Schnullerdesign: Der Nuckelanalyst

Kaum ein Mensch kommt ohne sie aus. Doch wer steckt eigentlich hinter den verschiedenen Formen? Meistens Ernst Beranek. Schnullerdesign ist fest in österreichischer Hand.

Schnullerdesign Nuckelanalyst
Schnullerdesign Nuckelanalyst
(c) Michaela Bruckberger

Babys können auch Feedback geben: in Form von Ausspucken zum Beispiel. Wenn ein Schnuller in der Testphase häufiger als sonst aus den kleinen Mündern purzelt, stimmt offensichtlich etwas mit dem Design nicht. Und dieses hat nur auf den ersten Blick mit lila Teddybären, Ernie aus der „Sesamstraße“ und blauen Autos zu tun.

„Ich hätte als junger Designer nie gedacht, dass ich einmal als weltweit vermutlich Einziger ein Leben lang Schnuller entwerfe“, sagt Ernst Beranek. Er ist in den Sechzigerjahren durch Zufall dazu gekommen, sich hauptsächlich den Zuzlern zu widmen. Einer seiner Designstudenten an der Angewandten hatte eine Schnullerfirma geerbt und wollte für eine Messe innerhalb von zwei Wochen die Produkte verbessern. Ernst Beranek fing Feuer und begann sich als Schnullerforscher zu betätigen. „Ich habe weltweit österreichische Handelsdelegierte und Diplomaten angeschrieben und sie gebeten, sie mögen mir Schnuller aus den Ländern schicken, in denen sie stationiert sind. Natürlich haben mich auch ein paar gefragt, ob ich deppert bin.“ Aber es kamen genug Schnuller zusammen. Und angesichts der Sammlung aus den unterschiedlichsten Gegenden der Erde wurde Ernst Beranek ein Problem bewusst: „Babymünder sind doch weltweit alle halbwegs gleich gebaut, warum sind dann die Schnuller so verschieden?“

Ansichtssache. Verschieden sind auch die Ansichten, die Mütter über Schnuller haben, so die Erfahrung des Designers. Und die müssen sich nicht unbedingt mit den Ansichten von Kinderärzten und Zahnheilkundlern decken. „Asymmetrische Zuzler mögen zwar richtig für den Kiefer ausschauen – aber nur dann, wenn sie richtig im Mund stecken. Was aber, wenn der Schnuller nächtelang falsch herum getragen wird, ohne dass es jemand merkt?“ Der Kiefer von Babys sei sehr weich, weshalb etwa auch der Ansatz des Nuckelteils am Schild auf null zusammenpressbar sein müsse, um keinen unnötigen Widerstand zu bieten. Auch oft diskutiert: ob Schnuller immer klinisch sauber sein müssen. Kinderärzte hätten ihm geraten, einen Griff zu entwerfen, den auch ein Kind leicht fassen kann. „Ein Kind soll nämlich den Schnuller ruhig in die Hand nehmen und dann samt Bakterien in den Mund stecken. Das schadet nicht.“ Dazu sei es aber notwendig, einen kindgerechten und leicht greifbaren Knopf zu entwerfen, keinen Ring oder schmalen Steg.

Apropos Ring: So richtig aufregen kann sich Beranek, wenn es um Schild und Griff geht, also die Teile, die aus dem Mund herausschauen. „Da gibt es wirklich abenteuerliche Sachen: Kinder, die einen Knochen im Gesicht spazieren tragen, oder Kinder, die ausschauen, als ob sie eine Schublade verschluckt hätten, von der nur mehr der Griff herausstünde. Oder so, als ob man sie gleich einem Stier an einem Nasenring herumführen könnte.“ Manche Schnullerschilder seien „wie Kreissägen rund um den Mund“ gestaltet, mit einem so großen, harten Schild, dass er von unten die Nase des Kindes eindrücke. Der Designer demonstriert das mit einem Schnuller: „Sogar bei mir geht sich das nicht aus mit dem Abstand zwischen Mund und Nase. Wie, bitte, soll das bei einem Baby klappen?“


