aus dem Palladium vom 13. März 1977, sondern auch jene vom Nachfolgekonzert am 20. März präsentiert. Repertoiremäßig mischen sich hier Klassiker mit Versuchen, an die damalige Popszene anzudocken. Kurios, dass sich dieses angejahrte All-American-Girl im nebeligen London so wohlfühlte. 1961 bezauberte sie im Club Pigalle, 1970 triumphierte sie in der Royal Albert Hall.

 

Ein ganzes London-Album

Vier Jahre später nahm sie mit Paul McCartney das schöne „Let's Love“ auf. 1977 spielte sie schließlich ein ganzes London-Album ein. Es war schlicht „Peggy“ betitelt und ist ebenfalls Teil der CD-Box. Subtile Balladen wie „The Hungry Years“ wechseln sich darauf mit fetten Big-Band-Swingern à la „Lover“ ab. Zudem versuchte sich die Veteranin erfolgreich an zeitgenössischem Pop. So verwandelte sie Peter Allens Pop-Samba „I Got To Rio“ in einen schwerelosen Groover. Ihre subtile Lesart von „I'm Not in Love“, einem süßsauren Hit von 10cc, begeistert noch mehr.

Mit Sanftheit operierte Lee schon sehr früh in ihrer Karriere, als sie noch in Clubs mit lärmigem Publikum sang. „I knew I couldn't sing over them, so I decided to sing under them“, erklärte sie: „Je mehr Lärm sie machten, umso leiser sang ich.“

 

Erotischer Klassiker: „Fever“

Auch darin beeinflusst von Billie Holiday, entwickelte sie einen Stil, bei dem die Pausen fast wichtiger waren als die gesungenen Worte. Nebenprodukt war eine prickelnd erotische Atmosphäre. Diese Art zu singen war damals sexy und revolutionär wie das Playboy-Magazin, der Kinsey-Report und Elvis Presleys Hüftschwung. Mit dem minimalistischen „Fever“ schuf Lee fingerschnippend einen Klassiker erotischer Liedkunst.

Nicht verwunderlich, dass sich die spätere Popqueen Madonna als Fan von Peggy Lee entpuppte. Die Parallelen sind verblüffend. Beides sind Mädchen aus der Provinz, die innig mit karrieredienlichem Sex kokettierten. Kurz bevor Madonna Peggy Lees „Fever“ nachsang, besuchte sie 1992 ein Konzert ihres Idols im Club 53 im New Yorker Hilton. Man tauschte Freundlichkeiten aus.

Immer seltener ließ sich die einsame Diva aus ihrer kitschig-bizarren Bettenburg ihrer Luxusvilla in Bel Air locken. Den Traum von der glücklichen Romanze spann sie nur mehr in ihren Konzerten weiter. Auch in London, als sie bereits wie eine intergalaktische Mae West aussah. „I must tell you, what my heart knows is true, Mister Wonderful, that's you.“ Ihr Hauchen war immer noch von berückender Schönheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2016)

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