Austro-Blues: Es ist Sommer, und wir sind am Heustadlwaser

Ernst Molden hat mit „ohne di“ eine schöne, sehr wienerische Platte gemacht. Willi Resetarits hat ihm stimmlich geholfen.

(c) Monkey Music

Der Sender steht am Kahlenberg, der Heurigen am Bisamberg, das Haus vom Onkel Ernst am Nussberg. Schule geschwänzt wird im Stadionbad, gestorben an der Donau, zwischen Kritzendorf und der Kuchelau.

In Ernst Moldens Liedern (wie auch in seinen Romanen) passieren die Dinge nicht irgendwo in der Welt, sondern an ganz konkreten Plätzen, an Orten mit allen ihren Geistern, ihren Erinnerungen. Er legt sich lokal fest. Und ist damit in einer großen Poptradition, die der heutige österreichische Pop leider oft vernachlässigt. Wie sich bei Ray Davies die Liebenden bei der Waterloo Station treffen, so fährt bei Molden die Untreue just mit der Franz-Josefs-Bahn davon. Und wie bei Bruce Springsteen völlig klar ist, über welchen Fluss das „Jersey Girl“ blickt, so setzt Molden eine unheimliche Szene just in die allerkleinste Landschaft: an den Wiener Hanslteich, dieses Salzkammergut-Surrogat für Agoraphobe.

Dort, singt Molden zu einem schaurig-schleppenden Walzer, „bleibts haass in da nochd“: Die meisten seiner neuen Lieder spielen im Sommer, im hohen oder im späten, in der Jahreszeit, in der, wenn man Glück hat, auch das Leben Ruhe gibt, wie Molden in „woed aus rauchfeng“ singt. Das leichte Grauen, das hie und da dräut, das sind mittägliche Gespenster, staubig wie die Schuhe in „da wind“, einem der Stücke, denen Willi Resetarits mit Inbrunst seine erprobte Stimme leiht. Noch inniger: „stagl ma d schui“, wo die Stimmen von Molden und Resetarits miteinander Fangen spielen, fast bis zu jener seligen Harmonie, die man in Döblinger Proberäumen einst „steirische Terzen“ nannte.

Resetarits, der so viele Jahre lang die Texte Günter Brödls als „Ostbahn-Kurti“ sang und verkörperte, hat in Molden wieder einen dichtenden Partner gefunden, der Gefühl für (Vor-)Orte und Jahreszeiten hat – und für das Wienerische, den empfindlichsten aller österreichischen Dialekte. Wobei dieses für Molden, das in die Bohème gewanderte Bürgerkind, eine Zweitsprache ist, in der er nie ganz daheim ist; er gaukelt dem Hörer auch keine Sesshaftigkeit vor, er spielt mit den Nuancen, entscheidet sich von Song zu Song anders zwischen Untersievering und Hernals, zwischen Erdberg und Spittelberg.

 

Das Leben auf dem Bahnhof

Das ist schön. Noch schöner ist, dass er nur (mehr) ganz selten pretending à la André Heller klingt, etwa in den ersten, etwas gar heiser intonierten Zeilen des ansonsten bezaubernden „da blia“, einer weiteren herzerweiternden Sommerelegie, diesfalls angesiedelt am „heischdadlwossa“. (In der gedruckten Form verwendet Molden eine gemäßigte Variante der Dialektschreibweise H.C.Artmanns, auch so bekennt er sich sympathisch offen zu seinen Lehrmeistern.)

Andere Saiten zieht Molden z.B. im rohen, von Ratten bewohnten Blues „is a dod da mau“ auf, das unüberhörbar von einem bekennenden Tom-Waits-Fan geschrieben und gesungen wurde. Oder in „bahnhof“: Getrieben von der fetzigen elektrischen Gitarre Hannes Wirths, landen Molden und Resetarits schließlich in einem großen Resümee: „aum bahnhof ziagd se es lem aus, drum bi i imma no duat.“

Oder im düsteren „de beag“: Hier malen die Hügellandbewohner ihre Furcht vor den Bergen, wo es finster ist und wo die Narren herkommen. Walter Soyka spielt dazu eine Knöpferlharmonika, wie man sie in den weinbewachsenen Hügeln westlich des Bisambergs liebt. (Und wie man sie auch beim Heurigen hört, zumindest, wenn man zum Hengl in die Iglaseegasse geht.)

Überhaupt leben Blues und Wienerlied auf dieser Platte miteinander in der ganz selbstverständlichen Wohn- und Lebensgemeinschaft, die man als „Neues Wienerlied“ kennt. Ernst Molden ist mittlerweile der subtilste, präziseste, beste Texter dieses Genres.

Molden & Resetarits live

Eröffnung der „O-Töne“: 9.7., 20 Uhr im Museumsquartier (danach: Lesung von Gernot Wolfgruber).

Abschluss von „Schrammelklang“ in Litschau, 12.7., 19 Uhr.

Weitere Termine: www.ernstmolden.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2009)

Kommentar zu Artikel:

Austro-Blues: Es ist Sommer, und wir sind am Heustadlwaser

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen