Rick Genest: Stilblüten

Mustermix auf Stoff und Haut: Der kanadische Varietékünstler Rick Genest zeigt Männermode der fröhlicheren Sorte.

Rick Genest Stilblueten
Rick Genest Stilblueten
(c) Oliver Rauh

Hätte er nicht an der Seite von Lady Gaga (selbst kein Kind von Traurigkeit) im Musikvideo zu „Born this Way“ geschunkelt, so würde Rick Genest wohl noch als von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignorierter Tattoo-Weltrekordhalter, Performer und Varietékünstler in der Punk-Subkultur seiner Heimatstadt Montreal leben und allemal mit seiner Furcht einflößenden Freakshow-Truppe, dem „Lucifer’s Blasphemous Mad Macabre Torture Carnival“, durch die Lande touren. Das Schicksal wollte es aber anders und trieb ihn dem einflussreichen Stilguru Nicola Formichetti, seines Zeichens Gaga-Intimus, in die Hände. Und selbst, wenn Genest in der Folge zur Projektionsfläche für die Kaprizen der Mode avancierte (Formichetti schickte ihn wiederholt für Thierry Mugler über den Laufsteg), ihm selbst ging es bei seinem Langzeit-Tätowierprojekt keineswegs in erster Linie um das Bekannt- oder Berühmtwerden.

Schaustrecke: Rick Genest



Der 26-jährige Kanadier folgt vielmehr einem Gestaltungsdrang, der sozusagen in oder gar unter die Haut geht. Seine Freunde nennen ihn ja „Rico Zombie“ – den Spitznamen trägt er seit einem Spitalaufenthalt in seiner Kindheit, als er wegen eines Gehirntumors behandelt wurde. Ohne sich in Haushaltspsychologie üben zu wollen, könnte man mutmaßen, dass diese extreme Erfahrung Genest später wagemutige Experimente mit sich selbst treiben ließ. Ein Tattoo-Artist in seiner Heimat erkannte seine bedingungslose Bereitschaft, sich unter die Nadel zu legen – Frank Lewis machte aus dem Zombie-Boy das wandelnde Skelett, von dem sich, wie Genest meint, auf der Straße manch ein Passant erschreckt abwendet. „Schön ist, wer echt ist“, schickt er aber nach und macht auch keinen Hehl daraus, an der Mode kein besonders ausgeprägtes Interesse zu hegen.

Sein Mittel der Selbstinszenierung ist schließlich ein extremeres und über die Flüchtigkeit des verhüllenden Gewandes erhaben. In einem der unzähligen Videos, die von ihm im Internet kursieren, sieht man übrigens, wie er mit stark deckender Camouflage-Schminke zu einem jungen Mann ganz ohne Körperschmuck umgemodelt wird. Das ist dann irgendwie nicht minder unheimlich als sein üblicher Skelett-Look. Offenbar ist eben auch das Freaksein relativ. 

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