Hunnen, Jodeln und Sieg mit der Schwester

Der introvertierte Portugiese Salvador Sobral siegte mit leisen, sehnsüchtigen Klängen. Die grellen Showmomente blieben beim europäischen Wettsingen in Kiew großteils aus, die Songs waren dafür so gut wie lange nicht mehr.

Der Sieger: Salvador Sobral, 27, hat Jazz und Psychologie studiert, nennt Chet Baker als Vorbild.
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Der Sieger: Salvador Sobral, 27, hat Jazz und Psychologie studiert, nennt Chet Baker als Vorbild.
Der Sieger: Salvador Sobral, 27, hat Jazz und Psychologie studiert, nennt Chet Baker als Vorbild. – (c) imago/ZUMA Press (Serg Glovny)

"Wir leben in einer Ära der Wegwerfmusik. Lasst uns zu den Gefühlen zurückkehren!", rief der portugiesische, trotz veralteter Zopffrisur sympathische Sieger Salvador Sobral den Millionen zu: Die Trophäe in Händen, beleidigte er unbewusst jenen Teil des Teilnehmerfelds, der redlich kalkuliert und spekuliert hatte. Dass ein solcher Appell zur sittlichen Verbesserung wirkungslos verpuffen muss, war bei einer Veranstaltung, die ihre Entstehung dem Kalten Krieg verdankt, ohnehin klar. Wäre Sobral wirklich so sensibel, wie er sang und schauspielerte, dann wäre er erst gar nicht zu so einem Brot-und-Spiele-Event zu Kriegszeiten angetreten.

Dass in der Ukraine Krieg herrscht, merkte man nicht zuletzt am Beitrag des Gastgeberlandes selbst. Die Rockband O. Torvald sehnte in ihrem Lied „Time“ mit eher martialischen Mitteln Frieden herbei: „Let's take time to find a place without violence, let's listen and hear the true meaning of silence.“ Unmittelbar danach setzte ein E-Gitarrenmassaker ein. Stille mit Hilfe von Krach finden zu wollen, ein eigenwilliger Ansatz.

Ganz hinten: Deutschland, Spanien

Doch die Ukraine landete abgeschlagen am drittletzten Platz. Nur Deutschland und Spanien schnitten noch schlechter ab. „What is a prize without a fight“, fragte die Deutsche Levina in „Perfect Life“ und kämpfte tapfer, um dem schalen Song Charakter zu verleihen. Die Spanier nervten mit aufgesetzter Wohlfühlattitüde. Das Paradies war bei ihnen sofort als Kulisse zu erkennen, ihr Lied „Do It For Your Lover“ tat weder wohl noch weh, hatte zu wenig Fleisch am Knochen.

Bei diesem Wettbewerb erwartet jeder ein Zuviel von Allem. Jedes Lied soll, wie die überladenen Teller am Frühstücksbuffet im All-Inclusive-Urlaub, ein solide Sauerei sein. Bislang galt: Wer sich vom guten Geschmack leiten ließ, war schon verloren. Heuer lief es anders. Soviel solide Musik hat man schon lange nicht gehört. Das löste in den sozialen Medien Beschwerden über zuviel Dezenz aus. Tatsächlich: Spotten über abseitige Ästhetik fiel heuer nicht gerade leicht. Einzig Teile der einst vom ESC ausgeschlossenen Ex-Ostblockländer glänzen durch erlesene Geschmacklosigkeit. Joci Papai etwa, ungarischer Roma, zeigte sich in einem pompösen Hunnenhabit, wie es aus einer Kollektion des Maulbronner Modeschöpfers Harald Glööckler stammen hätte können. Gesanglich irritierte er mit kitschigem Klageton: In „Origo“ freute er sich an den Paradoxien der Liebe. „You need to close your eyes to see me“, riet er der vor ihm knieendem Dame, fasste ihr ans Kinn und zog sie auf Augenhöhe. Mit Zeilen wie „If you don't need me, let me go“ erwies er sich als Macho alter Schule.

Sympathischer war Jacques Houdek, ein Glööckler-Klon aus Kroatien. In einer Fantasieuniform steckend, führte er sich in einer Pose der Nachdenklichkeit ein: „There are only two ways to live your life. One is to say nothing is a miracle, the other is to say everything is a miracle.“ Selbstverständlich zählt Houdek zu jenen, für die alles ein Wunder ist. In seiner breiten Brust wohnen zwei Stimmen: Ansatzlos wechselte er zwischen Opernbariton und Popfistelstimme. Noch dazu will er heilen, mit seiner Musik. Schön.

Aus dem Meer der erträglichen Nummern des diesjährigen Contests ragte einsam der rumänische Beitrag „Yodel It!“ heraus. Der war von jener absurden Qualität, die gerade die Eurovison-Fans so lieben, die sich weniger für die Musik als für daraus abgeleitete existenzielle Einsichten interessieren: Ilinca feat. Alex Florea vermählten kühn Jodelei mit Rap und Lebenshilfe. „If you wanna run feeling like a misfit, come on sing along.“ Dieser Ausbund an Schwachsinn erreichte am Ende den siebten Platz.

Platz 16 für Österreich

Vielleicht sollte es Österreich einmal mit alpinen Signaltönen probieren, statt auf angepasste Ö3-Ästhetik zu setzen? Dass der Beitrag von Nathan Trent, der artig auf einer Mondsichel sang, keinen einzigen Punkt aus der Publikumswertung bekam, überraschte aber. Auch andere gute Gesangsperformances stürzten in der Wertung ab. Die expressive polnische Rocksängerin Kasia Mos musste sich mit dem 22. Platz begnügen, die soulige Dänin Anja mit dem 20. Platz. Gerechtigkeit kann bei einem Wettbewerb, bei dem mittlerweile die Betrachter und Ausdeuter den Starstatus oft für sich selbst beanspruchen, kaum erwartet werden.

Auch der 17-jährige, zuletzt stark gehypte bulgarische Geheimrusse Kristian Kostov konnte den überlegenen Sieg von Salvador Sobral letztlich nicht gefährden. Sein sanftes „Amar Pelos Dois“ war ein Triumph der Stille, ein Moment des Innehaltens in einem noch immer von grellen Effekten dominierten Event. Als Sobral nach seinem Sieg nochmals auf die Bühne musste, nahm er seine Schwester Luisa mit. Sie hat schließlich „Amar Pelos Dois“ (Liebe für Zwei) komponiert, ein Lied, in dem es um eine konkrete Sehnsucht geht. Das gemeinsame Duett rührte noch mehr als Sobrals siegbringende Solovorstellung. In der Halle zeigten sich Fans aus allen Ländern solidarisch beim Verströmen von Tränen. Konfliktfreies Liebesglück – für einen Moment schien es zum Greifen nah.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2017)

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