Keine Pflanzen für Ungeduldige

Die sogenannten Lebenden Steine gehören zur Familie der Mittagsblumengewächse, doch können sie leicht mit der rascher wachsenden und weniger kapriziösen Verwandtschaft verwechselt werden.

Lebende Steine werden gern mit ihren Verwandten verwechselt.
Lebende Steine werden gern mit ihren Verwandten verwechselt.
Lebende Steine werden gern mit ihren Verwandten verwechselt. – (c) Ute Woltron

Manch trüber Winterwochenendtag verrinnt beschaulich mit der Pflege der Zimmerpflanzen. Ein schönes Musikstück darf nebenher dahinplätschern, oder man lässt sich mittels eines Hörbuchs ein Stück Literatur vorlesen. Die meisten Pflanzen lieben sanfte Brausebäder, aus denen sie erquickt und von Staub befreit hervorgehen. Andere verlangen nach einem verjüngenden Schnitt. Manche wollen keinesfalls den Pelz ihrer Blätter gewaschen bekommen, mögen es jedoch, wenn man Verblühtes und dürr Gewordenes entfernt.

An anderen Nebeltagen wiederum treibt es mich in die Schauräume der lokalen Gärtnerei, aus reinem Vergnügen an Anblick und Duft lebendiger Pflanzen. Dort gibt es eine Abteilung, in der um ein, zwei Euro winzige Gewächse in ebensolchen Töpfchen zu haben sind, und dort konnte bereits so manche entzückende Kleinigkeit entdeckt und großgezogen werden.


Zunächst unscheinbar. Diesmal stand zwischen allerlei Miniaturfarnen und mit rührend großen Blüten prahlenden Weihnachtskaktuszwergen ein auf den ersten Blick unscheinbares, zentimeterkleines Dickblattgewächs. Es gehörte offensichtlich der Familie der Mittagsblumengewächse an, einer Pflanzengruppe, der gesteigerte Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, und die seit jeher meiner Zuneigung gewiss sein kann. Dieses Exemplar, das selbstverständlich augenblicklich in meinen Besitz übergehen musste, sieht den berühmten Lebenden Steinen frappant ähnlich, ist jedoch tatsächlich ein naher Verwandter. Da die Systematik der Familie verzweigt und für Laien praktisch unüberblickbar ist, lässt sich nicht genau sagen, um welche Art es sich tatsächlich handelt.

Die Vertreter der rascher wachsenden Untergruppen, mit deren unverständlichen Namen ich Sie nicht langweilen will, werden häufig fälschlich als Lebende Steine angeboten. Ein echter Lithops ist jedoch nicht so leicht aufzutreiben. Diese hoch spezialisierten Pflanzen wachsen langsam und brauchen ein paar Jahre, bis sie zur Blüte gelangen. Doch das Warten zahlt sich unbedingt aus.

Die Lithops-Blüten sind fein gefiederte Wunder in vielen Farben, doch die kriegt nur, wer den Afrikanerinnen entsprechend huldigt und sie gut pflegt. Jetzt im Winter ruhen sie idealerweise an einem hellen, trockenen und kühlen Standort. Sie vertragen sogar kurzfristig Temperaturen um den Gefrierpunkt und werden bis Mai keinesfalls gegossen.


Nach der Ruhezeit spaltet sich das Blattpaar, und ein neues taucht um 90 Grad versetzt auf. Im Lauf der Jahre können ganze Lithops-Polster entstehen. Damit das gelingt, brauchen die Pflanzen die richtigen Gefäße, und da sie Pfahlwurzeln ausbilden, um damit in Felsspalten nach Feuchtigkeit zu suchen, benötigen sie eher hohe Töpfe als flache Schalen. Im Sommer stehen die Steine dann sehr hell bis sonnig und werden nur dann gegossen, wenn die dicken Blätter an den Seiten leicht runzelig werden. Zwischendurch muss das sandige Substrat unbedingt völlig austrocknen.

Es gibt die prächtigsten Sorten dieser faszinierenden, genügsamen Pflanzen. Die flache Blattoberseite ist marmoriert und mit netzartigen Zeichnungen geschmückt, die das Gestein der Umgebung ihres natürlichen Habitats imitieren. Das Farbspektrum reicht von silbrig-weiß über grün bis gelblich und rosa.

Wer geduldig über ein paar Jahre alles richtig macht, wird eines schönen Herbsttags belohnt. Die beiden dicken, saftigen Blattblöcke teilen sich, und aus der Mitte tritt die wunderbare Blüte hervor. Wie der Neuzugang blühen wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen, es wird aber ebenfalls ein wuscheliges, feinblättriges Sternchen sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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