Nichtexistent: Von Ländern, die es nicht gibt

Ob ein Dorf in Ligurien, das „versehentlich“ zu Italien kam, eine Farm in Australien, die seit 1970 unabhängig ist, oder ein Land, das sich als Summe aller bestehenden Staatsgrenzen definiert: Der englische Geograf Nick Middleton porträtiert 50 nichtexistente Staaten.

Ein Staat, so lehrt es das Völkerrecht, entsteht, wenn drei Dinge zusammenfallen: ein Volk, ein Staatsgebiet und eine Regierung mit effektiver Macht. Ob dieses Gebilde von bestehenden „echten“ Staaten anerkannt wird, ist formal unerheblich, wenngleich praktisch und politisch wichtig.

Der englische Geograf Nick Middleton hat nun ein ungewöhnliches Buch herausgebracht, das sich einen bizarr scheinenden Anspruch setzt: 50 Länder zu porträtieren, auf die obige Definition mehr oder weniger zutrifft oder zutraf, und die es dennoch nicht (oder nicht mehr) gibt. Middleton gibt zu, dass sowohl die exakte Definition als auch die Auswahl der Länder schwierig und willkürlich sei – es gebe bei lockerer Definition sogar viel mehr „Nichtländer“. Allen 50 indes ist gemein, dass sie in der UN-Generalversammlung (193 Mitgliedsländer plus Heiliger Stuhl und Palästina als Beobachter) nicht vertreten sind und nur von wenigen oder keinen echten Staaten anerkannt werden, aber ein robustes Nationalbewusstsein samt Flagge und Regierung besitzen. Einige – etwa Grönland und die Hutt River Farm in Westaustralien – sind autonome Regionen anderer Staaten. Andere – etwa Barotseland in Sambia und Moskitia in Nicaragua – wollen sich abspalten oder haben das getan. Einige existieren nur dank einer Schutzmacht, etwa Transnistrien, andere sind Mikrostaaten, die von Eigenbrötlern ausgerufen wurden und toleriert werden, etwa die Festung Pontinha auf Madeira (Portugal) und die Plattform „Sealand“ vor der Küste Ostenglands. Wir sehen rebellische Indigenengebiete in den USA, Chile und Argentinien, dazu einstige Kurzzeitstaaten wie Ruthenien (heute in der Ukraine), das im März 1939 für einen Tag bestand. Ganz schräge Gebiete sind die Freidenker-Republik Minerva, die 1972 auf Tonga bestand, und Elgaland-Vargaland: ein von schwedischen Künstlern kreierter Staat mit eigenen Pässen, der alle Staatsgrenzlinien beansprucht und, weil täglich Millionen Menschen selbige queren und kurzzeitig als Bürger dieses Landes gelten, eine unendlich wachsende Bewohnerzahl hat.

Im Folgenden sind einige der Porträts abgedruckt. »Die Presse am Sonntag« hat die Texte aus redaktionellen und Verständnisgründen stellenweise marginal verändert.

 

Isle of Man

Andere Bezeichnung: Ellan Vannin, Mannin. Selbstverwaltetes Protektorat der britischen Krone, das aber weder Teil des Vereinigten Königreichs noch der EU ist. Gegründet: 8./9. Jh./1399/1765. Hauptstadt: Douglas. Einwohner: 85.000. Fläche: 572 km2. Sprache: Englisch, Manx.

Dieser Teil der Britischen Inseln ist anders, als Briten es gewohnt sind. Hier gelten andere Regeln – und das schon seit Langem. Das Parlament namens Tynwald ist das am längsten ununterbrochen amtierende Gesetzgebungsorgan der Welt und existiert seit der Ankunft der Wikinger im späten 8. Jahrhundert. Tynwald ist Altnordisch und bedeutet Versammlungsfeld. Über 1000 Jahre lang traf sich die Inselbevölkerung zur Sommersonnenwende am immer gleichen Ort, um die herrschenden Gesetze verkündet zu bekommen und Beschwerden vorzutragen. Heute tagt das Parlament ganzjährig in einem kalkweißen Gebäude, das im Volksmund als „Hochzeitstorte“ bezeichnet wird, aber immer noch begibt man sich einmal im Jahr gern ins Freie, um Sonne zu tanken und sich der eigenen Wurzeln zu vergewissern.

