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Hermannskogel: Wenn das Unten einmal oben ist

Über Österreichs Fundamentalpunkt und andere Grundsätzlichkeiten, 558,7 Meter über der Adria.

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(c) Freitag

Eigentlich sollte man ja meinen, ein Fundament, das sei etwas, was irgendwo unten zu suchen ist. Immerhin bedeutet schon das lateinische fundamentum nichts anderes als Grund, Unterbau, und einschlägige Fremdwörterlexika finden das Fundamentale auch eher auf dem Boden oder gar im Boden drinnen: in Grundbau, Sockel oder, übertragen, in der Grundlage.

Folglich würde man sich den Fundamentalpunkt Österreichs eher – nur so beispielsweise - im tiefsten Seewinkel erwarten als ausgerechnet dort, wo er sich tatsächlich befindet: auf dem höchsten Punkt von Wien, droben auf der Habsburgwarte, die seit 1889 den Hermannskogel krönt.
Zugegeben: Der höchste Punkt von Wien ist noch immer nicht wirklich hoch, und das, was da den hiesigen Fundamentalpunkt markiert, ein unscheinbarer quadratischer Pfeiler mitten auf der kleinen Aussichtsplattform des romantisierenden Gemäuers, wirkt auch nicht sonderlich fundamental. Dennoch: Genau hier liegt er, exakt 558,7 Meter über der Adria, 48° 16' 15'',3 nördliche Breite, 16° 17' 41'',1 geografische Länge.

„Der Punkt wurde im Jahr 1892 vom k. u. k. Militärgeografischen Institut bestimmt und ist heute der Triangulierungshauptpunkt des österreichischen Festpunktfeldes“, erläutert eine Tafel am Fuß der Warte. Und wer sich darunter nichts Rechtes vorstellen kann, der sei an seinerzeitig-schulische Unterweisungsbemühungen in Sachen Trigonometrie erinnert – oder schlicht mit der Erklärung zufrieden, der Fundamentalpunkt sei der zentrale Vermessungspunkt eines Landes. Und weil Vermessung nun einmal ein gewisses Maß an Übersicht voraussetzt, liegt er eben auf einem Berg – und nicht im Tal. „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“, heißt's bei Brecht kämpferisch. Auf dem Hermannskogel jedenfalls darf das Unten einmal oben sein.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2017)

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