Was tun mit der Vergangenheit?

Der Film „Back to the Fatherland“ handelt von jungen Israelis, die in Berlin oder Wien leben, und ihren Großeltern. Ein Gespräch mit den Regisseurinnen Kat Rohrer und Gil Levanon.

Regisseurinnen Gil Levanon (l.) und Kat Rohrer (r.). Ihr Film läuft am 17.10. um 17 Uhr im De France.
Schließen
Regisseurinnen Gil Levanon (l.) und Kat Rohrer (r.). Ihr Film läuft am 17.10. um 17 Uhr im De France.
Regisseurinnen Gil Levanon (l.) und Kat Rohrer (r.). Ihr Film läuft am 17.10. um 17 Uhr im De France. – (c) Mirjam Reither

„Du hast mich nicht gefragt!“, sagt Lea zu ihrem Enkel Dan. Beide verbindet die Malerei und trennt die Vergangenheit. Lea floh als Kind vor den Nationalsozialisten aus Wien, Dan lebt in Europa – und es gefällt ihm. Aus Liebe zu ihm kam Lea nach Wien, auf einer Bühne in ihrer alten Schule rezitierte sie Ludwig Uhlands bekannte Ballade „Des Sängers Fluch“. Inzwischen ist Lea gestorben, mit 92 Jahren.

„Back to the Fatherland“, eine Doku von Katharina Rohrer und Gil Levanon widmet sich einem brisanten Thema: Wie kommen Großeltern in Israel, die aus Deutschland oder Österreich vertrieben wurden und viele nahe Verwandte im Holocaust verloren, damit zurecht, dass ihre Enkelkinder nach Wien oder Berlin auswandern? Gil Levanon ist Israeli, Katharina Rohrer, Tochter der „Presse“-Kommentatorin Anneliese Rohrer, stammt aus Wien. Beide lernten einander auf der School of Visual Arts in New York kennen.


Deutscher Schäferhund

Mit einem Spaziergang am Strand in Israel fing es an: Die Freundinnen sahen einen Mann mit einem deutschen Schäferhund, Hitlers Lieblingshund. Wie kann es sein, dass ein Israeli ausgerechnet diesen Hund als Haustier wählt? In einem Land, in dem lange nicht einmal Wagner-Musik gespielt werden durfte?

Levanon sprach mit ihrem Großvater, dieser schloss eine Reise nach Deutschland oder Österreich – Levanons Schwester lebt in Berlin – kategorisch aus. Anders Uri, der widerstrebend wie Lea nach Wien reiste, um seinen Enkel Guy zu besuchen – aber bei den schrecklichen Erinnerungen an die Gestapo noch heute weint.

All dies sieht man in diesem Film, die Alten und die Jungen, wie sie behutsam oder vehement diskutieren, einander zu verstehen versuchen, es aber oft nicht schaffen. Trotzdem ist „Back to the Fatherland“ ein versöhnlicher Film geworden. Überraschend? „Ich begreife meinen Großvater, aber ich bin anderer Meinung“, sagt Levanon: „Es gibt sehr viel Liebe zwischen Großeltern und Enkelkindern. Es werden keine Türen zugeschlagen.“

Katharina Rohrer, die lieber „Kat“ gerufen wird, weil das etwas Distanz schafft zu ihren Zeiten in Wien, hatte mit dem Film ihre eigene Geschichte zu bewältigen: Ihr Großvater war illegaler Nationalsozialist, er fiel im Zweiten Weltkrieg im Jugoslawien-Feldzug, seine Uniform ruht noch in einer Kiste im Haus der Familie. Am Schluss des Filmes packen die beiden Frauen sie aus.