Diese Wurzeln sind alt. Vor den Nordmännern siedelten hier die Kelten, die ihre dem irischen und schottischen Gälisch verwandte Sprache, Manx, hinterlassen haben. Die Wikinger siedelten hier fast 500 Jahre lang, bevor der schottische König die Insel ab 1266 für sechs Jahre beherrschte, gefolgt vom englischen König. Da die Königreiche mittlerweile vereint sind, gilt heute der jeweilige britische Monarch als Staatsoberhaupt, obwohl die Insel nicht Mitglied des Vereinten Königreichs ist und eigene Steuergesetze hat. In vergangenen Jahrhunderten galt sie deswegen als Schmugglerparadies, zumal ihre geografische Lage – mitten zwischen Schottland, England, Wales und Irland – Aktivitäten dieser Art begünstigte. Heute sind die niedrigen Steuersätze für die globale Finanzwirtschaft von Interesse.

Dennoch wird Demokratie hier großgeschrieben. Bereits 1881 wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt, 2006 das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt. Keine schlechte Bilanz für ein Land, das es gar nicht gibt. ?

 

Seborga

Abspaltung von Italien infolge eines Referendums von 1995. Gegründet: 23. April 1995. Hauptstadt: Seborga. Einwohner: 312. Fläche: 0,5 km2. Sprache: Italienisch.

Giorgio Carbone, Vorsitzender der örtlichen Blumenzüchterkooperative, war eine Seele von Mensch und ein starker Raucher. Sein wettergegerbtes Gesicht wurde von einem großen schwarzen Bart akzentuiert. Er züchtet Mimosen und wohnt in einem kleinen, auf einem Hügel in Nordwestitalien gelegenen Städtchen mit engen Gassen, hölzernen Fensterläden und gusseisernen Balkonen.

Carbone verbringt viel Zeit in Staats- und Kirchenarchiven, um die fast tausendjährige Geschichte des Ortes zu erforschen. Bereits 1079, zur Zeit des Heiligen Römischen Reichs, erhielt Seborga das Stadtrecht und war dann über 600 Jahre lang unabhängig, bis es ans Haus Savoyen verkauft wurde.

Dass diese Transaktion nicht durch einen Kaufvertrag dokumentiert wurde, sollte freilich Konsequenzen haben. Denn als der Wiener Kongress anno 1815 die europäischen Grenzen neu zog, wurde Seborga übersehen – genauso wie 1861, als die Kleinstaaterei Italiens beendet und ein vereintes Italien erschaffen wurde, und 1946, als König Viktor Emanuel II., der letzte König des Hauses Savoyen, abdankte und Italien zur Republik wurde.

Erst 1995 macht Giorgio Carbone seinen Mitbürgern klar, dass Seborga gar nicht zu Italien gehört. In einem Volksentscheid schlossen sie sich daraufhin seiner Rechtsauffassung an und Carbone erklärte Seborga offiziell für unabhängig. Anschließend erhielt der ehemalige Blumenzüchter den Titel „Ungeheuerlichkeit“ und wurde zum „Prinzen auf Lebenszeit“ gewählt.

Somit wurde an alte Traditionen angeknüpft, da der Souverän Seborgas bereits seit dem Mittelalter vom Volk gewählt wurde. Regierungssitz ist die Bianca Azzurra Bar, zur Amtskleidung gehören eine hellblaue Schärpe, ein Schwert und rosettenförmige Medaillons. Als Staatskarosse dient ein schwarzer Mercedes mit dem Nummernschild „0001“.

2009 verstarb Seine Ungeheuerlichkeit, aber das Volk hält weiter an der Unabhängigkeit Seborgas fest.

 

Barotseland

Traditionelle Monarchie in Sambia, die sich um Anerkennung als Afrikas jüngster Staat bemüht. Gegründet: 8. September 2011, 27. März 2012. Hauptstadt: Mongu. Einwohner: 3,5 Millionen. Fläche: 126.386 km2. Sprache: Silozi, Englisch sowie 37 Stammessprachen.