Oft kopiert. Weiters wichtig, so Beranek: was der Schild mit dem Gesichtsausdruck des Babys macht. „So wie eine Pilotenbrille einen Dackelblick macht oder eine nach oben gebogene Brille uns diabolisch aussehen lässt, darf ein Kind mit Schnuller nicht ausschauen, als ob es ständig weinen würde“ – etwa wenn der Schild nach unten gebogen ist. „Manche Schnuller können einen noch so ausgeklügelten Zuzler haben und verkaufen sich trotzdem nicht, weil mit dem Gesichtsausdruck des Babys dann irgendetwas nicht stimmt.“

Dass Beraneks Entwürfe weltweit so oft gesehen werden, liegt nicht nur daran, dass seine Stammfirma MAM Marktführer ist. Sondern auch daran, dass seine Schnuller so oft kopiert werden. „Da arbeiten wir zwei Jahre an etwas, und andere bringen unsere Entwürfe in zwei Monaten auf den Markt, Sie können sich vorstellen, dass man da fuchsteufelswild wird“, sagt er. Ein Beispiel für einen oft kopierten Entwurf ist der Schild mit möglichst geringer Fläche, wie er links im Bild zu sehen ist. „Da sammelt sich kein Speichel, der zu wunder Haut führt.“ Aber auch eine Schildfläche muss Löcher haben: mindestens zwei und mindestens fünf Millimeter groß, damit das Baby immer noch Luft bekommt, selbst wenn es den Schnuller verschluckt. Schnuller für Frühchen haben zusätzlich ein Loch für den Infusionsschlauch, die Zuzler sind dann natürlich auch deutlich kleiner.


Schnullermoden. Viele der Objekte seiner Sammlung sind in die Jahre gekommen: Naturkautschuk dunkelt mit der Zeit nach, zieht sich zusammen und wirkt schnell unappetitlich. Deshalb wird heute fast nur mehr Silikon verwendet, auch wenn sich manche Mütter einbilden, es müsse unbedingt Naturkautschuk sein, berichtet Beranek von seinen Erfahrungen mit den Käuferinnen. „Aber viele Mütter bilden sich auch ein, es müsse unbedingt Brombeer sein, weil das in Paris die Modefarbe ist und der Schnuller des Babys sonst nicht zum Outfit passt, oder es müssen unbedingt Totenköpfe auf dem Knopf drauf sein.“ Ernst Beranek schüttelt den Kopf. „Es gibt sogar Schnuller um zigtausende Dollar, mit Diamanten besetzt. Absurd, welche Auswüchse das annimmt!“

Latinomütter bevorzugen Schnuller in Knallfarben oder solche, die im Dunkeln leuchten, skandinavische hingegen ganz schlichte Modelle, erzählt Beranek. Er denkt bei den Knopfentwürfen vor allem an die Kinder, denn in Sachen Motive seien sie heikel. „Ein Zweijähriger kann schon Details erkennen, da muss man ordentlich zeichnen, sonst fragt das Kind: ,Warum hat die Kuh keine Augen?‘“ Und eine Mutter hat ihn gebeten, symmetrische Motive zu entwerfen, weil ihr Sohn sie jeden Abend gefragt hat: „Mama, ist das Auto richtig im Mund?“

Ernst Beranek


wurde am 6. Oktober 1934 geboren und war ab 1963 als freischaffender Designer in Wien tätig. Von 1974 bis 2008 betrieb er das Büro I.D. POOL gemeinsam mit Harry Kubelka.

Er unterrichtete viele Jahre Industrial Design und Werkerziehung und war an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt, etwa zum Design körpergerechter Schulmöbel, Schultaschen oder zu Designlösungen für Senioren.

Viele seiner Entwürfe wurden mit Preisen ausgezeichnet, etwa die Schnuller für Frühgeborene, Verpackungen von Schnullern, eine Kinderzahnbürste oder Stillaccessoires, alles für MAM.
Bruckberger

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)

Kommentar zu Artikel:

Schnullerdesign: Der Nuckelanalyst

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen