„Wunderbar chaotisch-geordnet“ PROSA – eine Schule für alle

Das Projekt PROSA bietet jugendlichen Asylwerbern Kurse zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss an. Eine ausgezeichnete Idee.

Projektgründer Sina Farahmandnia (Mitte) mit zwei seiner Kollegen, Azra Bajrica und David Füllekruss.
Projektgründer Sina Farahmandnia (Mitte) mit zwei seiner Kollegen, Azra Bajrica und David Füllekruss.
Projektgründer Sina Farahmandnia (Mitte) mit zwei seiner Kollegen, Azra Bajrica und David Füllekruss. – Die Presse

Jugendliche Asylwerber sind in Österreich oft zum Nichtstun verdammt: Ab 16 können sie nicht mehr in das Regelschulsystem einsteigen, an Volkshochschulen müssen sie auf Restplätze hoffen, Arbeit ist nur als Saisonarbeiter möglich. Das 2012 gegründete Projekt „PROSA – Projekt Schule für alle!“ bietet ihnen Kurse zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss an.

Am Freitag wurde die Initiative mit dem ersten Platz der Sozial-Marie 2015 ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: „Auf wunderbar chaotisch-geordnete Weise wird jeder Einzelne hochgradig differenziert gefördert, mit Alltagsbegleitung und integrativer politischer Arbeit. Eine innovative, eine schöne Mischung.“ Die Sozial-Marie prämiert seit 2005 jährlich hervorragende soziale Innovationen.

„Das Pflichtschulzeugnis eröffnet für die Absolventen ganz neue Perspektiven“, sagt Projektleiter und Gründer Sina Farahmandnia, der in Wien als freiberuflicher Trainer arbeitet und unter anderem Workshops zum Thema Rassismus hält. „Sie haben viel mehr Möglichkeiten, denn vorher hatten sie gar keine.“ Einige der ersten Absolventen besuchen mittlerweile eine Abendschule, einer hat sogar mit der Studienberechtigungsprüfung begonnen.

 

Viel größere Jobchancen

Mit Einschränkungen hätten die Absolventen aber weiter zu kämpfen: Anspruch auf einen Abendschulplatz haben sie nicht und sind deshalb auf den guten Willen der Schulleitung angewiesen. Allerdings hat PROSA etwa mit dem Abendgymnasium am Henriettenplatz (Wien Rudolfsheim-Fünfhaus) eine Kooperation abgeschlossen.

Eine Chance auf einen Lehrplatz haben Asylwerbern nur, wenn sie sich für einen Beruf mit nachgewiesenem Lehrlingsmangel interessieren. „Aber selbst für jene, die nur als Saisonarbeiter als Küchenhilfe arbeiten wollen, ist der Pflichtschulabschluss wichtig“, betont Farahmandnia. „Die Jobchancen sind damit viel größer.“

Neben der Möglichkeit zur Bildung und Unterstützung durch Sozialarbeiter setzt PROSA auch auf Inklusion der Asylwerber, was gleichzeitig als rassismuskritische Arbeit verstanden wird: Es gibt ein Buddy-Projekt mit Schülern der AHS Rahlgasse in Wien-Mariahilf, in der die Asylwerber am Nachmittag unterrichtet werden, und weitere Angebote wie etwa Chor, Fußballmannschaft und Theatergruppe, die sie mit der lokalen Bevölkerung zusammenbringen sollen. Ende vergangenen Jahres wurde zudem als Treffpunkt das Café PROSA im 15. Bezirk eröffnet.

Entstanden ist die Idee zu PROSA aus Unmut über die Zustände in den Grundversorgungsheimen: „Wir haben 60 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren gesehen, die alle tagein, tagaus nichts gemacht haben, außer zu warten“, sagt Farahmandnia.

Die derzeit rund 100 PROSA-Schüler kommen aus 15 Staaten, von China über den Irak bis Kenia und Tschetschenien. Einzige Voraussetzung: Sie müssen vorher mindestens einen Deutsch-Grundkurs absolviert haben. Darauf haben auch fast alle Jugendlichen unter 18 Anspruch. Die meisten Schüler sind um die 20 Jahre alt, ihre Vorbildung könnte aber unterschiedlicher nicht sein: Die einen waren bis zu 14 Jahre in der Schule, andere haben nicht einmal Schreiben und Lesen in der eigenen Sprache gelernt.

Sind ihre Deutschkenntnisse einmal auf Pflichtschulniveau, brauchen die Kursteilnehmer noch rund ein Jahr Vorbereitung bis zur Prüfung zum Stoff von neun Jahren Pflichtschule. Innerhalb von 22 Monaten konnte PROSA alle Schüler der ersten Klasse fit für den Abschluss machen.

Möglich ist das alles nur, da der größte Teil der Arbeit bei PROSA ehrenamtlich erbracht wird, wie Farahmandnia bekräftigt. „Finanziert wird das nicht.“ Öffentliche Förderungen gibt es keine, weil Asylwerber keinen Anspruch auf Förderungen für eine formale Qualifikation wie den Pflichtschulabschluss haben. „Die zuständigen Ministerien sagen, die Zielgruppe der Asylwerber sei nicht förderwürdig“, beklagt der 31-Jährige. „Schließlich stehen sie dem Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und müssen noch dazu nach einem negativen Asylbescheid das Land verlassen.“ (kb)

AUF EINEN BLICK

Sozialprojekt. Das 2012 gegründete Projekt „PROSA – Projekt Schule für alle!“ (www.prosa-schule.org) bietet jungen Asylwerbern Kurse zur Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss an. Am Freitag wurde die Initiative mit dem ersten Platz der Sozial-Marie 2015 ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: „Auf wunderbar chaotisch-geordnete Weise wird jeder Einzelne hochgradig differenziert gefördert, mit Alltagsbegleitung und integrativer politischer Arbeit.“ Die Sozial-Marie prämiert seit 2005 jährlich hervorragende soziale Innovationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2015)

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