Ein Freiluft-Klavier mit Folgen

Initiative. Die Erfinder von „Open Piano“ haben eine Musikschule gegründet: Bei Doremi lernen je ein Flüchtling und ein Einheimischer ein Instrument.

Udo Felizeter, Barbara Plank und Nico Schwendinger (v. l.) sind das Kernteam von „Open Piano“.
Udo Felizeter, Barbara Plank und Nico Schwendinger (v. l.) sind das Kernteam von „Open Piano“.
Udo Felizeter, Barbara Plank und Nico Schwendinger (v. l.) sind das Kernteam von „Open Piano“. – (c) Akos Burg

Es war auf einer Fahrradtour durch Osteuropa, durch die Ukraine, Weißrussland und Polen. In Kiew und Lemberg, erinnert sich Udo Felizeter, habe er mit seinem Reisegefährten Nico Schwendinger in der Stadt zwei öffentliche Klaviere entdeckt. „Ich bin natürlich sofort hin, dachte: wow, geil.“ Die Begeisterung für die konkreten Instrumente schwand zwar schnell, „Tasten sind gehangen, sie waren komplett verstimmt“. Aber die Idee blieb haften.

Im Sommer 2016 stellten die beiden zum ersten Mal ein – von der Klaviergalerie zur Verfügung gestelltes – Klavier an der Ecke des Museumsquartiers auf dem Platz der Menschenrechte auf: vier Tage lang, frei für jeden, der Lust hatte, etwas zu spielen. Das „Open Piano for Refugees“ genannte Projekt kam so gut an, dass das Instrument weiterwanderte: an die Boku, die WU, von Wien nach Bregenz und Graz. Da hatte man schon befunden, „dass ein Pianino nicht reicht“ – und klaglos einen Flügel bekommen.

Besonders erfolgreich in jenem Sommer wurde eine kleine Konzertreihe im Museumsquartier, bei der etwa Ulf Lindemann (Dunkelbunt) oder Puppenspieler Nikolaus Habjan spielten. Am Ende hatten die Organisatoren so viele Spenden im Gitarrenkoffer, „dass wir uns überlegen mussten, was genau wir damit tun“. Das Ergebnis heißt Doremi, ist eine Musikschule – und seit Anfang März Realität.

Schon zuvor, ab Dezember 2016, hatten die Einnahmen 20 Geflüchteten Musikunterricht am Musischen Zentrum Wien ermöglicht, im Sommer 2017 war das „Open Piano“ noch einmal weitergewachsen, expandierte nach Deutschland und die Schweiz – und brachte auch dort Münzen und Scheine ein.

Geld, mit dem nun die Musikschule gegründet wurde. 72 Schüler hat sie derzeit, davon 45 geflüchtete respektive einkommensschwache Menschen, die anderen Etablierte mit finanziell stabilerem Hintergrund. Das Modell, erklärt Felizeter, sehe vor, dass jeder so viel zahlt, wie er kann, „das haben wir auch jedem in einem eigenen Anmeldegespräch erklärt. Sinn ist, dass die Einkommensstärkeren die Schwächeren unterstützen“, der Rest wird vom „Open Piano“ finanziert. „Aber selbst die, denen es sehr schwer fällt, wollen unbedingt etwas geben.“

Musikpaten gesucht

Unterrichtet wird ebenfalls paarweise – mit bewusst gemischten Duos: „Es ist uns wichtig, geflüchteten Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu geben“, erklären die Organisatoren, die zwar allesamt musikbegeistert sind, selbst aus anderen Bereichen kommen (Felizeter etwa studiert Umwelt- und Bioressourcenmanagement und arbeitet an Klimaschutzprojekten für die Caritas). Und auch Deutsch solle dabei vermittelt werden. Viele Angebote zielten bisher auf Sport ab, so Felizeter – und Musikangebote seien auch für Österreicher Mangelware. Gerade in Wien nähmen Musikschulen meistens nur Kinder, Privatunterricht geht schnell ins Geld. Unterrichtet wird an mehreren Standorten in Wien, auch das Instrument bekommen die Schüler bei Bedarf gestellt. Klavier und Gitarre, Oud und Saz, orientalischer Gesang und Percussion, Quer- und Blockflöte, Pop- und Jazzgesang stehen bislang zur Auswahl. Saz-Lehrer Abid Abdel Rahman Mohamed leitete in Syrien selbst ein Musikinstitut.

Für das nächste Semester hofft Felizeter auch auf Geige. Bis spätestens zum übernächsten Semester soll die Zahl der Schüler auf 120 steigen. Das hänge freilich auch davon ab, wie gut die Musikpatenschaften funktionieren: Um 170 Euro können Unternehmen oder Private ein Semester lang einen einkommensschwachen Musikschüler unterstützen. Auch das „Open Piano“ geht weiter, etwa beim „Wir sind Wien“-Festival, „da brauchen wir unbedingt noch Leute, die uns helfen“.

AUF EINEN BLICK

Die Musikschule Doremi entstand aus dem Projekt „Open Piano for Refugees“, bei dem im Sommer Pianos für ein paar Tage im öffentlichen Raum auftauchen. Doremi ermöglicht derzeit 72 Schülern paarweise Unterricht. Paten werden gesucht.

www.openpianoforrefugees.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2018)

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