Lotte Tobisch: "Mein Familiensinn ist etwas verkümmert"

Lotte Tobisch über ihre Anfänge als schlimmes Kind aus gutem Haus, ihre spätere Skandalbeziehung, die Öde von Cocktailpartys und warum sie heute eher in die Politik als ans Theater gehen würde.

Lotte Tobisch
Lotte Tobisch
Lotte Tobisch – APA/HERBERT NEUBAUER

Ihr neues Buch heißt „Langweilig war mir nie“. Ihre Schauspielkarriere kommt trotzdem kaum vor – und es ist auch keine richtige Biografie geworden.

Lotte Tobisch: Heute schreiben Starlets vom Schlager mit 23 ihre Erinnerungen, da lachen ja die Hühner. Außerdem gibt es eine Biografie über mich. Und es gibt so viele Bücher von Schauspielern über ihre Heldentaten, dass ich ganz bewusst gesagt habe, ich erzähle aus meinem Leben, und die Arbeit kommt nur am Rande vor. Das Leben besteht nicht nur aus dem.

Sie beginnen mit der Feststellung, dass Sie ein schlimmes Kind gewesen sind.

Ein Albtraum für meine Mutter. Für ein Mädchen aus gutem Haus ... Schon mit drei Jahren – wenn ich etwas nicht wollte, war's oha. Das ist meine Natur. Vor allem, wenn ich bei anderen Leuten sehe, dass ihnen Unrecht geschieht, da werde ich wild. Besonders bei Leuten, die sich nicht wehren können.

Auch heute noch?

Na ja. Heute mache ich das Künstlerheim, das Altersheim in Baden. Und dann bin ich Ehrenmitglied der Alzheimer-Gesellschaft, da setz ich mich auch ein, auch für die Angehörigen. Die sind noch um einiges schlimmer dran als der Kranke. Ich mach tausend Sachen. Das war auch der Grund, warum ich den Opernball überhaupt angenommen habe, der so weit entfernt von meinen Interessen war: Ich organisiere gern.


Der Opernball lag Ihnen nicht?

Nur die Organisation. Heute würde ich es nie mehr machen, heute ist das eine Sache, bei der zehn Leute mitreden. Die sitzen unentwegt . . . da bin ich zu ungeduldig. Das Einzige, bei dem ich grenzenlos geduldig bin, ist bei Basteleien. Da kann ich mich stundenlang spielen.

Was machen Sie da?

Na, alles. Alles dilettantisch. Da komme ich auf die wahnsinnigsten Ideen. Ich repariere alles, was kaputt ist. Auch für unseren komischen Flohmarkt, da kriegt man gelegentlich Engel mit einem Flügel zum Verkaufen. Die kriegen von mir vorher einen zweiten.


Es gibt ein Foto, auf dem Sie auf dem Badewannenrand sitzen und eine Armatur reparieren. Waren Sie schon emanzipiert, bevor man das so genannt hat?

Ich habe das mit einem Satz präzisiert: Ich war schon emanzipiert, da waren die Emanzen von heute noch nicht einmal konzipiert. Aber ich war nie eine Emanze. Ich lege großen Wert darauf, eine Frau zu sein und als solche auch anerkannt und akzeptiert zu sein. Ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz, alle männlichen Domänen zu erobern. Traktorfahrerin möchte ich nicht werden. Ich habe auch nicht gern, dass mich Männer als Kumpel behandeln. Das geht bei mir nicht, da brauch ich nur hinschauen, und sie hören auf.

Das heißt, das schlimme Kind und die Salondame, als die man Sie gern bezeichnet, sind nur nach außen hin ein Widerspruch?

