Elina Garanca macht den Konzertsaal zur Bühne

Nicht in der Oper, aber als Liedersängerin veredelt die lettische Mezzosopranistin die Salzburger Festspiele. Mit Roger Vignoles gestaltete sie einen denkwürdigen „Liederabend" am Vormittag. Schumann, Berg und Strauss zum Schwelgen.

Elina Garanca macht Konzertsaal
Elina Garanca macht Konzertsaal
APA-FOTO: FRANZ NEUMAYR

Zuletzt Richard Strauss, die „Zueigung", tradtionsgemäß eine „letzte Zugabe", perfekter Schlusspunkt eines Liedprogramms. Die Stimme, vor allem in den tieferen Registern leuchtend und edel, entfaltet sich da auch, weit ausschwingend, in der Höhe zu vollem Glanz: Elina Garanca erntet Jubelstürme für ihren „Liederabend", dessen einziger Formfehler ist, dass er zur Mittagszeit stattfindet.

Eine Matinee also und keineswegs nur eine Gelegenheit, einer Traumstimme zu lauschen. Die Künstlerin, eine Bühnenpersönlichkeit von singulärem Rang, versteht sich, das zeigt sich bei solchen Gelegenheiten, auch aufs intime Gesangs-Genre und formt nebst herrlichen Vokallinien auch die Sprache detailverliebt und mit allen erdenklichen Hintergründigkeiten.

Hermann von Gilms „amethyst'nen Becher", man kann ihn in dieser Wiedergabe nicht nur entziffern, man kann ihn funkeln sehen, denn die Vereinigung von Stimmklang und Wortbedeutung erreicht bei der Garanca ein ideale Maß.

Subtile Einflüsterungen

In Roger Vignoles hat sie den perfekten Klavierpartner zur Seite. Er musiziert mit äußerster Dezenz, trägt die Stimme behutsam und übernimmt nur dort jeweils kurzfristig die Führung, wo Robert Schumann, Alban Berg (in den „Sieben frühen Liedern") oder Strauss ihm Echos, „Einflüsterungen" oder knappe Kommentare zum eben Gesungenen abverlangen. Und er moduliert mit dem Gespür des guten Dramaturgen nicht nur von Tonart zu Tonart, wie es vorgeschrieben ist, sondern auch von Stimmung zu Stimmung, wie es der wahre Interpret zwischen den Zeilen herauszulesen hat.

Ohne Eitelkeiten spinnt in Nachspielen Gedankenfäden weiter - und die Garanca tauscht mit ihm währenddessen die Rollen: Sie „begleitet" mit Geschmack und ohne jede Theatralik; ein Blick, eine knappe Geste genügen, um komponierte Fortsetzungen von Geschichten, die der Text verschweigt, erahnbar zu machen.

Im Konzertsaal wird der Opernstar zur Stimm-Architektin, die im Verein mit dem Pianisten imaginäre Räume und Szenarien entwirft, in denen sich der Hörer verlieren kann. Schumanns „Frauenliebe und -leben" im Zentrum des Konzerts, das Protokoll einer keineswegs simplen, in Wahrheit höchst vielschichtigen Liebesbeziehung, in der denn auch im Jubel immer noch ein Schuss Melancholie mitschwingt.

Wie berührend, wenn Vignoles am Ende von „Helft mir, ihr Schwestern" den von Schumann sanft angedeuteten Hochzeitsmarsch anklingen lässt, gleich danach aber auch Beethovens „Les Adieux"-Thema, das der Komponist hier wohl nicht von ungefähr zitiert. Ahnungen des unausweichlichen Abschieds schwingen dann in Garancas Gesang in den beiden folgenden Liedern mit, obwohl vom realen „Schmerz" erst viel später die Rede sein wird.
Dergleichen verrät interpretatorische Größe. Und die Festspiele gewinnen mit diesem ersten ihrer „Liederabende" nach dem missglückten „Zauberflöten"-Start immerhin auf dem Lied-Sektor das von ihnen erwartete vokale Star-Format.

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