Piran im Advent: Zeit zum Stadtflanieren

Die Temperaturen sind mild, doch bei klarer Sicht blicken die schneebedeckten Gipfel herüber. Der Advent an der slowenischen Küste kommt ohne überbordenden Dekor und Trubel aus. Die Besucher wandeln hier in aller Ruhe.

(c) APA/AFP/JURE MAKOVEC

Wie eine Befreiung aus dem Verlies des vorweihnachtlichen Alltags zu Hause – der uns mit geschmacklosen Kapuzenmännern, die in hässlich beleuchtete Häuser klettern, üblen Geruch verbreitenden Punschständen und quasireligiösen Schwärmern, die auf dem Pilgerweg in die Konsumtempel alles niederwälzen, gehörig zusetzt – wirkt der eskapistische Advent, im dezent weihnachtlich beleuchteten Piran. Im doppelten Wortsinn: Sein Name leitet sich paradoxerweise vom griechischen Wort „pyros“, also vom Feuer, her. Der von drei Seiten vom Meer umspülte beschauliche Ort auf der Halbinsel Istrien mit Blick bis zu den mit Schnee bedeckten Alpen scheint in sich zu ruhen. In jüngerer Zeit ist Piran wegen des Grenzstreits mit dem benachbarten Kroatien und durch seinen aus Ghana stammenden Bürgermeister, Peter Bossman, den „Obama Sloweniens“, bekannter geworden.

Einheitliches Ensemble

Sein Mauerwall, der es durch viele Jahrhunderte vor Angriffen vom Festland her schützte, dürfte auch dem Ansturm der Weihnachtsmänner Einhalt gebieten und Piran überhaupt gegen alle Moden wappnen: Dieses Städtchen erweckt den Eindruck eines längst vollendeten Kleinods, das für die Ewigkeit bestimmt ist. Für dessen Errichtung stand den scharfsinnigen und einfallsreichen Architekten der verschiedenen Epochen von der Antike bis zur Renaissance aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nur in bescheidenem Ausmaß Raum zur Verfügung. Es zeugt von Genialität, wie die kleinen und größeren Plätze durch Gässchen, die älteren und neueren Häuser durch Kunstfertigkeit zu einer Einheit gebracht wurden, wie sich alles zu einem harmonischen Ganzen fügt, ohne dabei den Hang zum Detailreichtum vermissen zu lassen. Wohltuend ist auch, dass das eine Autostunde von Triest (wo die Vorweihnachtszeit übrigens ebenfalls sparsam begangen wird) entfernte Piran dank des angenehmen Klimas das ganze Jahr hindurch von mediterranen Pflanzen, darunter Zypressen, Pinien und Lorbeer, bedeckt ist und sich über seine Terrassenhänge, herrliche Olivenhaine und Weingärten ausdehnen.

Ein Haus als Geschenk

Der größte Platz Pirans, der erst wenige Jahre vor der Wende zum 20. Jahrhundert durch die Zuschüttung des alten Hafens geschaffen wurde, ist zweifellos das Zentrum des städtischen Lebens. Das älteste der rings um den nach dem berühmten Violinvirtuosen und Komponisten Giuseppe Alessandro Ferruccio Tartini (1692– 1770) benannten Hauptplatz stehenden pastellfarbenen Gebäude, die sogenannte Venedigerin, entstand in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Stil der venezianischen Gotik. Der Legende nach wurde es im Auftrag eines reichen Kaufmanns aus Venedig errichtet, der in eine junge, wunderschöne Piranerin verliebt war und ihr das ins Auge stechende Haus auch gleich schenkte, damit das Mädchen ihm vom Erker aus zum Abschied winken konnte, wenn er wieder in See stechen musste.

„Lassa pur dir“ („Lass sie reden“) steht auf einem Band mit der Inschrift, die ein zwischen zwei Fenstern des oberen Stockwerks eingemauerter Löwe in seinen Pranken trägt, wohl zur Verhöhnung neidiger Zeitgenossen, die über das Glück des Liebespaares gelästert haben. Wenige Häuser weiter befindet sich jenes Haus, in dem Giuseppe Tartini zur Welt kam und seine Jugendzeit erlebte. Es beherbergt heute ein kleines Museum, in dem, neben einigen musiktheoretischen Abhandlungen des Maestros, eine vom Meister bespielte Violine aus dem Hause des berühmten Geigenbauers Nicolà Amati di Cremona, Tartinis Totenmaske, sein Testament sowie ein letzter handschriftlicher Brief, den er an den seinen Neffen in Piran gerichtet hat, präsentiert werden. Tartini verbrachte sein Berufsleben abgesehen von einem Aufenthalt in Prag, wo er auf Einladung Graf Ferdinand Franz Kinskys der Krönung Karls VI. und der Kaiserin Elisabeth Christine beiwohnte, allerdings in Padua. Dort wirkte er 49 Jahre als Kapellmeister und Soloviolinist an der Basilika San Antonio und gründete eine Musikschule, die Schüler aus halb Europa anlockte. Ihrem großen Sohn, als dessen berühmtestes Werk die Teufelstrillersonate gilt, haben die Piraner auf dem großen Platz im Jahr 1896 ein Denkmal gesetzt, eine Bronzestatue des Bildhauers Antonio dal Zotto (1841– 1918), die einen feschen Barockkomponisten mit Violine und Bogen darstellt.

Pendant zu Venedig

Vom Tartiniplatz hinauf zu den Gemäuern der Kathedrale, die dem Schutzheiligen von Piran, dem heiligen Georg, geweiht wurde und in der rund um Weihnachten, wie in anderen Kirchen und Kapellen Pirans, eine Krippe ausgestellt ist, führt eine mit Natursteinen gepflasterte Gasse. Der Glockenturm neben der Kathedrale, im Jahr 1608 genau nach dem Vorbild und den Maßen des venezianischen Pendants des Domes von San Marco errichtet, überragt das gesamte Stadtensemble. Vor zwei Jahren wurde der frisch renovierte und mit neuen, von einer Berliner Pfarre ausrangierten Glocken versehene Campanile wiedereröffnet. Von oben genießt man einen prächtigen Ausblick auf eine Dachlandschaft, in der sich schräge und stumpfe Winkel so begegnen, als hätten die Erbauer, auch vorausahnend, Tartinis „Musiktraktat gemäß der richtigen Wissenschaft der Harmonie“ als Maßstab und Anleitung ihrer zeitlosen Komposition genommen. Wer noch ein wenig höher hinauswill, der besteigt am besten einen der Türme der zwischen 1475 und 1533 errichteten Stadtmauer. „Soffre di vertige“, jammert eine italienische Grazie beim Erklimmen der Stufen, doch schließlich vergisst sie, wohl vom Geist der Vollkommenheit dieser Stadtansicht ergriffen, ihr Leiden.

Der Abend den Einheimischen

Wer am Morgen auf dem Pier im Caffe Teater neben dem kleinen, kaum noch bespielten Tartini Theater seine „vroča čokolada“ schlürft, kann seine Beobachtungen machen: Während die Fischer am Hafen ihre Netze richten, aus denen sie am frühen Abend ihren reichen Fang holen werden, hopsen ein paar Taucher, darunter ein Nackter, unerschrocken in das kalte Wasser, um vielleicht das eine oder andere Fundstück auf dem Meeresboden zu entdecken. Der ewige Kellner Uroš, stets freundlich zuvorkommend, aber distanziert, wundert sich mit uns über die Verfechter dieses zweifelhaften Vergnügens.

Im schummrigen Licht einer Kaschemme wie der Weinbar Cantina Klet auf dem Platz des 1. Mai, wo der Wirt dem Anschein nach aus einem Fass ohne Boden Refošk, den Rotwein des slowenischen Küstenlandes, zapft, lässt sich später ein Abend beginnen, der in den Restaurants Pavel, Pavel 2, Tri vdove oder Ivo, in denen neben balkanischen und italienischen Gerichten auch Meerestiere aller Art serviert werden, einen schmackhaften Ausklang findet. Später, wenn die Tagesgäste längst wieder abgereist sind, gehört Piran wieder allein seinen Bürgern, Katzen und Hunden sowie einer Handvoll Fremder, die sich die ruhige, laue Adventnacht gern miteinander teilen.

Salz und Urmeer

Anderntags spaziert man vorbei an der dem heiligen Laurentius geweihten Kapelle des heiligen Klemens, das Wahrzeichen der Stadt, und dem im 19. Jahrhundert auf der mittelalterlichen Festungsmauer errichteten Leuchtturm am äußersten Riff der Halbinsel zur hübschen Bucht von Fiesa. Von Wanderlust gepackt, gelangt man schließlich in den kleinen Ort Strunjan mit seinen natürlichen Salinen. Deren Salzernte wird in einem 1858, also zur Zeit der österreichischen Patronanz über das Gebiet, errichteten Salzmagazin an der Uferpromenade nach Portorož, den mondänen Nachbarort, gelagert.

Im Vergleich zu Piran erscheint einem Portorož mit seinen blinkenden Casinos und Hotelanlagen zwar wie die slowenische Variante von Las Vegas, doch wartet das beliebte Urlaubsziel mit einem attraktiven Thermalbad mit feiner Saunawelt auf, wo man angeblich im aus 705 Metern Tiefe sprudelnden Wasser des Urmeers badet. Auch dies ist entspannend, ganz zur Ruhe wird man, der vorweihnachtlichen Hektik zu Hause entflohen, schließlich später wieder in Piran kommen.

SLOWENISCHE KÜSTE

Piran und sein Nachbar Portorož haben auch im Winter Qualitäten: Salz, Wein, mildes mediterranes Klima, Palmen, Meer und Kurangebote. Etliche Lokale und Hotels haben über die Weihnachtszeit geöffnet, wie etwa das Hotel Piran (hotel-piran.si) oder das Hotel Tartini (hoteltartini.si). Gemütliches Essengehen im Pri Mari (www.primari-piran.com).

Weihnachts- und Neujahrsmarkt auf dem Tartiniplatz. 1. 1. 2018: Neujahrssprung ins Meer.

Info: www.portoroz.si, www.slovenia.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2017)

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