Great Barrier Reef: Alle Fische sind schon da

Im Schlafsack zwischen Sternen und Meer: Wer auf einem Ponton auf dem Great Barrier Reef übernachtet, ist den Elementen ganz nah.

Farbenprächtig. Große Klunzingers Weichkoralle (Dendronephthya klunzingeri).
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Farbenprächtig. Große Klunzingers Weichkoralle (Dendronephthya klunzingeri).
Farbenprächtig. Große Klunzingers Weichkoralle (Dendronephthya klunzingeri). – (c) imago/imagebroker

Am Nachmittag liegt Schweigen über dem Riff. Allen menschengemachten Lärm hat die „Sunlover“ mit sich genommen: das Klatschen, mit dem Kinder von der Rutsche ins Wasser tauchen; das Lachen der chinesischen Urlauber, die mit Victory-Zeichen für die Kameras ihrer Smartphones posieren; das Motorengeräusch des Hubschraubers, der von einem zweiten Ponton zu Rundflügen über dem Riff abhebt; die Pfiffe der Bademeister, wenn ein Schwimmer sich hinter das Seil verirrt hat. Auch diese Absperrung verliert nun, da die Tagesbesucher das Ponton verlassen haben, ihre Verbindlichkeit. Bis zum nächsten Vormittag gehört das Riff nur dem kleinen Grüppchen, das auf dem eine Bootsstunde vor Cairns entfernten zweistöckigen Ponton übernachten wird.

Chris Mcquillen, ein Australier aus dem Bundesstaat Victoria, der sich auch nach mehr als 5000 Tauchgängen am Moore Reef – und etwa ebenso vielen an anderen Abschnitten des Great Barrier Reef – noch immer nicht sattgesehen hat an der Unterwasserwelt, hebt das Seil und entlässt seine drei Schnorchler in die Freiheit. Auch die geführte Tour an die schönsten Plätze des Riffs ist ein Privileg der Übernachtungsgäste. Chris weiß, wo orange-weiße Clownfische heimisch sind und wo die größten der Riesenmuscheln liegen, um deren bunte Lippen sich allerhand Mythen ranken: etwa, dass sie manches Schnorchlers Hand, die zwischen sie griff, unbarmherzig festhielten, bis ihr Besitzer ertrank. Chris hält von Schauergeschichten so wenig wie von Grenzüberschreitungen gegenüber Meeresbewohnern. Lieber beschäftigt er sich damit, die bedrohten Muscheln zu sehen und zu zeigen.

Neugierig. Eine Suppenschildkröte (Chelonia mydas) beim Abtauchen schaut im Gegenlicht in die Linse.
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Neugierig. Eine Suppenschildkröte (Chelonia mydas) beim Abtauchen schaut im Gegenlicht in die Linse.
Neugierig. Eine Suppenschildkröte (Chelonia mydas) beim Abtauchen schaut im Gegenlicht in die Linse. – (c) imago/imagebroker

Farbenreiche Parallelwelt. Blau-gelbe Doktor- und türkisfarben und grün leuchtende Papageifische ziehen vorbei. Vor uns taucht ein Napoleon-Lippfisch von der Größe eines Kinderfahrrads auf. Es ist das dominierende männliche Exemplar, das regelmäßig in seinem Revier anzutreffen ist. Chris deutet nach vorn. Eine grüne Meeresschildkröte paddelt durchs Wasser. Ganz nah lässt sie uns an sich herankommen. Chris erkennt sie an einer Einkerbung an ihrem Panzer, die ein Boot oder ein Hai hinterlassen hat, erzählt er später; das Tier sehe er häufig. So häufig, dass es tatsächlich zutraulich auf ihn zuschwimmt. Zwei weiteren grünen Meeresschildkröten begegnen wir, während wir uns treiben lassen, den Knistergeräuschen des Riffs lauschen und schauen: Fische in allen Farben und Größen, weitere Riesenmuscheln, schließlich eine Schlucht zwischen zwei Korallenbänken, in der es von Fischen wimmelt – eine gewaltige, farbenreiche Parallelwelt. Auf den Bänken liegt aber auch totes Holz – oder etwas, das zumindest so aussieht.

