Suizid: Darüber reden kann Leben retten

Über Selbsttötung spricht man nicht. Oder nur kurz, wenn sich Prominente das Leben nehmen. Dabei ist für Angehörige und Menschen in einer Krise ein offener Umgang mit dem Thema wichtig.

Mit dem Buch will Jungnikl ein Tabu brechen und zeigen, dass man über Suizid reden – und schreiben – kann.
Mit dem Buch will Jungnikl ein Tabu brechen und zeigen, dass man über Suizid reden – und schreiben – kann.
Mit dem Buch will Jungnikl ein Tabu brechen und zeigen, dass man über Suizid reden – und schreiben – kann. – Rafaela Pröll

Einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren, „ist eines der entsetzlichsten Dinge, die einem passieren können“, schreibt die 33-jährige Journalistin Saskia Jungnikl im Buch „Papa hat sich erschossen“, das am Dienstag in Wien vorgestellt wird. Vor sechs Jahren nahm sich ihr Vater das Leben. „Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und ein Nachher“, so Jungnikl.

Sie hat lang gebraucht, um mit diesem Einschnitt klarzukommen und den Tod ihres Vaters für sich zu begreifen. „Wenn ein Elternteil sich tötet, wird alles, was vorher war, neu gedeutet. Ich versuche, mich an alles zu erinnern, was er zu mir gesagt hat. Ich zermartere mir das Hirn: Was war ein Hilferuf? Was war unwichtig? Was war ein Zeichen?“

Viele Menschen haben entsetzt, irritiert und verunsichert reagiert, wenn Jungnikl vom Suizid ihres Vaters erzählte. Die Leute hätten als Todesursache ein „Er hatte Krebs“ oder „Er hatte einen Herzinfarkt“ erwartet. Denn Krebs und Herzinfarkt seien keine gesellschaftlichen Tabus. Jungnikl half, dass in ihrer Familie offen mit dem Thema Suizid umgegangen wird: „Aber vor allem auf dem Land wird Suizid immer noch als Schande für die Familie wahrgenommen.“ Mit dem Buch will Jungnikl das Tabu brechen und zeigen, „dass man darüber reden kann und auch das Recht dazu hat“.

Verantwortungsvoller Umgang. Wichtig ist auch, wie Medien über Suizide berichten. In Österreich gibt es beispielsweise bei den Zeitungen die freiwillige Übereinkunft, nicht über Selbsttötungen in der U-Bahn zu schreiben. Denn Untersuchungen zeigen, dass eine sensationsträchtige Berichterstattung Nachahmungseffekte auslösen kann. Das Wiener Kriseninterventionszentrum veröffentlichte einen Leitfaden für Journalisten. Ziel ist es, eine sorgsame Berichterstattung über Suizid anzuregen, die frei von Vorurteilen ist und das Thema nicht tabuisiert.

Denn Studien belegen auch, dass Medienberichte, die konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten aufzeigen, zu einem Rückgang der Selbsttötungen führen – besonders, wenn Betroffene davon berichten, dass sie ihre Krise bewältigt haben. Österreich war in der Vergangenheit ein Land mit relativ hohen Suizidraten. Heute liegen wir im europäischen Mittelfeld. Laut Statistik Austria nahmen sich in Österreich im Vorjahr 1291 Personen das Leben. Der Rückgang hängt mit dem Ausbau der psychosozialen Versorgung, neuen Antidepressiva und einer höheren Dichte an medizinischen sowie psychotherapeutischen Angeboten zusammen. Auch wird mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen entkrampfter umgegangen.

Über Suizidversuche gibt es keine verlässlichen Zahlen. Aus internationalen Studien geht hervor, dass in Österreich bis zu 24.000 Suizidversuche pro Jahr stattfinden, sagt Claudius Stein, der ärztliche Leiter des Kriseninterventionszentrums in Wien. Hinzu kommt: Ein Suizidversuch oder Suizid betrifft meist bis zu fünf nahe Angehörige, die vielleicht auch Unterstützung brauchen. Wie wichtig psychosoziale Angebote sind, zeigt das Stadt-Land-Gefälle. Früher wählten in Städten tendenziell mehr Menschen den Freitod als in ländlichen Regionen. Dies hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert. So finden sich heute die niedrigsten Suizidraten in Wien und im Burgenland. Die meisten Freitode zählt man in Kärnten und in der Steiermark. Der Rückgang in städtischen Regionen ist auf die bessere Verfügbarkeit von psychosozialen Versorgungsangeboten zurückzuführen.

Höheres Suizidrisiko bei Männern. Auffallend ist, dass sich dreimal so viele Männer wie Frauen das Leben nehmen und deutlich mehr ältere Menschen als jüngere. Ein Drittel aller Suizide entfällt auf Personen, die älter als 65 Jahre sind. Männer ab dem 85. Lebensjahr haben ein fünffach erhöhtes Suizidrisiko, verglichen mit der Gesamtheit der österreichischen Männer. Claudius Stein vom Kriseninterventionszentrum ist daher die Prävention bei älteren Menschen ein großes Anliegen.

