Die Schrammler aus dem hohen Norden

Am Freitag startet das Schrammelklangfestival in Litschau. Heuer sucht man nach nordischen Verwandten des Wienerlieds.

Die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola.
Die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola.
Die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola. – Sami Perttilä

Am Ortsrand von Litschau, der nördlichsten Stadt Österreichs, wurde 1811 Kaspar Schrammel geboren, Klarinettist und Vater zweier Musiker, deren Nachnamen in die Musikgeschichte eingehen sollten, als Schrammelbrüder, nach denen die Schrammelmusik benannt wurde. „Österreichische Weltmusik“ nennt Zeno Stanek diese Musik, „in dem Sinne, dass sie in der ganzen Welt Emotionen wecken kann“.

Stanek ist Intendant des Schrammelklangfestivals, das von 5. bis 7. Juli zum 13. Mal in Litschau stattfindet – und sich längst nicht mehr auf die namensgebende Musik beschränkt, sondern nach stilistischen Verwandten aus ganz Europa sucht, nach „schrammeligen Schallwellen“, wie Stanek das nennt. Heuer ist nach Ausflügen in den Alpenraum und auf den Balkan die nordische Musik dran. „Sie ist wahnsinnig emotional und hat viel mit dem zu tun, was die Schrammelmusik auslöst“, sagt Stanek: „Beide erzeugen eine besondere Glückseligkeit, und oft kann man nicht mehr stillsitzen oder ist zumindest innerlich bewegt. Auch die nordische Musik schafft es, sich spiralförmig in die Höhe zu schrauben, alles vereinigt sich im Tanz.“

 

Nordischer Folk und Tango Nuevo

Aus diesem Grund wird heuer auch der Tanzboden, auf dem die Gäste zu Livemusik tanzen können, ganztägig bespielt. Bei den Abendkonzerten auf der Hauptbühne sollen die trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft ähnlichen Musikstile direkt miteinander konfrontiert werden, etwa neue Wienerlieder von Ursula Strauss und Ernst Molden mit dem, was Helene Blum und Harald Haugaard aus Dänemark mit nordischem Folk machen. Die finnische Akkordeonistin Johanna Juhola fusioniert diesen sogar mit Tango Nuevo. Am Sonntagabend endet das Programm mit einem Auftritt des finnischen Mundharmonika-Quartetts Sväng mit Akkordeon-Urgestein Otto Lechner.

Verschmelzungen verschiedener Stile finden bei Schrammelklang aber auch ungeplant statt. Nicht selten bitten Musiker bei ihrer Zugabe Kollegen, die in den Startlöchern für den nächsten Auftritt stehen, zu sich auf die Bühne. Vor allem passiert dies auf dem Schrammelpfad, Herzstück des Festivals, bei dem man tagsüber von einer Naturbühne zur anderen wandert – oder sich per Elektroboot über den See chauffieren lässt, um Agnes Palmisano, die Strottern, das Trio Lepschi, das Kollegium Kalksburg oder die Geschwister Mondschein zu hören.

Manche Besucher gehen mit striktem Zeitplan von Bühne zu Bühne, andere legen sich ins Gras und lassen die Künstler antanzen. Allen will Stanek einen „dreitägigen Rausch“ anbieten, „der alle Sinne abdecken soll und einer Theaterinszenierung nicht unähnlich ist“. Nicht von ungefähr hat er 2018 in Litschau auch das Theaterfestival Hin & Weg gegründet, bei dem Feuerwehrhaus und alte Strickereifabrik zu Schauplätzen von Ur- und Erstaufführungen werden. Bei beiden Festivals geht es Stanek um „emotionale Berührung“. Und er verspricht: „Wir werden dafür sorgen, dass sogar am Wegesrand etwas passiert.“

Web: www.schrammelklang.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2019)

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