Schluckspecht fährt am längsten

Rekord. Wie weit kommt man mit einem einzigen Liter Kraftstoff? Theoretisch von Berlin bis nach Moskau. Wenn man aussieht wie die Teilnehmer des „Eco-Marathon“.

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Als das Team der Fachhochschule Offenburg 1998 zum ersten Mal beim Eco-Marathon antrat, reichte der Liter Sprit für 273 Kilometer. Davon können Autofahrer auch heute noch bestenfalls träumen. Doch im Kreise der Rekordsparer reichte die Marke nur für den bescheidenen 93. Platz. „Schluckspecht 1“ war für die deutschen Studenten aber auch erst der Anfang. 92 Kilo Fahrzeuggewicht konnten nicht das Maß der Dinge sein, so brachte man es im Folgejahr schon auf 72 Kilo. Zwei Jahre später wurde der Benzinmotor gegen ein Dieselaggregat ausgetauscht, die Reichweite stieg auf 703 Kilometer. Mit einem einzigen Liter Kraftstoff.

1939 kam man 21 km weit


Nun schreiben wir das Jahr 2008. Der Mineralölkonzern Shell lädt zum 23. Mal in Europa zum „Eco Marathon“, einem Wettbewerb um den sparsamsten Antrieb. In der offenen Klasse ist so gut wie alles erlaubt, die Form des Fahrzeugs, die Art des Motors. Sogar der Sprit ist freigestellt, nicht aber die Menge: die beträgt stets exakt einen ­Liter. Das ist seit 1939 so, dem Geburtsjahr des Sparathons in den USA, als Shell-Mitarbeiter in Illinois mehr wegen der Hetz um die größte Reichweite ihrer Gefährte stritten. Damals schaffte man 21,14 Kilo­meter mit einem Liter Benzin, immerhin ein Durchschnittswert von
4,7 Litern/100 km.

Das schaffen leichte Diesel­autos heute auch im normalen Straßenverkehr. Beim Eco-Marathon haben sich die Kommastellen allerdings dramatisch verschoben: Dem amtierenden Rekordhalter aus der Schweiz reichte 2005 ein Liter Wasserstoff für 3836 Kilometer. Das ist ein Durchschnittsverbrauch von 0,026 km/100 km.

Die Studenten der Technischen Hochschule Zürich konnte heuer auch „Schluckspecht 3d plus“ nicht schlagen, obwohl er über die Jahre gehörig abgespeckt (Gewicht ohne Fahrerin: 25 Kilogramm) und beim Antrieb radikal umgesattelt hatte. Statt Benzin oder Diesel ist eine Brennstoffzelle an Bord, die Wasserstoff in Strom umwandelt und damit die Radnabenmotoren in den beiden Vorderrädern antreibt. Die Leistung von ein paar PS reicht locker für das vom Reglement vorgeschriebene Durchschnittstempo von 30 km/h auf der Rennstrecke, die es siebenmal zu umrunden gilt. Die Verbrauchsdaten werden dann umgerechnet, um die verschiedenen Antriebskonzepte vergleichen zu können.

Hochgerechnet kam Schluckspecht 3198 Kilometer weit, das reichte für den ersten Platz in der Kategorie Wasserstoffantrieb und theoretisch für eine Fahrt von Berlin nach Moskau.

Würde man ein solches Fahrzeug vollgetankt ausliefern, bräuchte man ein ganzes Autoleben lang nicht mehr nachzutanken. Ob Shell da große Freude hätte? Doch derlei ist freilich noch Zukunftsmusik. Auch mit dem Komfort von Schluckspecht & Co. hätten Autofahrer ihre Probleme: Viel bequemer als auf einem Fahrrad ist es in den schrägen, ultraleichten und windschnittigen Gefährten nämlich nicht.

2009 ist Österreich dabei


Im nächsten Jahr mischt sich auch Österreich in den Bewerb mit über 200 Teilnehmern aus 20 Ländern. Professor Ernst Pucher von der TU Wien treibt seine Studenten an, zunächst ein Konzept zu entwickeln und dann einzureichen: „Das ist ein exzellentes Projekt, um junge Ingenieure unter Zeitdruck zu Höchstleistungen anzutreiben.“ Schließlich sollen ja bald Antworten auf hohe Spritpreise, knappe Erdölreserven und schlechte Luft in den Städten gefunden werden.
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