Oft häufen sich für ältere Menschen ausweglos erscheinende Lebenssituationen – wie Verluste nahestehender Personen, das Ende der beruflichen Tätigkeit, der Wechsel der Wohnform (Übersiedlung ins Seniorenheim) oder Einschränkungen durch Krankheiten wie Demenz oder Depressionen. So leidet etwa jeder vierte Mensch, der älter als 65 Jahre ist, an einer Depression. Etwa 70 Prozent jener älteren Menschen, die sich das Leben nehmen, leiden an einer Depression, die aber oft nicht als solche erkannt wird. Betroffene suchen den Arzt auf und klagen über körperliche Beschwerden. Dahinter kann aber eine psychische Erkrankung oder depressive Verstimmung stehen.

Im Alter muss mit „der Einschränkung von Möglichkeiten und Fähigkeiten bis hin zur Pflegebedürftigkeit gerechnet werden. Der tatsächliche oder vermeintliche Verlust der Selbstständigkeit kann als massive Kränkung erlebt werden, die Menschen verzweifeln lässt“, sagt Claudius Stein.

Daher brauchen Betroffene in dieser Zeit viel Unterstützung durch ihre Umgebung. „Hat man das Gefühl, der Gesprächspartner könnte an Suizid denken, dann sollte man ihn danach fragen.“ Personen, die suizidgefährdet sind, benötigen „ein Gegenüber, mit dem sie offen über ihre Probleme und Suizidgedanken sprechen können“, betont Stein. Suizidprävention beginne mit der Arbeit an Beziehungen mit den Betroffenen – etwa aktiv den Kontakt herstellen, das Gespräch suchen, Interesse signalisieren und zuhören. Die Suizidgedanken sollen nicht verurteilt und bewertet, sondern ernst genommen werden. Zudem sei auch eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Thema Altwerden sowie mit existenziellen Fragen am Lebensende (Autonomieverlust, Sterben, Krankheit) hilfreich.

Eine Krise kann bewältigt werden. Grundsätzlich kann eine Krise aber jeden Menschen in jeder Lebensphase treffen. „Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Menschen eine schwierige Lebenssituation, die auf den ersten Blick ausweglos erscheint, letztendlich gut bewältigen können“, so Stein. Dem Psychiater Walter Pöldinger zufolge vollzieht sich die suizidale Entwicklung in drei Phasen:

  1. Stadium der Erwägung: Die Selbsttötung wird als eine von mehreren Möglichkeiten in Betracht gezogen.
  2. Stadium der Ambivalenz: Man ist hin- und hergerissen: Soll ich oder soll ich nicht?
  3. Stadium des Entschlusses: Für den Betroffenen steht fest, dass er sein Leben beenden will. Es tritt bei ihm eine Phase der inneren Beruhigung ein, was von der Umgebung aber falsch verstanden wird.

Je konkreter die suizidalen Vorstellungen sind, umso mehr sollten Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt und Hilfestellungen gegeben werden – wie beispielsweise ein Gespräch in einer Beratungsstelle, bei einem Psychotherapeuten oder Arzt. Für viele Menschen ist es aber schwer, über psychische Probleme zu sprechen und professionelle Unterstützung anzunehmen. „Wenn hier vermittelt wird, dass die betroffene Person mit ihrem Schicksal nicht allein ist und das Gegenüber den Lebensüberdruss und die Verzweiflung verstehen kann, ist die Hürde leichter zu überwinden“, sagt Stein.

Es gibt auch niederschwellige Hilfsangebote – wie die Telefonseelsorge. Dort wird kein Anrufer nach seinem Namen gefragt. Die Telefonseelsorge (Rufnummer 142) ist kostenlos und offen für alle Problembereiche und für alle Anrufer. Bei Bedarf erhält man Kontaktadressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Für Kinder und Jugendliche gibt es die Hotline „Rat auf Draht“.

Hilfesuchende können sich weiters an das Kriseninterventionszentrum Wien wenden, Jugendliche und Kinder an die Boje. Auf der Homepage www.kriseninterventionszentrum.at gibt es Informationen zum Thema. Unter „Links“ findet man eine Liste mit Angeboten in allen Bundesländern. In Wien steht auch die Psychiatrische Soforthilfe (Telefonnummer: 01/31330) rund um die Uhr zur Verfügung.

ERSCHIENEN

Saskia Jungnikl, (*1981) setzt sich in „Papa hat sich erschossen“ (S. Fischer) mit dem Suizid ihres Vaters auseinander. Die Journalistin schrieb bisher u.a. für „Datum“, „Falter“ und war Redakteurin beim „Standard“. Seit Kurzem lebt sie als freie Autorin in Hamburg.

Das Buch wird am Dienstag, den 11.November, um 19Uhr in der Wiener Hauptbücherei vorgestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)

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