Geschäfte machen beim "Twittagessen"

Kommst du, suchst du, kennst du, kannst du? Weißt du, willst du, hast du, findest du? Kreativehabendas Online-Netzwerken für sich entdeckt. Auf Plattformen und bei den dazugehörigen "Offline"-Events sucht man Geschäftspartner und Gleichgesinnte.

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Geschaefte machen beim Twittagessen
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Ich bin ein erfahrener Hamburger Freelance-Konzeptioner & -Texter und suche einen Agenturjob als ,Creative Director Text‘ in spannender Agentur D/A/CH“, schreibt Volker Neumann in der Facebook-Gruppe „Agenturjobs Österreich“. „Der nächste Photowalk findet am 24. Juli in Klagenfurt statt“, macht photowalk.at aufmerksam. Und auch fürs AlmCamp, das Barcamp auf der Alm, gibt es laut barcamp.at schon einen Termin: Anfang Oktober.

Kommst du, suchst du, kennst du, kannst du? Weißt du, willst du, hast du, findest du? In kaum einer andere Branche laufen die virtuellen Netzwerkdrähte so heiß wie in der Kreativwirtschaft. Mithilfe von Online-Netzwerken wie Facebook-Gruppen, Twitter-Nachrichten, MySpace-Seiten oder Branchenplattformen wie Digitalks.at rotten sich die kreativen Köpfe mit Gleichgesinnten zusammen, um sich gegenseitig anzuspornen, Ideen zu entwickeln, Aufträge zu lukrieren oder neue Geschäfte anzubahnen. „Wer bekannt werden will, der darf keine Chance ungenützt verstreichen lassen“, sagt Sabrina Hanneman. Die 28-Jährige ist seit einem halben Jahr Gründerin/Geschäftsführerin der Web-2.0.-Agentur „Zensations“. Sie ist eine begeisterte Twitterin, verlinkt auf Xing und Mitglied bei Facebook-Gruppen wie „Girl Geek Dinner Austria“. „Helfen dir die Kontakte nicht heute, dann helfen sie dir eben morgen“, sagt sie.

Der Netzwerkfantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Beim „Twittagessen“ lernen sich Twitter-Begeistere abseits der 140 Zeichen kennen. „Girl Geek Dinner Austria“ ist eine Gruppe für computeraffine Frauen. Auf „Photowalk.at“ formieren sich wiederum (Hobby-)Fotografen, um bei einem gemeinsamen Stadtspaziergang zu fotografieren. Und bei einem BarCamp, auch „Nichtkonferenz“ genannt, treffen sich Interessierte, um sich je nach Motto in Diskussionen und Vorträgen auszutauschen. Das Programm wird erst während der Veranstaltung von den Teilnehmern festgelegt. Jeder darf sich in eine Liste eintragen und 20 Minuten über ein Thema referieren. Das Prinzip hinter all diesen Veranstaltungen ist dabei ähnlich. Zuerst finden Profis oder Laien online zusammen, und dann trifft man sich bei sogenannten Offline-Events, um sich im realen Leben bei Essen, Kaffee oder Bier kennenzulernen – netzwerken inklusive. Die neuen Kontakte hält man dann wieder – logisch – über die Online-Plattformen.

Selbstdarsteller und Nerds. „Es hat etwas von einem Blinddate“, sagt Webentwickler und Jazz-Musiker Martin Wittmann. Er besuchte vor einem halben Jahr sein erstes „Twittagessen“ in Wien. Er schätzt die bunte Szene, die gute Stimmung: „Du triffst alles, von Selbstdarstellern bis zu richtigen Nerds.“ Gleichzeitig hält er die berufliche Vernetzung für wertvoll: „Es funktioniert automatisch: Du erzählst von deinem Leben, der andere von seinem, und schon hat sich wieder was ergeben.“ Nach dem Essen hat er zwei Einladungen zum Vorsprechen bei großen Firmen erhalten. Sie wurden ihm von einer Twittagesserin vermittelt.

