Neuer Terminal: Abflug mit dem Architekten

Der "Check-In 3" am Wiener Flughafen übt sich architektonisch in Transparenz und Zurückhaltung. Und gibt sich großzügig vor allem bei den Ausblicken.

Abflug Architekten
Abflug Architekten
check-in 3 – (c) Dapd (Ronald Zak)

Verträumt in der Kaffeetasse rühren. Ausgiebig umarmen, in feuchte Augen schauen. Dafür müssen sich Romantiker neue Orte suchen. Denn ein Flughafen muss schon genügend Quadratmeter wischen, beheizen, belüften, beleuchten. Da bleibt kaum Platz, auch noch die Gefühlswelt und die Abenteuerlust des Reisenden zu bedienen. Flughäfen funktionieren längst wie Produkte auf dem globalen Markt. Und nicht zuletzt deshalb müssen die Architektur und das Design oft ganz anderen Vorgaben gehorchen als dem Gestaltungswillen. Tim-Philipp Brendel vom Büro Baumschlager Eberle wollte aus dem neuen „Check-In 3“ am Wiener Flughafen trotzdem „More than a terminal“ machen, erzählt er. Während ihn die „Presse am Sonntag“ auf dem Weg zum Flugsteig begleitet. Flughäfen und ihre Architektur müssen folgen: Anforderungen, Zwängen, Notwendigkeiten. Und nicht zuletzt den Strukturen, die schon da sind. Der Flughafen Wien war ja zuvor schon „Stadt“. Mit Supermärkten, Office-Gebäuden, Parkhäusern, asphaltierten Routen, auf denen die Passagiere auf ihrem Weg in die Luft erstmal heranrollen müssen. Allein daran musste der „Städtebau“ anknüpfen, erklärt Brendel. Die Landmark der „Stadt“ bleibt der Tower, 109 Meter hoch, gebaut vom Architektenbüro „Zechner & Zechner“. Der freien Sicht aufs Flugfeld durfte sich das neue Terminalgebäude nicht in den Weg stellen. Und auch nicht den immateriell konstruierten Strukturen, denen der Gebäudeentwurf gehorchen musste. Etwa den Business-Koalitionen in der Luft. In Wien und für Austrian Airlines bedeutet das „Star Alliance“. Und die Trennung in „Schengen“ und „Non-Schengen“, die das Gebäude horizontal gliedert. Bei soviel Vorgaben kann die Architektur ja kaum mehr machen, als recht schick dazustehen, bewusst farblos vor sich hin zu glänzen. Und dabei versuchen, so sinnvoll wie irgend möglich zu sein. Etwa indem sie durch die Farb- und Formästhetik den Stresspegel der Passagiere nach unten dreht, wie Architekt Brendel sagt. Design soll ja nicht aufregen. Wenn doch das Fliegen für viele schon aufregend genug ist. Und deshalb wollte Brendel das Buntsein auch hauptsächlich den Passagieren überlassen. Die Architektur zieht sich in Grau, Schwarz, Weiß, Transparent in die Defensive zurück. Sogar die Logos und bunten Corporate Identities der Retail-Ketten in der Ankunftsebene müssen von grell auf dezent zurückschalten, sich hinter formal einheitlichen Geschäftsportalen ducken. Fluten darf die Hallen und Gänge im „Check-In 3“ dafür das andere, das gute Licht. Durch die einzige Fläche, die wirklich großzügig ist: die gläserne, vertikale Doppelhaut, die Passagiere von der Flugwelt trennt. Vor Sonne schützt die Fassade. Vor Lärm detto. Nur die visuellen Eindrücke lässt man generös durch. Wie auch die Helligkeit durch zahlreiche Lichtöffnungen, die in rhythmischer, räumlicher Abfolge das Licht unter die Reisenden streut. „Die Qualität dieses Hauses sind die Transparenz und der Durchblick. Von allen Ebenen, Positionen im Haus gibt es diesen Bezug zum Außen, zum Flugzeug“, meint Brendel. Das schaffe Anhaltspunkte, Sicherheit. „Durch die Glasfassade sehe ich von der einen Seite zu anderen. Schon daraus ergibt sich eine gewisse Logik und Orientierung“, sagt auch Peter Kleemann, Sprecher des Flughafen Wien. Die Struktur der Glasfassade bestimmt nicht allein die Ästhetik, sondern das Radar. Genauer: die Radardämpfung. Ansonsten dient sie der Live-Übertragung des Vorfeld-Geschehens – das Pausenprogramm für Menschen in Warteposition. Jene, die auf, an und in den neuen Flughafenmöbeln sitzen, knotzen, lümmeln. Bis das Boarding beginnt.


Blickbeziehung. „Da ist nichts von der Stange, alles eigene Entwürfe“, erzählt Brendel. Der „Soft-Table“ etwa war schon gezeichnet, bevor die ersten Enzis im Museumsquartier standen. Und dabei kann und soll er ähnliches: Die Menschen zum Benutzen, Liegen, Lungern, Lesen, Klettern animieren. Oder auch eben mal als Tisch herhalten. „Die Formensprache und die Materialität der Möbel sind Teil des Gesamtkonzeptes“, so Brendel. Wie auch die Laptop-Chairs – kleine Rückzugsinseln mit Sichtschutz für Business-Nomaden. Lümmeln entspannt auch schon am Check-In-Schalter. Dort lehnen die Passagiere, während sie sich und ihre Dinge fremden Menschen und Technologien anvertrauen. Die Schalter sind extra in „Inseln“ organisiert, erklärt Flughafen-Sprecher Kleemann, „wir waren der Meinung, dass das einen besseren Fluss in Richtung der zentralen Sicherheitskontrolle gewährleistet“. Das Design der Boards wurde schon im provisorischen Check-In Container 1A getestet, für gut, passend breit und hoch befunden.

Die „zentrale Sicherheitskontrolle war uns ein besonderes Anliegen“, sagt Kleemann. Eine interaktive Kunstinstallation der Ars Electronica weist den Weg dorthin. Auf einem riesigen Screen purzeln die Buchstaben, formen sich Landschaften, gekoppelt an den aktuellen Flugverkehr. Vor dem Security-Check sollte man Zeit haben, alle Dinge bequem aus den Taschen zu kramen, meint Brendel. Und danach wieder die Möglichkeit ohne Hektik und Rückstau alles wieder zu verstauen. Derzeit halte man bei einer maximalen Wartezeit von vier Minuten, erklärt Kleemann. Nach der Kontrolle verteilen sich die Passagiere auf zwei Ebenen. Und landen zum ersten Mal: in der Shopping-Zone. „Auch das Einkaufen dient der Entspannung“, sagt Brendel. Danach rollen die Trolleys den Gates entgegen. Immer den Zeichen und dem Leitsystem nach, das der renommierte Schweizer Grafiker Ruedi Baur für den „Check-In 3“ entwickelt hat. Wer nicht gut sieht, kann den Schildern und Symbolen allerdings schlecht folgen, kritisierten Interessensverbände der Sehbehinderten. „Wir nehmen diese Kritik sehr ernst“, sagt Kleemann. Und kündigt Verbesserungen an. Auch das Winken und Staunen bekommt in Zukunft noch mehr Raum. Die Aussichtsterrasse soll noch diesen Sommer aufsperren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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