Salondame ist ein Fach im Theater. Man soll das sein, was man ist. Wenn ich mir etwas zugutehalten kann: Ich habe mir und auch den anderen nie etwas vorgemacht. Ich bin, wie ich bin. Ja sicher, ich komme aus einem Ambiente, das halt nicht proletarisch ist. Das soll gar keine Abwertung sein, das ist eine Feststellung. Und warum soll ich das leugnen? Denken Sie doch, wie lächerlich es zum Beispiel war, als – oh, da werde ich mich gleich in die Nesseln setzen –, als plötzlich unser lieber Spindelegger im Fernsehen den Macho gemacht hat ... Und das, was man sonst als Salondame versteht, dass man bei jeder besseren Party dabei ist – da kann man mich lang suchen. Ich bin bereit, zu einem Clubbing zu gehen, wenn ich dort zehntausend Euro für mein Heim krieg. Da bin ich auch bereit, zu einer Cocktailparty zu gehen – so kurz wie möglich. Aber sonst? Es langweilt mich zu Tode. Ich weiß schon, wie man's macht, ich bin ja so aufgewachsen. Ich hab das zu Hause erlebt, die Ödheit. Es macht mir keinerlei Schwierigkeiten, das einmal eine Stunde zu spielen. Aber es interessiert mich nicht.


Da fällt mir der herrliche Rat Ihrer Großmutter ein, wie man am besten Smalltalk führt ...

Reden, reden, Unsinn reden und dann so rasch wie möglich weg. So ist es.

Trotzdem halten viele diese Partys, den Opernball für so erstrebenswert.

Man muss es nehmen als das, was es ist. Der Ball ist wie die Mozartkugel oder der „Jedermann“ in Salzburg, eine eingefahrene Sache, die gut geht. Und wenn die Leute sagen, dass die feine Gesellschaft durch den Lugner gestört wird, kann ich nur lachen. Da gibt es den berühmten Spruch von mir: 8000 Leute gibt es auf dem Opernball, und 8000 feine Leute gibt es auf der ganzen Welt nicht.

Was macht für Sie denn feine Menschen aus?

Dass sie ein bisschen stiller sind. Nicht dieses pausenlos Provozieren. Provozieren ist sehr gut – wenn es sich um eine Sache handelt.

Wie Sie sagen, kommen Sie aus sogenanntem gutem Haus. Gibt es Dinge, die Sie mitbekommen und nicht verworfen haben?

Viele. Und vieles, was ich dann erst später geschätzt habe. Die Disziplin. Ich war ja nahezu unerziehbar, aber bis zur Schulzeit haben sie mir komischerweise doch einiges beigebracht. Ob das ist, dass man isst, was auf den Tisch kommt. Dass man ein gewisses Maß an Höflichkeit hat. Es gibt heute junge Leute, die sagen, das sei alles äußerlich. Darwin hat gesagt, der Mensch ist ein Raubtier, gezähmt durch Tabus. Da ist sehr viel dran. Dass man gewisse äußerliche Rahmen hält. Das ist mir später, als ich allein in Wien war, weil ich ja alles abgelehnt habe, ungeheuer zugutegekommen. Ein gewisses Maß an Bescheidenheit, bis heute. Ich kenne den Begriff nicht: „Ich geh shoppen.“ Ich gehe etwas einkaufen, wenn ich etwas brauche.

Das Künstlerheim in Baden, ist das auch ein bisschen Familie für Sie?

Für mich nicht so sehr, aber an sich ist es Familie für Theatermenschen, Künstler. Es ist ja klein. Die Einsamkeit in der Masse, wie in den anderen Heimen, die gibt es dort nicht. Es ist im Goethe'schen Sinn eine Wahlverwandtschaft. Die sind doch irgendwie verwandt. Streiten auch entsprechend.

Ihre Eltern waren geschieden, da gab es die Vorstellung auch schon nicht mehr, dass die traditionelle Familie immer und ewig zusammenbleiben muss.

Was ist immer und ewig? Aber ich als Kind kann nur sagen: Es ist schon erstrebenswert, wenn die Eltern zusammen sind. Es soll mir niemand erzählen, dass das nicht der Fall ist. Mein ganzes Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn ich in der Familie aufgewachsen wäre, wie sie eigentlich hätte sein sollen. Ich hab ja ein paar Verwandte, aber wenig Kontakt. Das hat natürlich den Grund, dass ich ausgebüchst bin mit dem Erhard Buschbeck, das war ein Skandal ohnegleichen in meiner Familie. Von dem Tag an habe ich gesagt, ich wünsch euch alles Gute, aber ich brauch euch nicht. Und hab sie nie mehr gebraucht. Als ich plötzlich den Opernball gemacht hab, ist die Familie wie Schwammerln gewachsen . . . Mein Familiensinn ist etwas verkümmert.