Es ist das Einmaleins des Netzwerkens, das sich in der kreativen Online- und Offline-Welt abspielt. Mit dem Vorteil, dass mithilfe des Internets viel mehr Menschen erreichbar sind. Konnten sich die wenigen Kreativen vor dem Aufkommen des Internets vorwiegend auf Fachveranstaltungen mit ein paar hundert Leuten treffen oder sich vielleicht mit Flugblättern und Anschlagtafeln in Stammtischen organisieren, stehen jetzt auf einmal die gesamte virtuelle Welt und ihre Bewohner zur Verfügung. Was wichtig ist, denn: „Es gibt 150.000 Kreative in Österreich, davon sind 120.000 Einzelkämpfer“, sagt Reinhold Willfort von Innovation Service Network, einer Beratungsfirma für Wissens- und Innovationsmanagement. Und weiter: „In diesen Einzelunternehmern steckt ein enormes kreatives Potenzial. Gleichzeitig sind sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Wie schlage ich mich allein durch? Wie löse ich Denkblockaden, und wie kann ich meine Ideen am besten umsetzen? Es ist ein reger Austausch notwendig, damit sie über die Runden kommen.“ Willfort organisierte Anfang Juli mit „Braintwister“ ein „Massen-Brainstorming“ und Vernetzungsevent der Kreativszene: Über 300 Personen aus Branchen wie Design, Grafik, Medien, Mode, Musik oder Film kamen in Graz zusammen. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Frage: „Wie kann sich die Kreativbranche besser, sichtbarer vernetzen?“ Das Wirtschaftsministerium gab das Projekt in Auftrag und finanzierte.

Facebook für Ideen. Dass sich Wirtschaft und Politik in den vergangenen zwei Jahren vermehrt für die Kreativbranche interessieren, ist kein Zufall sondern eine Rechnung: „Wir können davon ausgehen, dass Ideen in Zukunft viel wert sein werden. Sie werden maßgeblich den Dienstleistungssektor dominieren“, prognostiziert Willfort. Seine Aufgabe ist es daher, die Kreativen zu finden, ihre Identität zu stärken und sie miteinander in Verbindung zu bringen. Je interdisziplinärer, desto besser. Es sei wichtig einen Gitarrenspieler mit einem Jeans-Designer zu vernetzen. Warum? „Ein Designer denkt anders kreativ als ein Musiker oder ein Architekt. Zusammen können sie viel eher ein Projekt entwickeln als mit Kollegen aus der gleichen Branche.“ Daher war der „Braintwister“ nur ein Kennenlerntreffen, das jetzt im Netz weitergeführt wird. Neurovation.net heißt die neue Plattform. Es ist dies eine eigene Social-Media-Plattform für kreative Köpfe, ein Facebook für Ideen.

Die User können Vorschläge und Einfälle hochladen, sich – Überraschung – mit anderen Kreativen vernetzen, Ideen bewerten oder bewerten lassen und diese schlussendlich verkaufen. Im Moment hat die Plattform rund 1500 Teilnehmer, Ende September sollen es 10.000 sein. Dann wird Zwischenbilanz gezogen, weil der zeitgleich auf der Plattform fortgeführte Ideenwettbewerb mit einem Preisgeld von zehn Mal 1000 Euro ausläuft. In weiterer Folge soll die Plattform mit Unternehmen verbunden werden. Diese können Aufgabenstellungen online stellen, für die die Plattform-User dann Ideen einreichen können. Die besten werden gegen Geld oder Gutscheine abgegolten. Eine Win-win-Situation, wie Willfort findet.

Dass sich große Firmen mit den Kleinen verbinden wollen, zeigen auch die BarCamps, die von Firmen gesponsert werden. Ebenso die Liste der Teilnehmer bei einzelnen Offline-Events: Am Wiener Interactions-Design-Stammtisch im Lokal WerkzeugH sitzen Einzelkämpfer und Start-up-Unternehmer neben Angestellten großer Firmen und reden über neue Geschäftsideen. Man gibt einander Feedback, fragt nach den richtigen Leuten für Projekte.

