Was von der Zukunftsmusik blieb: Nostalgie

Kraftwerk erinnerten sich vor begeistertem Publikum in der Wiener Arena an die Zukunft.

Showtechnisch Robotern nahe: Kraftwerk.
Showtechnisch Robotern nahe: Kraftwerk.
Showtechnisch Robotern nahe: Kraftwerk. – (c) imago images / CTK Photo (Ondrej Deml)

Es ist fast unheimlich, welchen Fleiß Popmusiker in späten Jahren entwickeln. Vor allem wenn sie glauben, dass sie etwas versäumt haben, wie der 72-jährige Ralf Hütter, Mastermind der Düsseldorfer Elektronikpioniere Kraftwerk. Es gab Jahrzehnte ohne Konzert, jetzt ist man jedes Jahr auf Achse. Zunächst beehrten Kraftwerk Tempel der Hochkultur wie das MoMA in New York, das Burgtheater in Wien. Jetzt vazieren sie auch über gewöhnliche Wald- und-Wiesen-Bühnen.

Diesmal in der Open-Air-Arena in Wien, wohin Langzeitfans verwaschene Autobahn- und Radioaktivität-T-Shirts ausführten. Einer kam sogar im „Mensch-Maschine-Outfit“, einem roten Hemd mit schwarzer Krawatte plus mausgrauer Anzugshose. Nur Lippenstift trug er keinen, wie damals die Musiker auf dem von der Ästhetik des russischen Konstruktivisten El Lissitzky inspirierten Cover des Meisterwerks von 1978, „Die Mensch-Maschine“.

 

Das letzte Originalmitglied

Wie gewöhnlich ersparten sich die Musiker jegliche Ansprache. Es wurde eingezählt: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8. Dann blubberten die Maschinenklänge schon los. „Nummern“ hieß der gefährlich knisternde Song, der in seiner englischen Version „Numbers“ vorgetragen wurde. Längst ist das Deutsche bei Kraftwerk nur mehr exotisches Partikel in einer internationalisierten Musik. Auch „Die Mensch-Maschine“ wurde später in der anglisierten Version „The Man-Machine“ gegeben, schließlich ist dieser possierliche Retro-Futurismus in Großbritannien noch größer als in Deutschland selbst.

Was Zukunftsmusik war, ist jetzt Nostalgie. Ralf Hütter, letztes verbliebenes Originalmitglied, wird nicht müde, seine Vision von freundlicher Technik zu kommunizieren. Kraftwerk konnten es sich als Pioniere leisten, die sich in den Siebzigern abzeichnende digitale Revolution zu idealisieren. Bei Kraftwerk existiert sogar die Liebe zwischen Mensch und Computer. „I don't know what to do, I need a rendezvous“, hieß es in „Computer Love“. Schon 1977/78 träumten sich Kraftwerk in den Transhumanismus: In „The Man-Machine“ ging es um die Sehnsucht des Futuristen Marinetti, mit der Maschine zu verschmelzen.

 

Das Deutsche – exotisches Partikel

Showtechnisch war das Quartett dem Roboterhaften nah. Fast regungslos standen sie da, drückten Knöpfe und badeten im Licht. Aber es gab auch Passagen, da wippten alle vier mit dem rechten Bein. Und es ging nicht nur um technische Errungenschaften wie den Trans-Europa-Express, die Autobahn und die Atomkraft, sondern zuweilen auch um romantische Anliegen. „She's looking good, for beauty we will pay“, hieß es liebestrunken in „Models“. „Neon Lights“ war eine hübsche Apotheose auf die Schönheit des Urbanen. Spätestens bei „The Robots“ und „Boing Boom Tschak“ tanzte die Menge stolz nach den strikten Regeln, die die knappen Electro-Beats vorgaben. Herz dieses Kults ist ein konsequenter Minimalismus. Seine Dramatik fasziniert jedes Mal aufs Neue. (sam)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2019)

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