Montenegro: Mit dem Kind durch die Berge des Balkans

Im gebirgigen Hinterland von Montenegro prägen dichte Nadelwälder, einsame Seen und runde Bergrücken den Durmitor-Nationalpark im Nordwesten. Ein Wanderziel für naturbegeisterte Erwachsene und motivierte Kinder.

Kalkstein-Giganten im Durmitor-Gebirge
Kalkstein-Giganten im Durmitor-Gebirge
Kalkstein-Giganten im Durmitor-Gebirge – Imago

Von Montenegro hat das Kind noch nicht wirklich gehört, aber die Übersetzung „Schwarzer Berg“ regt die Fantasie an. „Vielleicht wird es ja doch spannend“, gähnt die 11-Jährige bei der Abfahrt in Dubrovnik. Draußen zieht die Adria, getaucht in milchiges Morgenlicht, vorbei. Für die spektakuläre Aussicht von der Jadranska Magistrala über Ziegeldächer, Zypressen und Pinien hinweg hinaus aufs weite Meer muss der Blick wohl noch geschärft werden. Dann treffen wir Marco. Mit ihm soll es in den Durmitor-Nationalpark im Nordwesten des Landes gehen.

Dort, zwei Autostunden von Montenegros Hauptstadt entfernt, könne man sogar Ski fahren, erzählt er. Marco ist Student, Mitte 20 und spricht perfekt Deutsch. Das habe er sich quasi selbst beim Fernsehen deutschsprachiger Sendungen beigebracht. Das Kind deutet indes auf seine Flip-Flops. Skischuhe haben wir schließlich keine dabei. Es ist Sommer. Die mitgebrachten Trekkingschuhe tun's auch, meint er lachend.

Ein Berg wie ein Bär

Der 3,5 Kilometer lange Rundweg um den Crno jezero erweist sich als idealer Einstieg. Umrandet von dichten, dunkelgrünen Nadelbäumen und weißem Kies zeigt sich der „Schwarze See“ – abhängig von den Lichtverhältnissen – in verschiedenen Farbtönen: Schwarz sei er angeblich ob seiner Tiefe, an mancher Stelle bis zu 50 Meter. Am besten gefällt heute das helle Türkis am Seerand. Es zeigt sich, wenn die Sonne durch die Wolken stößt. Auf 1400 Metern gelegen, ist der größte See des Nationalparks ein beliebtes Ausflugsziel. An heißen Tagen kann man sich in dem maximal 20 Grad warmen Wasser gut abkühlen. Hinter den Baumspitzen taucht der „Bär“ jetzt auf. Der Berg Medjed (2280 m) mit seinem runden, massiven Rücken. Dem Kind gefallen die plastischen Namen für die Natur hier.

Eine kindgerechte Spaziereinheit entfernt liegt malerisch versteckt der „Schlangensee“, eingebettet in dichte Nadelwälder. Die riesigen Bäume sind teilweise bis zu 300 Jahre alt. Schlangen werden zur Erleichterung aller keine gesichtet, aber es soll eine seltene Amphibienart namens Triton – eine Salamanderart – geben, weiß Marco.

Dem Kind ist die schwarz-weiße Katze vor der Hütte am Abend dann doch lieber. In Poscjene, am Fuße des Durmitor-Gebirges, liegt das Hüttendorf Etno Selo Nevidio. Es gehört Gazo Lalovic, der hier eine Berühmtheit sei, erzählt Marco. 1996 war der montenegrinische Bergsteiger am Mount Everest – in dem Jahr, als sich die Tragödie rund um Jon Krakauer ereignete. Die dreieckigen Steinhäuser mit den so typisch lang gezogenen Dächern aus verwitterten Holzplanken fügen sich perfekt in die Landschaft. Almenhaft sanft, dann wieder grau felsig und dramatisch schroff ist die Gegend hier. „Wie im Film“, entkommt es dem Kind beim Anblick der untergehenden Abendsonne.