Barotseland ist ein mobiles Königreich. Jedes Jahr, wenn der Sambesi über die Ufer tritt und das Weideland überschwemmt, packen die Menschen ihre Siebensachen und ziehen in höher gelegene Gebiete. Dieser Aufbruch wird mit einer Zeremonie namens Kuomboka gefeiert, was so viel heißt wie „aus dem Wasser gehen“. Bei Vollmond ruft der Klang großer Trommeln die königlichen Paddler aus nah und fern zusammen. Mit leuchtend roten Baretten bekleidet steuern sie die königlichen Kähne unter feierlichen Gesängen an den Ort, der während der Überschwemmungen als Hauptstadt dient. Darauf belädt das gemeine Volk seine Kanus und folgt der Flottille.

So war es seit Menschengedenken. Das Königreich blickt auf eine 500-jährige Geschichte zurück. Während der Kolonialzeit war es britisches Protektorat – ein Status mit größerer Autonomie, als anderen Kolonien zuteil wurde. Hatte etwa Rhodesien unter den Engländern schwer zu leiden, so kam Barotseland mit „Kolonialherrschaft light“ davon. Zum Ende der Kolonialzeit in den frühen 1960ern empfahl man dem König eine Kooperation mit Kräften, die das neue Sambia bilden würden, und versprach seiner Provinz fortgesetzte Selbstverwaltung. Das Barotseland-Abkommen von 1964 räumte der Monarchie eine eigene Gesetzgebung für innere Angelegenheiten ein, etwa bei Jagdrecht, Bekämpfung von Buschfeuern, Steuern und Bierimport.

Das Problem war nur: Es trat nie in Kraft. Eine sambische Regierung nach der anderen versprach, die Autonomie des Königreichs anzuerkennen, löste dieses Versprechen aber nicht ein. Im Jahr 2011 reichte es der königlichen Familie (unter Lubosi Imwiko II., seit 2000 im Amt, Anm.) Sie argumentierte: Ein Abkommen hat nur Bestand, wenn sich beide Seiten daran halten. Folglich erklärte sie ihren Austritt aus dem sambischen Staat, was in dessen Hauptstadt, Lusaka, als Verrat gewertet wird.

 

Lakotah

Staatsgründung nach einseitiger Aufkündigung aller Verträge mit den USA durch ein Volk der Ureinwohner Amerikas. Gründung: 17. Dezember 2007. Hauptstadt: Porcupine. Einwohner: 100.000. Fläche: 200.000 km2. Sprache: Englisch, Lakota (Sioux).

Sie wollen kein Geld. Warum sollten sie auch? Sie denken nicht daran, die Black Hills zum Verkauf freizugeben. Schon gar nicht, nachdem sie ihnen gestohlen worden sind. Das Geld zu akzeptieren käme einer Legitimierung des Diebstahls gleich.
1868 hatten die Lakota Sioux mit der US-Regierung vertraglich vereinbart, dass die Black Hills für immer ihnen gehören sollten. Doch als dort wenige Jahre später eine Goldader gefunden wurde, widerrief die US-Regierung den Vertrag und übernahm das Gebiet – ohne Entschädigung, ohne Kompensation.

Auf Lakota heißen die Black Hills Wamaka Ognaka I-cante, „das Herz von allem“. Nach der Schöpfungsgeschichte der Lakota wurde dem Universum zu Beginn der Zeit ein Lied gegeben, und sie glauben, dass alles auf der Welt einen Teil dieses Lieds enthält. Alles außer den Black Hills. Die nämlich enthalten das komplette Lied. Deshalb nimmt es nicht Wunder, dass die Lakota 150 Jahre lang auf dem Schlachtfeld und vor Gericht um die Rückgabe dieses heiligen Ortes kämpften.

Über 100 Jahre nach der Enteignung sprach ein US-Richter den Lakota eine Ausgleichszahlung zu – in Höhe des Werts, den die Black Hills im Jahr 1877 besaßen, plus Zinsen. Die Lakota sind kein reiches Volk. Auf mehrere Reservate verteilt fristen sie ein trostloses Leben, das in wirtschaftlicher und jeder anderen Hinsicht jenem in Großstadtghettos gleicht. Die halbe Milliarde Dollar, die ihnen angeboten wurde, hätten sie also gut gebrauchen können, aber sie lehnten das Geld ab. Einen Preis zu nennen, sagten sie, sei nur eine Art, Wertschätzung auszudrücken.
Im Dezember 2007 gründeten sie die Republik Lakotah und kündigten sämtliche Verträge mit Washington D. C. – eher ein symbolischer Akt der Selbstbehauptung. Wem die Black Hills gehören, ist bis heute umstritten.

