Fixplätze für Büronomaden

Noch mehr Coworking Spaces: In Wien öffnet "Neno2, Salzburg bekommt seinen ersten Standort überhaupt. Und in Klagenfurt ankern Kreative im "Hafen11".

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Egal, ob es der eigene Wunsch ist, der einen in die Selbstständigkeit treibt, oder der Mangel an Alternativen: Die Perspektive, von zu Hause aus zu arbeiten, gehört wohl zu den weniger abschreckenden Aspekten des Lebens als Freiberufler. Statt des täglichen Pendelns ins Büro winkt die eigenständige Zeiteinteilung in der heimischen Wohn- und Arbeitsinsel. Nach einer gewissen Zeit verliert das Ganze aber meist seinen Reiz. Daheim am Schreibtisch fehlt ein professionelles Umfeld, in dem auch noch andere arbeiten, mit denen man sich auf direktem Weg austauschen kann. Eine Trennung von Beruf und Privatleben, sofern überhaupt noch erhofft, fällt komplett ins Wasser. Und das eigene Büro in ansprechender Lage kann sich nicht jeder leisten.

So treibt es die Nomaden des neuen Arbeitens mit ihren Notebooks hinaus ins Kaffeehaus, in Parks und andere öffentliche Räume. Alexander Strohmayer nennt das „modulares Arbeiten“. Mit seinen Neno Offices möchte er eine weitere Anlaufstelle etablieren: „Von all den Modulen des bewegten Arbeitens nimmt Neno nichts weg, sondern will ein zusätzliches Modul bieten.“

Kommen und Gehen. Wer sich bei Neno registriert, kann seit letzten Dienstag auf Arbeitsplätze, Meeting- und Entspannungsräume in der Wiener Schadekgasse zurückgreifen. Bezahlt wird nach Nutzungsdauer – halbtags, ganztags oder mit flexibler Stundeneinteilung. Zwei Beispiele: Wer für einen Tag in die Neno-Räumlichkeiten inklusive eines eigenen Schreibtisches umzieht, bezahlt 39 Euro. Will man für eine zweistündige Teambesprechung zu dritt einen Meetingraum nutzen, kostet das 24 Euro. Es gibt weder Fixkosten noch Vorgaben zur Mindest- oder Maximalnutzung.

Die 550 m im sechsten Bezirk sind vor allem auf die Kreativwirtschaft ausgerichtet. Für maximal 35 Personen gleichzeitig gibt es neben den Räumlichkeiten alle möglichen Arbeitswerkzeuge und Papiersorten, Druckmöglichkeiten, eine Media-Lounge und eine Bibliothek mit Fachbüchern rund um das Thema Design.

„Wenn Leben und Arbeiten verschmelzen, habe ich nicht mehr die Trennung zwischen einer netten Wohnung und einem Büro in Grau oder Buchenfurnier. Plötzlich möchte ich mich auch im Büro wohlfühlen“, sagt Strohmayer. Im Februar eröffnet Neno in der Wiener Innenstadt eine „Executive Lounge“. Im gediegeneren Altbau-Ambiente können beispielsweise Treffen mit Kunden über die Bühne gehen. Geht es nach Plan, folgt im Frühjahr am Rochusmarkt ein familienorientiertes Office mit Kinderbetreuung. Bis Dezember 2013 sollen noch weitere Standorte in Wien, Graz und Salzburg sowie eine erste deutsche Niederlassung in Berlin entstehen. Via Franchise will man das Konzept flächendeckend ausbreiten. Zwischen den Standorten können die Nutzer nach Belieben wechseln.

Begriffliche Pionierarbeit. In Wien sind Coworking Spaces keine Neuheit mehr. Neno steht als neues, flexibles Konzept neben Veteranen wie den „Konnex Communities“ (Hutfabrik, Schraubenfabrik, Rochuspark), die an drei Standorten schon mehr als 100 Selbstständige dauerhaft beherbergen. In Salzburg fing Romy Sigl dagegen bei null an. „Man muss hier mit dem Begriff erst einmal Pionierarbeit leisten“, sagt die Gründerin des Coworkingspace Salzburg, der seit Anfang dieses Jahres seine Tore geöffnet hat. Angesiedelt ist er im TechnoZ-Gewerbepark. Auf über 350 Quadratmeter soll sich die Kombination aus Fixbüro und flexiblem Modell etablieren. Einen Platz dort kann man auf Tages-, Monats- oder Dreimonatsbasis mieten, eine „Zonierung“ in Arbeits- und Ruheräume sorgt für Abwechslung. Zusätzlich soll eine 50-Quadratmeter-Einheit für kreative Praktiker entstehen.

„Coworking ist für mich mehr als ein neumoderner Begriff für Bürogemeinschaft“, sagt Sigl. Wichtige Faktoren dabei seien die Vernetzung und der gegenseitige Austausch. Deshalb sollen auch zwei Drittel der Belegschaft aus dauerhaften Mietern bestehen, während ein Drittel für Tagesmieter reserviert bleibt. Sigl setzt auf zahlreiche Veranstaltungen, die teils von ihr selbst, teils von den Mietern organisiert werden. Beispielsweise gibt es ein regelmäßiges Format, in dem die Coworker ihren Kollegen präsentieren, woran sie aktuell arbeiten. Zur Eröffnungsparty Anfang März darf dann auch Zukunftsforscher Matthias Horx seine dazupassenden Prognosen vom Umbruch der traditionellen Arbeitswelten live vor Ort propagieren.


Szene etablieren. Offene Arbeitsräume können auch dazu beitragen, die lokalen Kreativarbeiter über die Wahrnehmungsschwelle zu hieven: „Wir wollten die Kreativwirtschaft in der Stadt besser sichtbar machen“, sagt Barbara Steiner, Gründerin des Hafen11 in Klagenfurt, der seit vergangenen Herbst auch Ankerplatz für Kärntner Kreative ist. Nach vorangegangenen Projekten, bei denen die Klagenfurter Szene etwa in leer stehende Lokale verlegt wurde, hat sie schließlich am Lendhafen einen 150 Quadratmeter großen Standort ausgebaut. Inzwischen ist der Hafen11 voll besetzt. „Es gibt schon eine Warteliste für frei werdende Plätze. Und heuer oder im nächsten Jahr wollen wir einen weiteren Standort eröffnen“, sagt Steiner.

Als eifrige Coworker haben sich in Kärnten eine Reihe von Kreativarbeitern erwiesen, die ihr erstes Büro in Wien oder anderswo haben, aber bislang in Klagenfurt immer wieder von zu Hause aus gearbeitet haben. Für unter 200 Euro monatlich haben sie nun auch daheim in Kärnten einen innerstädtischen Arbeitsplatz.

offene arbeitswelten

Wien
Hauptstadt auch in Sachen Coworking: Bereits sieben Einrichtungen propagieren mit unterschiedlichen Konzepten die Gemeinschaft der beruflichen Individualisten.

Bundesländer
In Graz tragen der Businessincubator und einige Gründerzentren den Gedanken des Coworking mit. Linz hat mit dem Daxbau eine entsprechende Einrichtung. In Vorarlberg entstand das Coworking Lab Dornbirn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)

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