Innenstadt: Hochwertig und historisch

Mittendrin in der Stadt lässt es sich gut – und teuer – wohnen. Oder? Die City zwischen dem Phänomen der guten Adresse und drohender Musealisierung.

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(c) Bilderbox.com

Enge Gassen, alte Häuser, Restaurants, Museen, Prachtbauten: Das und noch viel mehr macht den Charme der Innenstädte aus. Kein Wunder, dass – speziell auch in Wien – Wohnungen dort begehrt sind. Und entsprechend teuer. Die Quadratmeterpreise haben sich in Wiens City auf einem konstant hohen Niveau von 10.000 bis 15.000 Euro eingependelt, Ausreißer von bis zu wohlfeilen 20.000 Euro werden vermeldet. Mittendrin in Paris oder London bezahlt man gut und gern das Doppelte. Und Makler verkünden einen noch stärkeren Run auf Innenstadtwohnungen, orten den Trend „raus aus der Villa im Grünen, rein ins Zentrum“.

 

Lärm unten, Ruhe oben

Doch warum kommt es zu diesen Begehrlichkeiten, was macht das Altstadtpflaster für die Klientel so reizvoll und damit so teuer? Vordergründig liegen die Argumente auf der Hand: die Annehmlichkeit der kurzen Wege zu Restaurant, Boutique und Bar, die Dichte an Kulturinstitutionen, die umfangreiche Historie „bis hin zur Kaisergruft, das ist sehr wienerisch“, zählt Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer Faktoren auf, die im Zentrum der Bundeshauptstadt so geschätzt werden. Lärm und Lokalszene, der durch überfüllte Straßen erhöhte Stresspegel, das Grünraum- und Abstellflächendefizit, die begrenzte Privatheit nimmt man dann gern in Kauf. Als Rückzugsgebiet dient ohnehin oft die entsprechende Wohnung im Luxussegment – ob Stilaltbau oder Penthouse-Domizil.

„Das Phänomen der guten Adresse“ trete hier in seiner ganzen Tragweite auf, sagt Christian Mikunda, Mediendramaturg und Experte für Entertainmentarchitektur. Ein „Territorium der Hochwertigkeit“ ist die Innenstadt, das schließt Fassaden, Boden, sogar die Beleuchtung mit ein. Und mit ihrer Historie gilt sie als Vorbild, auch für neue Projekte, neue Stadtteile. „Gerade im Immobilienbereich werden zur emotionalen Aufladung eines Ortes oftmals Spuren der Vergangenheit eingesetzt“, sagt Mikunda.

Typisch für Wien ist die klare Existenz eines einzigen Zentrums, „Städte wie London haben schließlich viele Zentren“, berichtet Ehmayer. Psychologisch gesehen bedeute dass, das Wien geerdet sei, eine ausgeglichene Mitte habe. Dass die Keimzellen urbanen Lebens im Lauf der Jahrhunderte auf natürliche Art gewachsen sind, lässt Christian Mikunda nicht gelten. „Hinter allem steckt ein Masterplan.“ So seien eben auch der Canal Grande in Venedig, die Champs Elysées in Paris und die Ringstraßenarchitektur in Wien frei von Zufälligkeit. „Wie hinter einer Geschichte ein Drehbuch steckt, so liegt Städten eine kognitive Landkarte zugrunde, über die sie wahrgenommen werden“, sagt Mikunda. Knoten, Blickachsen, Merkpunkte und auffallende Gebäude dienen der Orientierung – in Wien etwa auf den innerstädtischen Trampelpfaden wie der Kärntner Straße und ihren Verlängerungen und Knotenbetonungen. Je stärker diese Struktur ausgeprägt ist, desto leichter findet man sich in einer Stadt zurecht. In Wien oder Paris sei das besonders ausgeprägt. Kognitive Landkarten definieren sich auch über die Spuren der (eigenen) Vergangenheit. „Die Identität eines Ortes entsteht über Dinge, die man selbst oder andere dort erlebt haben“, so Mikunda. Allein die Fassade des Stephansdoms beispielsweise sei historisch und emotional stark aufgeladen.

 

Urbane Strukturen mit Dach

Die klare Struktur und die Attraktivität einer Innenstadt machen sich auch die Shoppingmalls dieser Welt zunutze – sie bilden die Funktionen nach. Der Wiener Architekt Viktor Grün hat in den 1950er-Jahren „die Urbanität der Wiener City in Amerika auf die grüne Wiese gebracht. Das klassische amerikanische Einkaufszentrum ist ein Klon der Wiener Innenstadt, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen“, sagt Mikunda.

Umgekehrt macht das Entertainment aber auch vor der Innenstadt nicht halt. Phänomene wie Stadtevents und Urban Design haben Einzug gehalten. In einem Verwandlungsspiel wird der Wiener Rathausplatz vom Martkplatz zur Eislauffläche, zum Kino, zum Catwalk. Im Urban Design „werden Achsen emotional intensiviert“, so Mikunda. Ein Beispiel: der Donaukanal, der vom Niemandsland zum belebten Treffpunkt mutiert sei.

Die Attraktivität der Innenstadt drückt sich nicht zuletzt in ihrer Aufenthaltsqualität aus. Mikunda ruft hier eine Theorie auf den Plan, die er in seinem Buch „Marketing spüren. Willkommen am dritten Ort“ ausgeführt hat. Das „home away from home“ sei nach den eigenen vier Wänden und der Arbeitsstelle der bevorzugte Platz zum Verweilen – mit dem Kaffeehaus, dem Beisl ums Eck, dem kleinen Geschäft. Und davon gibt es in der Innenstadt eine ganze Menge.

 

Museal oder offen?

Architekt Erich Raith vom Institut für Städtebau an der Technischen Universität Wien stellt den Anziehungspunkt Innenstadt infrage: Er kritisiert, dass die Stadt zum Museum werde, der erste Bezirk zum historischen Themenpark verkomme.

„Die Innenstadt steht für viel, aber nicht für Entwicklung und Offenheit“, sagt Raith. „Wien wird womöglich noch zum cleanen Museum, in das man Eintritt verlangt.“ Stadt bedeute eben auch ständige Weiterentwicklung und Bewegung, „Widersprüche und Konflikte müssen zugelassen werden.“ Städtebauliche Entwicklungsdynamik finde überall statt – nur nicht im ersten Bezirk.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2010)

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