 

Ryūkyū

Andere Bezeichnung: Okinawa. Ehemals unabhängiges Königreich, das gegen die japanische Vorherrschaft aufbegehrt. Gegründet: 4. Februar 2015. Hauptstadt: Naha. Einwohner: 1,4 Millionen. Fläche: 2270 km2. Sprache: Japanisch, Uchinaguchi.

Zeremoniell übergab Dr. Yasukatsu Matsushima, Mitbegründer der akademischen Gesellschaft zur Erforschung der Unabhängigkeit Ryūkyūs, einem Vertreter des Außenministeriums am Konferenztisch ein Dokument. Es handelte sich um die erste direkte Forderung gegenüber der japanischen Regierung, und Matsushima erwartete historische Konsequenzen.
Grund für die Unzufriedenheit Ryūkyūs ist die anhaltende Militärpräsenz der USA auf Okinawa, der Hauptinsel des Archipels. Die Stützpunkte werden von Japanern und Amerikanern gemeinsam verwaltet, und beide missachten die Bedürfnisse der Bevölkerung. Ende des 19. Jahrhunderts war das einst unabhängige Ryūkyū dem japanischen Kaiserreich einverleibt und 1945 von den USA eingenommen worden. Bei den Kampfhandlungen starb ein Drittel der Einheimischen. Die Amerikaner enteigneten ein Fünftel der Fläche Okinawas für ihre Stützpunkte, bevor sie den Archipel 1972 an die Japaner zurückgaben. Den Stützpunkt in Okinawa räumten sie jedoch nicht.

Japan ignorierte die wiederholten Forderungen nach Abzug der Amerikaner routinemäßig, aber ein unabhängiges Ryūkyū, so Matsushima, würde das Problem von selbst lösen. Zusammen mit Kollegen recherchierte er die Rechtsgrundlagen für die Souveränität Ryūkyūs. Das Dokument, das er dem Vertreter des Außenministeriums im Februar 2015 übergab, weist nach, dass die Annexion Ryūkyūs eine Verletzung internationalen Rechts darstellte, und verlangt die Beendigung der Kolonialherrschaft.
Zugleich verlangte der höfliche Professor der Ökonomie die Aushändigung anderer Dokumente: Der Originalverträge zwischen dem Königreich Ryūkyū und den USA, Frankreich und den Niederlanden aus den 1850er-Jahren, die seiner Meinung nach zweifelsfrei beweisen, dass Ryūkyū zum Zeitpunkt der Kolonisierung ein souveräner Staat war.

Das Buch

»Atlas der Länder, die es nicht gibt. Ein Kompendium über 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten«
Quadriga Verlag, Köln
232 Seiten, Hardcover,
32 Euro

Schon seine Fertigung macht dieses Buch zu einem der ungewöhnlichsten seiner Art. Der Buchdeckel eröffnet durch eine globusrunde Stanzung quasi einen Eintritt ins Innere, wo weitere Stanzungen zunächst den Umriss des jeweiligen Landes freilegen, das dann auf der darauffolgenden Seite kartografisch schlicht, doch schön erscheint – in Verein mit erklärenden Texten, die zum Teil eher Schwank oder Anekdote denn streng lexikalischer Natur sind. Das Fehlen von Bildern schadet der Wirkung nicht. Im Gegenteil: So entstehen diese Länder eben im Kopf.

 

ZUM AUTOR

Nick Middleton (*1960 in London) ist Geograf, Lehrender an der Universität Oxford und Reiseschriftsteller – etwa über das südliche Afrika, Zentralasien und Europa. Zu seinen Spezialthemen zählen Wüstenbildung und Umwelt. Er wurde auch als Moderator der TV-Serie „Going to Extremes“ im britischen Sender Channel 4 bekannt, die von Lebensbedingungen und Menschen in extremen Klimazonen handelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2016)

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