Wie wäre Ihr Leben sonst verlaufen?

Wenn ich einen Vater gehabt hätte, wäre ich sicher nie auf den Buschbeck gekommen, der so viel älter war als ich. Das hängt alles zusammen. Das ist eines der merkwürdigen Dinge, wenn man alt ist und sein Leben aufrollt, auch das von anderen Leuten: Wenn man das wirklich akribisch macht, kommen Sie drauf, es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist. Es hängt alles zusammen. Auch wenn es Zufälle gibt – wenn daraus was wird, hat es einen Grund. Sonst verpufft der Anlass. Aber ich bin ganz zufrieden, wie es ist.

Und Sie sind neugierig geblieben.

Ich schau mir alles an, es interessiert mich. Aber ich würde heute nie mehr zum Theater gehen, das ist nicht mehr das, was ich unter Theater verstanden habe. Mein Theater war sehr auf die Sprache konzentriert. Wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, würde ich doch in die Politik gehen und mich herumstreiten. Und mir einbilden, dass ich es besser könnte. Wahrscheinlich auch nicht. Aber ich bin eine Anhängerin der Bachmann, die gesagt hat, die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Ich glaube, dass diese ewige Lügerei falsch ist.

Sind Sie glücklich?

Ich bin glücklich. Wenn ich heute zurückschaue, gibt es zwei Zeiten in meinem Leben, von denen ich sagen kann, dass ich glücklich war. Da sind die zehn Jahre mit meinem guten Erhard, und das ist jetzt. Dazwischen war es interessant. Aber glücklich? Nein. Glück kann man im Grunde nur haben, wenn man auch eine gewisse Ruhe hat. Man muss es auch genießen können.

Frau Tobisch, darf man Sie auch fragen...

1... ob Sie etwas bedauern, wenn Sie jetzt zurückschauen?

Bedauern, das bringt nix. Was man versäumt hat, hat man versäumt. Und sicher gibt es Dinge, die man versäumt hat. Aber bedauern? Ich stelle fest, es wäre klüger gewesen, manches nicht zu versäumen.

2... ob Sie gern Kinder gehabt hätten?

Das ist zum Beispiel so eine Sache. Wahrscheinlich wär das richtig gewesen. Aber das hat sich nicht ergeben, aus vielen Gründen. Aber auch das ist ziemlich sinnlos, wenn ich mir heute mit 88 darüber den Kopf zerbreche. Ich bin, glaube ich, schon ein sehr gefühlvoller und auch sensibler Mensch. Aber ich bin nicht sentimental. Tränen für vergossene Milch? Nein.

3... was Ihnen so richtig auf die Nerven geht?

Unpünktlichkeit. Denn das Kostbarste, was man im Leben hat, ist Zeit. Und Leute, die einem Zeit stehlen, das mag ich gar nicht. Das kann bei mir einer auch nur einmal machen.

Steckbrief

1926 wurde Lotte Tobisch in Wien geboren. Schon nach der zweiten Klasse wechselte sie das erste Mal die Schule.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs floh ihre Familie nach Bayern, Tobisch blieb allein in Wien. Sie war Schülerin von Raoul Aslan und spielte an der Burg, am Volkstheater und in der Josefstadt.

Im Winter 1945/46 lernte sie Erhard Buschbeck kennen, den langjährigen Chefdramaturgen und stellvertretenden Direktor der Burg, und ging mit ihm eine damals skandalträchtige Beziehung ein. Er starb 1960. Eine berühmte Freundschaft verband sie mit Theodor W. Adorno.

Von 1981 bis 1996 organisierte sie den Opernball. Heute engagiert sie sich für das Heim der Aktion Künstler helfen Künstlern in Baden. Buch: „Langweilig war mir nie“, 128 Seiten, Brandstätter Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2013)

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