Im Namen Falcos: „Michi Häupl“-Chöre und DJ Lex Lugner

Cloud-Rapper Yung Hurn ist in seiner größenwahnsinnigen Attitüde dem größten österreichischen Popstar durchaus nahe: So war sein Auftritt der Höhepunkt des einwöchigen Wiener Festivals Junge Roemer. Dort widmete sich etwa auch Peter Kruder dem Werk Falcos.

Ein großer Sohn Hirschstettens: Yung Hurn im WUK, am letzten Tag des Falco-Festivals.
Ein großer Sohn Hirschstettens: Yung Hurn im WUK, am letzten Tag des Falco-Festivals.
Ein großer Sohn Hirschstettens: Yung Hurn im WUK, am letzten Tag des Falco-Festivals. – (c) RBMA

Was für ein Nachtflug! Downbeat-Elektroniker und Soundcouturier Peter Kruder hatte mit seinem Auftritt zwischen vier und sechs Uhr früh ein schweres Los gezogen. Recht tapfer hat er sich, der 1997, ein Jahr vor Falcos Tod, noch mit diesem (ergebnislose) Gespräche über eine Zusammenarbeit führte, nun doch noch mit dessen Werk auseinandergesetzt. Einige von Falcos „schwächsten“ Songs hat er sich zum geschmackvollen Aufpimpen ausgesucht. Dabei ist ihm, dem Meister der Reduktion, Erstaunliches geglückt, was die Menge in der Grellen Forelle gleich in kinetische Energie umwandelte.

In die Beine fuhr auch die Performance der Off-and-on-New-Wave-Disco-Kombo Minisex im U4. Sänger Rudi Nemeczek, selbst ein goscherter Bua von höchster Potenz, ließ ahnen, warum Größenwahn und tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl einander bedingen. Erfrischend war jedenfalls, dass die Organisation des Festivals auf jene Kamarilla, die geschäftlich immer noch von Falco zehrt, größtenteils verzichtete. Von den alten Kameraden durfte einzig Rudi Dolezal ran. Ein Screening und Plauderei aus dem Nähkästchen wurden ihm zugestanden.
Einige der besten Performances des von der Red Bull Music Academy ausgerichteten Festivals hatten eher vagen Bezug zum Werk Falcos. So das elegant perkussive Set, das der deutsch-chilenische DJ und Sänger Matias Aguayo zauberte.

 

Blubbern aus alten Synthesizern

Andere brauchten etwas länger, um die rechte Magie zu entfalten. So der honorige Musikkreis MS 20, der die Klangästhetik der brutal veralteten Korg-Synthesizer hochhält: Er startete in der Fledermaus-Bar ein wenig zu leise mit dem „Kommissar“. Dann kitzelte er lustiges Blubbern aus den alten Apparaten. Eigenes wie „Roque Electronique“ charmierte genauso wie Donna Summers „Love To Love You Baby“. Nur dem Gesang fehlte die Pfiffigkeit. Die bebrillte Dame wirkte wie frisch aus dem Volkshochschulkurs für Popgesang. Als Hommage an Hausherren Wolfgang Strobl, der sich schon 1981 auf einem Flyer großspurig als „Förderer von Austropophoffnungen wie Drahdiwaberl-Bassist Falco“ bezeichnete, gab es den Song „Why Did You Do It“. „Vielleicht erkennt er's ja“, kommentrierte der Musikkreis etwas verzagt.

Mit deutlich mehr Selbstvertrauen war Rapperin Mavi Phoenix am Werk. Angenehm schlicht inszeniert spuckte sie ihre giftigen Reime, das soulige „Quiet“ fuhr besonders gut ins Gebein.

Doch Highlight des Festivals war die entfesselte Performance von Cloud-Rapper Yung Hurn, der Falco in seiner größenwahnsinnigen Attitüde durchaus verwandt scheint. Diesen großen Sohn Hirschstettens empfingen im prall gefüllten WUK gleich „Michi Häupl“-Chöre: Er hat sich den Namen des Bürgermeisters auf die Brust tätowieren lassen. Im Stück „Intro“ feierte er ihn ab: „Danke an Michi Häupl für alles, danke für die Gemeindewohnungen, Shoutouts an alle, die ich nicht erwähnt hab', Shoutouts an alle Drogendealer.“ Dazu trockene Beats von DJ Lex Lugner. Dann taumelte Yung Hurn zum Medizinalschrank und pries träumemachende Chemie: „Morgen schwänzen alle Schule“, rief er. An Auto-Tune-Effekten wurden leider gespart; die wunderbare Schläfrigkeit von Stücken wie „Chill mit mein Bae“ wich live einer fast zu virilen Dynamisierung. Yung Hurn balancierte mit weißem BH auf dem Schädel durch kokainverseuchte Hits wie „Skrrt Skrrt“ und „Bianco“. Zur Lyrik, die oft „Trainspotting“-Qualitäten hatte, jonglierte die Gemeinde mit aufblasbaren „Stoli“-Flaschen. Mit ruhiger Hand gebot Yung Hurn über derlei Aufgeregtheiten. In den besten Momenten herrschte graziöser Schwebezustand zwischen Schwach- und Tiefsinn: Entertainment ganz im Sinne Falcos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2017)

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