Die NS-Wurzeln von „Mama“: Kann ein Schlager Sünde sein?

Das 68er Jahr brachte nicht nur rebellische Jugendliche hervor, sondern auch einen adretten Kinderstar, Heintje. Dass sein Hit „Mama“ ein Nazilied war, störte keinen.

Hendrik Simons.
Hendrik Simons.
Hendrik Simons. – (c) imago/United Archives (imago stock&people)

Es gibt Kinder, die der Wunschvorstellung einer ganzen Eltern- und Großelterngeneration entsprechen: Heintje, adrett, ordentlich gekleidet, mit netter Frisur, gehörte dazu. Mit zwölf Jahren startete der junge Niederländer Hendrik Simons vor 50 Jahren durch, wurde 1968 in deutschen und österreichischen Landen zum erfolgreichsten Musikphänomen des Jahres, da konnten Beatles, Rolling Stones oder Elvis nicht mithalten.

In einem Jahr, in dem man vereinzelt auf Parkbänken langhaarige kiffende „Gammler“ antraf, deren Anblick in manchen Bürgern die Sehnsucht nach „Adolf“ wiederaufleben ließ, verkörperte der Kinderstar mit seiner personifizierten Tugendhaftigkeit das konservative Rollback des Jahres 68. Den Älteren hingen die eigenen, in der transitorischen Phase des Erwachsenwerdens renitent gewordenen Kinder zum Hals heraus, sie wandten sich mit hysterischer Begeisterung diesem idealtypischen Kindbild zu, das mit einem realen Heranwachsenden nichts zu tun hat und mit seinem kleinen Liedrepertoire die restringierten Erwartungen seiner Fans ideal erfüllte. Bis zum Alter von sechzehneinhalb Jahren blieb Heintje Kind, dann erst kam der Stimmwechsel.

1967 trug Heintje zum ersten Mal seinen Hit „Mama“ in der ZDF-Show „Der goldene Schuss“ vor, das Lied hielt sich das ganze Jahr 1968 in den Charts und wurde die meistverkaufte Single. Eigentlich war der Elfjährige zu jung für einen solchen Text: Es handelt davon, dass ein Kind das Elternhaus mit dem Wissen verlässt, immer eine verlässliche Mutter im Rücken zu haben.

Unterhaltungsmusik in der NS-Zeit

Zugleich ist das Lied ein Beispiel für die bedenkenlose Übernahme von Unterhaltungsmusik quer durch die Zeiten. Schlager, die ein gedankliches Abschweifen von Alltag und Realität ermöglichten, hatten ihre Vorläufer bereits in den dreißiger Jahren in der Zeit der Wirtschaftskrise. Sinnlose Schlager-Ulk-Texte wurden abgelöst durch Lieder, in denen man von einer besseren Welt träumen konnte.

Auch in der NS-Zeit waren die Lieder Unterhaltungsware, sie transportierten aber zusätzlich Wertvorstellungen im Sinn der herrschenden Ideologie. Aus dem Dritten Reich wurden Lieder, deren Texte meist wenig eindeutig waren und leicht umgetextet werden konnten, übernommen. Ein Beispiel ist „Davon geht die Welt nicht unter“, ein Durchhalteschlager, der kurioserweise nach dem Krieg als Widerstandslied interpretiert wurde.

Das vergilbte Notenblatt in der Lade

Beispiel für eine solche bedenkenlose Übernahme ist Heintjes Lied „Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen“. Das Lied war ursprünglich ein italienischer Schlager, 1938 komponiert, von Benjamino Gigli gesungen, und unter dem Titel „Mutter“ Titellied eines gleichnamigen deutsch-italienischen Films von 1941. Er war durchtränkt von der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie und sollte den Müttern, die um ihre Söhne im Schützengraben bangten, die Angst nehmen.

Der Film war nicht sehr erfolgreich, doch der Textautor, Bruno Balz (1902-1988), umso mehr. Von ihm stammt „Kann denn Liebe Sünde sein?“, „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau‘n“, „Wir wollen niemals auseinandergehn“. Das Regime zeigte sich sehr erfreut darüber und verzieh Balz seine Homosexualität. 1967 wurde Bruno Balz von einem Produzenten nach einem Liedtext für einen noch wenig bekannten Kinderstar namens Hein Simons gefragt. Balz ging zu seinem Schrank und zog ein vergilbtes Notenblatt mit „Mama“ aus der Schublade. Mit der glockenhellen Stimme Heintjes wurde dann der Text von seinem tragischen Kriegsinhalt gelöst.

Der renommierte deutsche Autor Marcel Beyer hat sich in einer Poetikvorlesung in Frankfurt daran erinnert, dass ihm seine Oma das Lied Ende der 60er Jahre vorgesungen hat. Erst später entdeckte er die Wurzeln des Liedes in der Nazi-Zeit. „Die Unfähigkeit zu trauern verwandelt sich in einen sentimentalen Quatsch“. Besser kann man den Erfolg von „Mama“ nicht resümieren.

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