Heuhaufen vor einem Haus in Durmitor
Heuhaufen vor einem Haus in Durmitor
Heuhaufen vor einem Haus in Durmitor – Imago

Wilde Schluchten

Zum Frühstück empfiehlt uns Marco Priganice. Milanka, die Köchin des kleinen Lokals im Hüttendorf, bereitet die in Öl gebackenen Kugeln aus Hefeteig täglich zu Hunderten frisch zu. Sie werden in Honig getaucht oder mit Schafkäse gegessen. „Mmhh, guut“, zeigt sich das Kind begeistert und holt sich Nachschub, während der Tag geplant wird. Ganz in der Nähe könne man in die 4,5 Kilometer lange Nevidio-Schlucht einsteigen. Als eine der letzterkundeten Schluchten Europas ist sie wegen ihrer wilden Schönheit bei Canyoning-Abenteurern beliebt. An der engsten Stelle sei sie gerade einmal einen Meter breit, sagt Marco. Die Augen des Kindes weiten sich. Die Entscheidung fällt schnell auf das Alternativprogramm.

„Left, l-e-e-ft“, schreit der Bootsführer, während unsere Paddel folgsam und im Takt in die eiskalte Tara tauchen. Schnell und lautlos gleitet das Schlauchboot im glasklaren Fluss unter der beeindruckenden Durdevića-Tara-Brücke hindurch Richtung Norden. Die Tara nimmt ihren Ursprung im ?ijevo-Gebirge an der albanisch-montenegrinischen Grenze und fließt durch den Durmitor-Nationalpark Richtung Bosnien. Mit den Füßen in Schlaufen halten wir, am Rand sitzend, Balance und nehmen Kurs in Richtung Stromschnellen. „Zum Glück hab ich eine Schwimmweste an“, ruft das Kind und kreischt vor Vergnügen, als sich der Bug anhebt und mit Wucht wieder auf das Wasser knallt. In Gemeinschaftsarbeit umschifft die Raftingtruppe Felsen und weicht gekonnt den Booten auf der Überholspur aus. Die Tara-Schlucht ist mit 1300 Metern die tiefste Europas. Nur mehr der Grand Canyon in den USA sei tiefer, erfahren wir. Die Anlegestelle mit dem Wasserfall eignet sich für einen kurzen Landgang. Ein orangefarbener Schmetterling landet neben uns auf einem großen Stein. „Märchenhaft“ sei dieses Ufer der Tara, befindet das Kind, als abends die Handyfotos vom Tag angeschaut werden. Und es soll noch besser kommen.

Auf Katun Vranjak, einer Alm auf rund 1800 Metern in den Bjelasica-Bergen, ist das Idyll dann perfekt. Schafe grasen friedlich zwischen den kleinen Holzhütten, die wie zufällig hingestreut in der Landschaft stehen. Manche nicht größer als eine Hundehütte, sie können gerade einmal eine Person beherbergen. Die Pferde warten geduldig auf ihren Einsatz. Vorher müsse man für das herrliche Panorama aber noch auf die Zekova Glava (2117 m) gehen, empfiehlt Marco. Nach rund einer Stunde Fußmarsch über gute Wege bergauf winkt die Belohnung: Dunkelgrün liegt der Bergsee Pešića jezero da. Dreht man sich in die andere Richtung, sehe man bis nach Albanien, so Marco. „Wow“, sagt das Kind begeistert. Und bergab ist's ja bekanntlich ein Kinderspiel.

Konzentriert ruht der Blick auf der braunen Mähne der Stute, die der Hirte an den Zügeln über den Bergkamm Richtung Katun Goleš führt. Das Fohlen lenkt die Mutter immer wieder ab und fordert zum Spielen auf. Ganz geheuer scheint es dem Kind auf dem Rücken des Pferdes noch nicht zu sein. „Das ist jetzt ein echtes Abenteuer für mich“, sagt es und schaut in die Weite der montenegrinischen Bergwelt. Übung gelungen, sagt die Mutter leise zu sich.

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Weltweitwandern unterstützt. www.weltweitwandern.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2018)

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