Der Architekt, der Geld verschenkt: "Ich bin ein Karma-Ökonom"

Für Geld will der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel nie mehr arbeiten. Wichtiger ist ihm Vertrauen. Auch bei seinem Wiener Projekt #openschoool.

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Jeder, der Geld haben will, bekommt es von mir. Ich verschenke es ständig, das macht so viel Spaß.“ Van Bo Le-Mentzel weiß, dass seine Aussagen irritieren. Vor allem, wenn der Berliner Architekt beginnt, sich selbst zu definieren: „Ich bin Begründer der Karma-Ökonomie und Karma-Ökonom. Mir geht es darum, meine Arbeit und meine Kreativität so einzusetzen, dass das Karma gut wird. Für mich, für mein Umfeld, für die Leute, mit denen ich arbeite.“ Klingt nach einem – wenn auch sympathischen – Spinner, einem Möchtegern-Weltverbesserer. Doch der gebürtige Laote ist keiner, der es bei schönen Worten belässt.

Zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht hat Le-Mentzel mit seinen Hartz-IV-Möbeln. Inspiriert von einem Tischlerkurs an einer Berliner Volkshochschule konstruierte der Architekt den 24-Euro-Sessel: ein Möbelstück, das 24 Euro kostet und in 24Stunden von jedem selbst gebaut werden kann. Den Bauplan für den Sessel wie auch die restliche Hartz-IV-Kollektion veröffentlicht er gratis im Netz.

Und zeigt damit eine weitere seiner Grundphilosophien: die freie Verteilung vorhandener Ressourcen wie Wissen und Geld, aber auch Vertrauen. Als Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gibt er jedem seiner Studenten einen Vertrauensvorschuss. Und der hat es in sich. Der 38-Jährige verteilt schon zu Semesterbeginn nicht nur die Bestnote, sondern auch sein Professorengehalt. Warum er das tut? „Um alle Hierarchien, die jemals aufkommen könnten, im Keim zu ersticken. Weil die wahre Kreativität, die mag Hierarchien nicht“, ist der Berliner überzeugt.

 

Trauma des Flüchtlingseins

Dass er selbst seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, ist für den einstigen Flüchtling – seine Eltern haben Laos Richtung Deutschland verlassen – nicht selbstverständlich. „Wenn du als Flüchtling irgendwo einwanderst, hat das ganz viele Auswirkungen. Meine Eltern sind traumatisiert, sie würden es nur nie zugeben. Das ist ein Knoten, den kriegst du nie mehr aus deinem Leben raus.“ Mitten in die positiv besetzten Begriffe wie Vertrauen, Gerechtigkeit oder Kreativität schleicht sich immer öfter ein für Le-Mentzels Grundeinstellung überraschend negatives Wort: Ärger. Ärger darüber, sich als Flüchtling noch immer nicht anerkannt oder willkommen zu fühlen. Ärger darüber, dass er als Mensch nur über Leistung definiert wird. „Ich muss zuerst eine Performance machen, mich beweisen. Ich bin quasi nicht per se gut genug.“

Dass es ihm gelingt, seinen Ärger in positive Motivation umzusetzen, erklärt sich der Architekt mit dem Einfluss von Vorbildern. „Es gab immer wieder Menschen, die sind in mein Leben gekommen und haben zu mir gesagt: Du bist ein guter Junge, aus dir wird was. Immer wieder.“ Auch bei seinem aktuellsten Projekt profitiert Le-Mentzel von dem Vertrauen, das in ihn gesetzt wird. Seit Beginn des Jahres lebt er ausschließlich von jenem Geld, das er durch Crowdfunding aufgestellt hat. 200 Leute haben ihm für das laufende Jahr insgesamt 18.000 Euro geschenkt. „#dScholarship“ nennt Le-Mentzel diese Aktion, ein „demokratisches Stipendium“, das er als ersten Schritt zu einem „bedingungsloses Grundeinkommen“ versteht.

Was er mit dem Geld und seiner Zeit macht, wussten zum Jahresbeginn weder die Spender noch er selbst. „Diesen Vertrauensvorschuss, den mir diese 200 Leute geschenkt haben, gebe ich jetzt systematisch weiter“, so Le-Mentzel. Auch in Wien. Denn hier baut er im Auftrag des MAK derzeit gemeinsam mit dem Wiener Grafikstudenten Jakob Listabarth die #openschoool (sic!) auf. Eine Schule der Zukunft soll es werden, ein „fliegendes Klassenzimmer“, ein Nachbarschaftstreff der neuen Art.

„Das, was ihr braucht, soll es sein“, erklärt Le-Mentzel beim Projektstart im MAK. Sicher ist nur: Auch hier soll gutes Karma entstehen. „Ich mag Karma so sehr, weil es so extrem unseriös ist. Es gibt keine Definition dafür, man kann es nicht festlegen. Es ist alles und nichts. Genau solche Freiräume brauchen wir, um zu spielen und auszuprobieren, wer wir sind.“

ZUR PERSON

Van Bo Le-Mentzel wurde 1979 in Laos geboren und kam 1979 mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Hartz-IV-Möbel des Berliner Architekten kann jeder selbst nachbauen. Die Anleitungen dafür sind kostenlos im Netz verfügbar: hartzivmoebel.blogspot.co.at

In Wien plant Le-Mentzel das Projekt #openschoool. Im August sind dazu im Alois-Drasche-Park mehrere Veranstaltungen geplant: facebook.com/openschoool.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2015)

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