„Auch in großen Unternehmen können Profis Probleme haben, weil sie sich mit niemandem fachspezifisch austauschen können“, erklärt Tom Haberfellner. Er hat den Stammtisch vor fünf Jahren gegründet. „Oft kommt jemand mit einem Problem aus der Arbeit vorbei, legt einen Zettel auf den Tisch und sagt: ,Los, lösen wir das‘“, erklärt ein Teilnehmer. Immer wieder posten auch Firmen ihre Jobangebote auf die Blogseite der Gruppe. Das Publikum wechselt bis auf eine kleine Kerngruppe ständig. Sogar ein Deutscher kam im Zuge einer Geschäftsreise vorbei. Ob denn niemand Angst hätte, dass jemand Ideen klaut? „Sicher nicht“, sagt Haberfellner prompt, „es ist eine Sache, eine Idee zu haben, eine andere, diese auch umzusetzen. Diese Energie muss man erst mal aufbringen.“ Daher kommt auch das Bestreben nach branchenübergreifendem Austausch, denn immer nur dieselbe Branche, „das wäre ja ätzend“, sagt Haberfellner.

Dein Freund, der Konkurrent. Und trotzdem: Unter dem Strich ist die Kreativszene in Österreich weit davon entfernt auf funktionierende, branchenübergreifende Netzwerke zurückgreifen zu können. Fotograf Daniel kritisiert, dass jede Branche und viele Kollegen nach wie vor ihr eigenes Süppchen kochen. Er ist zwar der Facebook-Gruppe „Austrian Photography“ beigetreten, der Konkurrenzdruck sei aber zu hoch, damit dort ein richtiger Austausch stattfinden würde: „Natürlich gibt es Leute, die ihre Kontakte nicht gerne hergeben. Manche Kollegen erzählen aus Konkurrenzangst nicht mal, an welchem Projekt sie arbeiten.“ Er selbst hätte durch das Vernetzen – auch das Weitervermitteln von Kollegen – noch nie einen Auftrag verloren. Auch Programmierer Michael findet, dass beim Netzwerken oft mehr Schein als Sein vorhanden ist: „Nach mehreren BarCamps wird klar, dass gefühlte 80 Prozent der Vorträge nur Müll sind.“ Trotzdem will er weiter hingehen. „Denn viele Projekte wären ohne BarCamps gar nicht zustande gekommen.“ Auch Sabrina Hanneman ergreift jede Gelegenheit für ein Twittagessen. Denn: „Online kann man sich beruflich schnell ein großes Netzwerk aufbauen, aber damit man die Kontakte nutzen kann, muss man sie auch außerhalb des Social-Webs kennenlernen.“ Ganz altmodisch. Im „Offline-Leben“.

Links

www.neurovation.net
Ideenplattform für Kreative.

www.girlgeekdinner.at
Netzwerk kreativer, internetaffiner Frauen; Abendessen alle zwei Monate in W, NÖ oder Sbg.

www.digitalks.at
Erklärt digitale Medien in verständlicher Sprache; Events im Wiener MQ.

www.twittagessen.de
Gemeinsames Frühstück, Mittag-, Abendessen, kann von jedem Twitter-User organisiert werden.

Austrian Photography
Facebookgruppe für Fotografen.

www.barcamp.at
BarCamps sind Events zum Wissensaustausch zu verschiedensten Themen.

www.mobile-monday.at
Treffen zum Erfahrungsaustausch für alle mit Interesse an mobiler Industrie.

www.interactiondesign.at
Design-Stammtisch, Thema: benutzerfreundliche Produkte.

Agenturjobs Österreich
Facebook-Gruppe für Agenturjobs.

www.photowalk.at
(Hobby-)Fotografen machen während eines Spaziergangs Fotos.

Kreativwirtschaft in Österreich
Facebook-Gruppe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)

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