Mein Dienstag

Joseph Fouché, zeitloses Bildnis eines Machiavellisten

Der „Joseph Fouché“ von Stefan Zweig ist eines dieser Bücher, bei denen ich mich ebenso angestrengt frage, wer sie heute noch liest, wie ich mir inständig wünsche, dass mehr Zeitgenossen dies tun.

Er setzt viel Wissen über die Französische Revolution und die teuflische Rolle voraus, welche dieser ehemalige Priesterschüler als Polizeiminister unter dem Terrorregime der Jakobiner, unter Napoléon und dann unter König Ludwig XVIII. spielte, dieser Gewissenlose, der als „Schlächter von Lyon“ berüchtigt wurde, wo er 1792 im Dienste der Revolutionsterroristen in wenigen Wochen rund 1600 Menschen per Kanonen in Gruppen niederkartätschen ließ. Für Mittelschüler ist das nichts, doch welcher Erwachsene greift noch zu Romanen, die nicht in den Bestenlisten aufscheinen?

Das ist bedauerlich, denn dieses 1929 erschienene „Bildnis eines politischen Menschen“ ist nicht nur ein Sprachjuwel, sondern auch ein Schlüsseltext politischer Bildung. Mir ist (der ansonsten tief verehrte) Zweig anlässlich jener Stelle in der „Welt bis gestern“ erschütternd naiv vorgekommen, wo er schildert, wie er im Februar 1934 aus der Ferne das Kanonengrollen hörte, aber schlafen ging, statt sich in der Vorstadt ein eigenes Bild von den Bürgerkriegskämpfen zu machen. Im „Fouché“ jedoch ist Zweig ein scharfsinniger Beobachter des politischen Spiels, sein Porträt dieses „vollkommensten Machiavellisten der Neuzeit“ ist heute so wertvoll wie vor 90 Jahren.
Derart wendige Überlebenskünstler zwischen allen Regimen wie Fouché gibt es heute nicht mehr. Ich möchte dieses Buch dennoch dringend empfehlen. Denn wie schreibt Zweig in der Einleitung? „Im realen, im wirklichen Leben, in der Machtsphäre der Politik entscheiden selten – und dies muss zur Warnung vor aller politischer Gläubigkeit betont werden – die überlegenen Gestalten, die Menschen der reinen Ideen, sondern eine viel geringwertigere, aber geschicktere Gattung: die Hintergrundgestalten.“

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

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