Flucht nach Australien

Das Leben des Großvaters war Rohrer allerdings lang bekannt, bevor sie den Film zu drehen begann: „Ich habe ihn natürlich nie kennengelernt, aber ich bin mit der Geschichte aufgewachsen“, erzählt Rohrer. Was sie frappierte: „Meine Großmutter heiratete einen Nationalsozialisten. Sie hatte aber eine Schwester, die einen Juden geheiratet hat, die beiden flohen nach Australien. Wie ist es möglich, dass die eine Schwester einen Nationalsozialisten heiratet, die andere einen Juden? Das war auch ein wichtiges Thema in unserem Film.“

In diesem sagt der junge Guy einmal: „Der Holocaust ist nicht mir passiert, sondern meinen Großeltern.“ Kann man sich von der Vergangenheit lösen? Ein Nachgeborener in Österreich oder Deutschland könnte sich nicht so einfach von seinen Vorfahren distanzieren. Levanon: „Guy meinte, wenn er Österreicher oder Deutsche aus der dritten Generation trifft, dann wissen wir alle, es ist eine schwere Last, die wir hier mit uns herumschleppen, aber es nicht unsere Last. Israelis denken heute, man muss Deutschen und Österreichern eine Chance geben – als ein Individuum.“ Wandern viele Israelis nach Berlin oder Wien aus, auch, um dem ewigen Krieg in ihrem Land zu entfliehen? Wie wird es weitergehen?

Levanon: „Ich glaube nicht, dass der Krieg in absehbarer Zeit zu Ende sein wird.“ Rohrer: „Als wir vor drei Jahren mit dem Film begannen, waren gerade die sogenannten Danone-Proteste. Viele Israelis gingen nach Berlin, weil die Lebensmittelpreise in Israel so hoch sind. Es gab eine Riesendiskussion in Israel. Die Großeltern sagten: ,Wie könnt ihr das tun? Wir haben Israel aufgebaut, und ihr kehrt in die ehemaligen Nazi-Länder zurück!‘“


„The elephant in the room“

Für Rohrer war zum einen wichtig, eine richtige Kinodoku zu drehen, zum anderen, dass es „kein weiterer Holocaust-Film ist“: „Die Großeltern waren essenziell, aber vor allem wollte ich von der jungen Generation erzählen, davon, wie es ist, mit dieser Vergangenheit zu leben und trotzdem positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln.“ Man müsse immer wieder intensiv über das Thema reden, betont Levanon: „Sonst ist es, wie man auf englisch sagt, ,the elephant in the room‘, das riesengroße Unausgesprochene.“ „Back to the Fatherland“ handelt auch von Heimat und Fremde. Wo sind Levanon und Rohrer, die als Jugendliche nach New York gekommen sind, zu Hause? Gab es Heimweh-Attacken? Levanon: „Immer. Immer! Ich vermisse überall meine Familie!“

Rohrer: „Auch ich habe sehr viel geweint. Beziehungen in New York sind anders als hier, oberflächlicher, mehr im Fluss. Es hat lange gedauert, bis ich in New York Freunde gefunden habe, denen ich vertrauen konnte. Inzwischen habe ich ziemlich viele. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen Freundschaften, die du schließt, wenn du 19 oder 20 Jahre alt bist, und jenen, die dich seit der Kindheit begleiten. Der Punkt war: Ich wollte von Kindheit an Filme machen. Daher bin ich in New York geblieben, egal wie schwierig es anfangs war.“ Und jetzt? „Ich bin definitiv keine halbe New Yorkerin und auch keine halbe Amerikanerin“, erklärt Rohrer: „Andererseits: Wien ist sehr schön, aber klein.“ Trotzdem fühlt sie sich letztlich hier „zu Hause“.

Wie war es, mit der Mutter zusammenzuarbeiten, die am Film maßgeblich mitwirkte? Rohrer: „Es war ja nicht das erste Mal.“ Und wer hat das Sagen? „Beim Filmen? Ich!“, grinst Rohrer.


Am Dienstag, 17.10. (17 Uhr), wird „Back to the Fatherland“ noch einmal im Wiener „De France“-Kino beim Jüdischen Filmfestival gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Was tun mit der Vergangenheit?

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.