Austria '08-Kandidat: Der Wasserbüffel im Weingarten

Johannes Hirsch gilt als Wegbereiter einer neuen Winzer-Generation in Österreich.

(c) APA (Barbara Gindl)

Die Viecher produzieren ganz schön viel Mist. Das ist gut für Johannes Hirsch. Denn damit düngt er seine Weingärten. „Und es gibt keinen besseren Dünger, als jenen von Wasserbüffeln“, ist er überzeugt. Wasserbüffel für den Weingarten? Mittlerweile kann der Spitzenwinzer aus dem Kamptal mit derlei Aktionen kaum noch jemanden verblüffen. Denn viel zu oft hat er mit seiner unkonventionellen Art verwundert, aufhorchen lassen, ja ist mitunter auch angeeckt.

Johannes Hirsch ist seinen eigenen Weg gegangen. Es war ein von Erfolg gekrönter Weg. Aber nicht nur deshalb ist der 37-Jährige für die diesjährige Austria'08 in der Kategorie Wirtschaft nominiert. Johannes Hirsch gilt als Wegbereiter für eine neue Ära im österreichischen Weinbau.

 

Hirsch verbannte Rotwein

Erstmals aufhorchen ließ er 1999. Als die heimische Rotweinszene von einem Jahrhundertjahrgang sprach, riss er alle roten Rebstöcke heraus. Dabei zählten die Rotweine zu den besten des Kamptals. Aber Hannes Hirsch hatte eine Vision. Die setzte er um. Mittlerweile wachsen auf den 25 Hektar des Weinguts lediglich zwei Sorten: Grüner Veltliner und Riesling.

Mit seinem Schritt verblüffte der damals 28-Jährige nicht nur Kollegen, sondern vor allem die Standesvertreter. Denn Bauernfunktionäre propagierten den Rotwein als Antwort auf den Klimawandel. Millionen an Fördergeldern flossen in dieses wahnwitzige Projekt. Heute bleiben jene Winzer, die diesem Ruf gefolgt sind, auf ihren Rotweinen sitzen oder müssen zu Dumpingpreisen verkaufen.

Riesling und vor allem Grüner Veltliner machen hingegen international Furore. Heute wird jede vierte Flasche aus dem Hause Hirsch in den USA getrunken.

2002 sorgte Hirsch für ein Erdbeben in der Weinszene: Als erster österreichischer Winzer füllte er Spitzenweine in Flaschen mit Schraubverschluss. „Es gab zuvor ein Schlüsselerlebnis“, erinnert er sich. Im Jahr 2000 kelterte er einen herausragenden Riesling Trockenbeere. Ganze 150 Liter wurden von dem wertvollen Nektar geerntet. „Die Hälfte der Flaschen musste ich ausleeren, weil die Korken fehlerhaft waren“, erinnert er sich.

Der Drehverschluss sorgte für viel Verdruss. Namhafte Weinkritiker riefen zum Boykott des Weinguts auf. In der Abkehr vom Korken sahen sie den Untergang der Weinkultur. Sommeliers vermissten das Zeremoniell beim Flaschenöffnen. „Wenn ein Sommelier nur dafür da ist, eine Flasche aufzumachen, dann ist er überbezahlt“, meint Hirsch. Er war zuvor nach Neuseeland gereist, wo Winzer seit Jahren Topweine verschrauben. Hirschs Abkehr vom Naturkork wurde oft als „mutiger Schritt“ bezeichnet. Er selbst sieht darin lediglich eine „ökonomische Entscheidung“.

Weltgewandte Weitsicht setzte sich gegen engstirnige Ignoranz durch. Boykottaufrufe erwiesen sich als unbezahlbare Werbung. Restaurants solidarisierten sich und setzten Hirsch-Weine auf die Karte. Heute ist der Drehverschluss eine Selbstverständlichkeit.

 

Die Natur steht im Mittelpunkt

So progressiv Hirsch agiert, so bewusst „rückschrittlich“ arbeitet er im Weingarten. „Jeder Eingriff schadet dem Wein“, sagt er. „Die Natur kann man nicht verbessern.“ Hirsch hasst den Begriff „Weinmacher“. „Die Antwort auf den Klimawandel sind gesunde Böden“, sagt er. Vater Josef hat vor Jahrzehnten den Kunstdünger verbannt. Mittlerweile kommt der Dünger von den Wasserbüffeln.

Das Ergebnis sind Weine von Weltformat. „Grüner Veltliner Lamm“ und „Riesling Heiligenstein“ sind längst Synonyme für eine neue Winzergeneration in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

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