„Das sind tote Korallen", erklärt Chris zurück auf dem Ponton. Zwar sei dieser Teil des Riffs seiner Auffassung nach sehr widerstandsfähig, weshalb man wenig Schäden sehe. Doch das Great Barrier Reef, mit 2300 Kilometern Länge das größte Korallenriff der Erde und seit 1981 Unesco-Weltnaturerbe, hatte zuletzt viel auszuhalten. Nach einer extremen Korallenbleiche im vergangenen Jahr, als die Wassertemperatur durch einen besonders starken El-Niño-Effekt am nördlichen, wenig berührten Abschnitt der Küste wochenlang bei 30 Grad und darüber lag, fehlte eine Erholungsphase, bevor sich das Meerwasser in diesem Jahr neuerlich stark erwärmte  – diesmal auch im mittleren Bereich des Riffs. Sechs, acht, manchmal sogar zwölf Wochen halten Korallen das aus, bevor sie die Zooxanthelle genannte Alge abstoßen, mit der sie eine Symbiose bilden und die ihnen die Farbe verleiht; dann verblassen und sterben sie.

„In einigen Gebieten habe ich große Veränderungen gesehen, hier weniger“, so Chris. Seit Wochen misst das Wasser 26 bis 27 Grad. „Das ist noch immer etwas warm, aber bei dieser Temperatur ist die Koralle ganz zufrieden.“ Es ist nicht nur Berufsoptimismus, der sich durch die Abhängigkeit der Riffmetropole Cairns von der Tourismusindustrie erklärt, deren wichtigstes Kapital die Unterwasserwelt ist. Für jemanden, der wie Chris den wichtigeren Teil seines Lebens im Meer verbringt, wäre das Ende des Riffs auch eine persönliche Katastrophe. Aber das habe schon viele klimatische Veränderungen überdauert. Allerdings keine so massive, fügt er gleich hinzu, die in so kurzer Zeit entstanden ist.

Gigantisch. Das Great Barrier Reef ist mit mehr als 2300 Kilometern Länge das größte Riff der Erde.
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Gigantisch. Das Great Barrier Reef ist mit mehr als 2300 Kilometern Länge das größte Riff der Erde.
Gigantisch. Das Great Barrier Reef ist mit mehr als 2300 Kilometern Länge das größte Riff der Erde. – (c) AP PhotoQueensland Tourism

Betreten verboten. Neben dem globalen Problem der Erderwärmung bereitet die Belastung mit Kohlendioxid den Korallen Probleme – sie macht sie brüchig, was Ende März wiederum für Schäden durch den Zyklon Debbie sorgte. So kamen mit erhöhten Wassertemperaturen, intensiven Stürmen und der Versauerung des Meeres gleich mehrere vom Menschen verursachte Faktoren zusammen. Immerhin sind einige der schmutzigsten Minen des weltweit viertgrößten Kohleexporteurs Aus­­tralien geschlossen worden, freilich nicht aus Sorge um die Umwelt, sondern weil die Nachfrage auf dem Weltmarkt gesunken ist. Als zweitwichtigstes Exportgut nach Eisenerz erschwert die Kohle Klimaschützern die Argumentation.

Im Hier und Jetzt ist es leicht, solche unangenehmen Tatsachen zu verdrängen. Zu berückend ist die Ruhe nach dem Trubel des Tages. Jeweils 300 Menschen passen auf die beiden Schiffe der Sunlover Reef Cruises, eines pro Tag macht sich auf den Weg zum Ponton. Die größte Besuchergruppe bilden Chinesen. Während der Fahrt werden die Ausflügler in Grundsätzlichem unterwiesen. Die Crew erklärt, in welche Richtung die Flossen am Fuß zeigen sollten und dass das Betreten der Korallenbänke strikt verboten ist; nebenbei sammeln sie gefasst Spuckbeutel ein. Die Tagestouren begreifen sie auch als Bildungsmission: Wer die Wunder des Riffs erst gesehen hat, wird sie schützen wollen, hofft Chris.

Nur ein australisches Paar von der Gold Coast im Süden schlägt heute auf der Aussichtsplattform des Pontons sein Nachtlager auf. Eigentlich wollten die beiden schon am Wochenende zuvor auf dem Riff nächtigen, doch das Wetter machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Ist das Meer zu unruhig, wird der Reef Sleep abgesagt. Heute aber ist das Wasser fast spiegelglatt – ideale Voraussetzungen für einen ruhigen Abend auf dem Great Barrier Reef. Bis zu 18 Menschen können auf dem 45  Meter langen und zwölf Meter breiten Ponton übernachten.

