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Die Kirche, die Kunst und 22 Mann auf grünem Rasen

Von der Notkirche zur „Notgalerie“: ein Besuch in der Public-Viewing-Zone der Wiener Seestadt.

Künstlerischer Kollateralgewinn? „Notgalerie“, Seestadt Aspern.
Künstlerischer Kollateralgewinn? „Notgalerie“, Seestadt Aspern.
Künstlerischer Kollateralgewinn? „Notgalerie“, Seestadt Aspern. – (c) Freitag

Eine Kirche steht am Seestadtstrand. Das heißt, zugegeben, der Seestadtstrand ist ein paar hundert Meter von der Kirche entfernt. Was andererseits nicht viel zu bedeuten hat, schließlich liegt so ziemlich die ganze sogenannte Seestadt nur sehr indirekt an jenem sogenannten See und nicht weniger indirekt an dessen Strand. Im Übrigen ist die Kirche ja ohnehin auch keine Kirche mehr; und so eine ordentliche Kirche, wie man sie sich in unseren Breiten vorstellt, war sie zudem nie.

Eher notdürftig mutet an, was da auf einem bescheidenen Hügel nächst der U2-Station Aspern Nord im brachländigen Ungefähren thront. Und aus der Not wurde sie einst auch geboren, jene Holzbaracke mit dem putzigen Glockentürmchen oben drauf, aus der Not der Nachkriegsjahre, in denen sie als Notkirche Messebesuchern Heimstatt bot.

Die Wiener Künstler Reinhold Zisser hat das biedere Gebretter, zugewachsen, wie es zuletzt war, dem Verfall entrissen und ihm als „Notgalerie“ neuen Sinn gegeben: als Ort der Kunst, erst an der Stelle der Wiederentdeckung in Wien Aspern, seit dem Vorjahr – nach aufwendigem Brett-für-Brett-Transfer – nun auf dem weitläufigen Seestadt-Areal.

Hier, in dem am besten U-Bahn-erschlossenen Nirgendwo Wiens, darf sich die „Notgalerie“ dieser Fußball-WM-Tage ungewöhnlicher und ungewohnter Beachtung erfreuen, dank der Public-Viewing-Zone zu ihren Füßen, die ihr freilich nebst einer gewiss bereicherenden Besucherfrequenz einen den Gesamteindruck keineswegs bereichernden Bauzaun beschert hat.

Sei's drum, auch diese Weltmeisterschaft geht vorbei, und vielleicht bleibt ja der eine oder andere Freund der 22-Mann-auf-grünem-Rasen-Kunst an Herrn Zissers und seiner Mitstreiter Künsten hängen. Ein künstlerischer Kollateralgewinn sozusagen.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2018)

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