Aperitivo in Wien: Arriva l'aperitivo!

Vorabend auf italienisch, mit Negroni und Frittata: Die Aperitivo-Kultur breitet sich in Wien aus.

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Auch das Kleinod in der Wiener Singerstraße macht mit beim Aperitivo-Trend. – beigestellt

Von Angebotsessern spricht die eine, das All-you-can-drink-Publikum erwähnen die anderen. Und weder Maria Fuchs vom Cin Cin Buffet noch David Schober und Oliver Horvath vom Kleinod verspüren viel Lust, solche Gäste zu bewirten. Sie sehen in der italienischen Aperitivokultur, die in unterschiedlichen Interpretationen immer öfter auch in Wien auftaucht, etwas anderes als bloße Happy hour: ein lockeres Pre-Abendessen-Ritual, ein Hinübergleiten in den Abend oder auch ein Fortsetzen des gepflegten Nachmittagstrinkens.

Ein Glas Aperol Spritz und dazu ein Lardo-Crostino, ein Glas Spumante und ein kleiner Teller mit Mortadella, ein Campari Soda und ein paar Würfel Frittata. Gerade so viel für den Magen, dass man danach noch richtig essen gehen kann. Das ist die eine Variante, die man in Mailand ebenso findet wie in Venedig oder auch in Wien, etwa im schon erwähnten Cin Cin oder im Procacci: Zu jedem Drink kommt unkompliziert ein kleiner Happen zu essen hinzu. Andere Varianten sehen einen Fixpreis vor, der mit einem Buffet verbunden ist, oder auch mit dem Prinzip „all you can drink“.

Lillet Spritz plus DJ. Im You am Opernring zog mit dem neuen, verrucht-grünen Outfit des Lokals auch eine Version der Aperitivo-Kultur ein: In der diffusen Zeit zwischen Büroschluss und Abendprogramm, hier definiert als 17 bis 19 Uhr, können die Gäste zu einem Fixpreis von 18 Euro zwischen Platten mit spanischen, orientalischen und italienischen Häppchen wählen, etwa mit Pimientos de Padrón, Bruschetta oder Labneh mit Knoblauchchips. Dazu heißt es in der Aperitivozeit „all you can drink“, ob Lillet Spritz, Prosecco oder Hugo, außerdem legt ab 18 Uhr ein DJ auf. Man habe auch ein Buffet überlegt, sagt Markus Steinwender vom You, aber mit den Tellern mit Kleinigkeiten sei man flexibler. Es gebe schon Gäste, die das Angebot zu trinken so richtig ausnützen, aber diese würden oft noch länger sitzen bleiben und im You gleich mit dem Abendessen weitermachen.

Aperitivo in Wien

Maria Fuchs vom Cin Cin indes glaubt, dass ein Aperitivo-Gesamtpaket in Österreich nicht funktioniert, „weil sich die Leute immer ansaufen“. Fuchs gehören außer dem Cin Cin Buffet, das sie gemeinsam mit Hedi Zinöcker führt, auch die Lokale Pizza Mari’ und Disco Volante sowie die Italo-Greißlerei Supermari’. Ihre Aperitivo-Highlights in Italien – „es ist ja eine oberitalienische Geschichte“: „Das Pedrocchi in Padua – total super, die kommen mit Wagen samt Etagères daher –, natürlich Harry’s Bar in Venedig und das Camparino in Mailand.“ Die italophile Gastronomin hat viel darüber nachgedacht, woher die Aperitivokultur eigentlich kommt, und meint: „Die Leute trinken einfach in Italien nicht, ohne zu essen.“ Sie erzählt von einem Zunehmen der Mailänder Apericena-Kultur, wo viele auf das Abendessen ganz verzichten und immer kalorienärmere Häppchen serviert werden, „weil jeder Angst hat, zuzunehmen“. Im Cin Cin bekommt man zu jedem Getränk, etwa Spumante um 4,90 Euro (als Achtel ausgeschenkt, wohlgemerkt), eine Kleinigkeit zu essen, sei es ein Stockfisch-Crostino oder ein paar Würfel Trüffelmortadella. „Ich nütze das auch, um den Leuten zu zeigen, was es gibt. Vielleicht bestellt dann jemand beim nächsten Mal gezielt den Stockfisch.“ Fuchs möchte es locker halten, „bei uns gibt es kein ,Ich zahle 15 Euro und bin voll satt‘“.

„Day drinking“. Ebenfalls nicht zu zahlen sind die Etagères, etwa mit Prosciutto, Parmesan und Oliven, die man von 17 bis 18.30 Uhr im Kleinod bekommt. „Die Leute sind nach dem Büro zu uns auf einen Drink gekommen“, sagt David Schober, „haben dann aber Hunger bekommen und sind essen gegangen.“ Das wird nun seit Anfang März mit dem Aperitivo hinausgezögert, damit einher geht eine größere Auswahl an Prosecco-Drinks. Aperitivo ist für Oliver Horvath und David Schober gleichbedeutend mit ihrem geliebten „day drinking“. Die beiden haben auch über eine Vitrine mit Häppchen diskutiert, „aber ich hasse Vitrinen“, sagt Horvath, und zu seinem Glück sei kein Platz mehr für eine solche gewesen. David Schober erzählt, man habe auch überlegt, wie in Mailand während der Aperitivozeit die Getränkepreise zu erhöhen, „aber Wien ist preissensibel. Wir schenken die Platten also her.“
Die Kleinod-Geschäftsführer haben sich viele Aperitivokonzepte im Ausland angesehen, auch in Spanien. „In der Xampaneria in Barcelona war ich dauernd“, erzählt Schober. „Der Cava ist unglaublich billig, aber man ist verpflichtet, mit dem dritten Glas etwas zu essen zu bestellen.“ Auch Wien hat, wie er meint, seine Aperitivotradition: „Der Stamm-Trześniewski in der Dorotheergasse ist eigentlich eine Urwiener Aperitivo-Institution, wird aber nicht so wahrgenommen. Und, natürlich: das Schwarze Kameel.“ Also jenes Lokal, das Campari und die Mailänder Bar Camparino im Vorjahr für ihr Wiener Aperitivo-Pop-up ausgewählt hatten.

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