Lautstark. Ein Hubschrauber startet von einem Ponton zu ­Rundflügen über dem Riff.
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Lautstark. Ein Hubschrauber startet von einem Ponton zu ­Rundflügen über dem Riff.
Lautstark. Ein Hubschrauber startet von einem Ponton zu ­Rundflügen über dem Riff. – (c) imago/blickwinkel

Moskitonetz überflüssig. Bei einer so geringen Gästezahl wie heute erfordert der Reef Sleep minimalen Personalaufwand. Luke Smith aus Liverpool, seit sieben Jahren am und auf dem Riff heimisch und für den Reef Sleep verantwortlich, komplettiert die Besatzung. Er organisiert den Ablauf des Programms vom Ablegen des Boots mit den Tagesgästen gegen 15 Uhr bis zur Rückkehr der „Sunlover“ am folgenden Vormittag. Luke ist Tauchlehrer und ausgebildeter Sanitäter, weiß aber auch, wie man die Swags aufschlägt, eine Art Kompromiss zwischen Schlafsack und Ein-Mann-Zelt, die Australier gern zum Camping benutzen. Das Dach des Swag lässt sich zurückklappen und öffnet den Blick zum Himmel. Decke und Kissen machen ihn wohnlich, sein Moskitonetz ist hier draußen überflüssig. Luke verwandelt eine der Umkleidekabinen in eine mobile Toilette, reicht Käse und Obst, baut die Swags mit Blick zum Sonnenaufgang auf und bindet sie an der Reling fest. Später wirft er den Grill an, öffnet Weinflaschen, grillt Fisch und Steaks – und er redet, am liebsten über Fische. Kurz vor Sonnenuntergang und gleich nach Sonnenaufgang sei die Unterwasserfauna am besten zu beobachten, erklärt er. Am Abend versteckten sich vor allem kleinere Fische vor Haien und anderen Raubfischen in den Korallen. Luke kennt die Ängste seiner Gäste und erklärt, dass es eine Attacke durch einen Tigerhai hier oben sehr lange nicht gegeben habe und diese Tiere ohnehin erst abends jagen. Mit Begeisterung spricht er von den dekorativen Falterfischen: „Dass wir hier so viele sehen, ist ein Zeichen für die Gesundheit des Riffs.“ 
80 Prozent des nördlichen Riffs seien tot, wurde Ende 2016 bisweilen gemeldet. Luke glaubt das nicht. „So etwas ärgert mich. 80 Prozent wovon? Von welchem Riff, welchem Gebiet, wer hat das alles untersucht?“ Aber auch er sieht Veränderungen. „Im vergangenen Jahr habe ich noch gesagt, das passiert jedes Jahr, so wie im Herbst das Laub von den Bäumen fällt. Das heißt ja auch nicht, dass die Bäume tot sind. Aber es war eine massive Bleiche, und nun war es wiederum eine massive. Jedes Jahr wird das Wasser früher warm und kühlt später wieder ab. Wenn dieser Trend anhält, haben wir ein Problem.“

Aussichtsreich. Um neun Uhr schaltet Luke den Strom ab. Ein großer Vollmond steht am klaren Himmel. Als die Gespräche verstummen, wird das Meer laut. Vernehmlich schlägt es an die Plattform: ein winziges Stück Blech in einem gewaltigen Ozean. Doch der Swag wirkt schützend wie ein Kokon, und das zweite Glas Chardonnay macht es leicht, ohne allzu schwere Gedanken über die exponierte Lage einzuschlafen.
Der nächste Morgen beginnt früh – und still. Den summenden Generator stellt Luke erst an, wenn er Kaffee kocht, Eier brät und Müsli und Früchte so liebevoll arrangiert, als wäre das Deck ein Hotel.  Wir zwängen uns unterdessen in klammes Neopren und gleiten ins Meer. Die Sonne lässt das Wasser leuchten, und alle Fische sind schon da.

Info

Anreise: Singapore Airlines fliegt ab Frankfurt, München und Düsseldorf über Singapur nach Cairns (Zubringerflüge ab Wien). Das Rückflugticket ab Frankfurt kostet im Sommer ab 1244 Euro. www.singaporeair.com

Übernachten: Fußläufig zum Riff-Terminal und Cairns’ schöner Promenade liegt das Hilton Cairns. Das Doppelzimmer kostet hier ab 107 Euro (34 Esplanade, Cairns City QLD 4870, Tel. +61 7 405 020 00).

Reef Sleep: Die Riff-Übernachtung ab Cairns bietet derzeit nur Sunlover an. Sie kostet mit allen Mahlzeiten, Schnorchelausrüstung und einer Tour im Glasbodenboot pro Person 499 australische Dollar (derzeit etwa 333 Euro). Tauchgänge kosten 89 Dollar (59 Euro), geführte Schnorcheltouren 45 Dollar (30 Euro).

Übernachtungsgäste müssen mindestens zwölf Jahre alt sein. Näheres: Sunlover by Starlight, Reef Fleet Terminal, Marlin Marina, 1 Spence Street, Cairns QLD 4870,
Tel. +61 7/405 013 33.
www.sunlover.com.au

Compliance-Hinweis: ­ Die Autorin wurde von Tourism Queensland unterstützt.

Allgemeine Auskünfte: www.queensland.com

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