Die Minderheiten und der Hass der Mehrheit

Habe ich Kontakt mit Menschen am Rande der Gesellschaft gesucht? Bin ich ihnen nahegekommen?

Zigeuner“ ist eines jener faszinierenden Wörter, deren Wurzeln in der Tiefe der Geschichte begraben liegen und deren Ursprung wir nur tastend erahnen können. Vermutlich stammt es vom griechischen Wort „athinganoi“, das eine gnostische Sekte bezeichnet. Vielleicht aber vom persischen „ciganch“, „Musiker, Tänzer“. Oder aber vom türkischen „čigan“, „arm“.

Das Wort „Zigeuner“ ist von einer langen Geschichte der Diffamierung belastet. Deshalb lehnt es der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma grundsätzlich als diskriminierend ab. Dagegen weist der Journalist Rolf Bauerdick darauf hin, dass es viele Menschen gibt, die sich selbst als Zigeuner bezeichnen und auch so genannt werden möchten.

Wer je erlebt hat, wie in einem feurigen Liebeslied „meine Zigeunerin“ besungen wird, erahnt den Stolz, der diesem Wort innewohnen kann. Das Problem liegt freilich nicht im Wort an sich, sondern in der abgründigen Verachtung oder gar dem Hass, dem viele dieser Menschen bis heute ausgesetzt sind.

Der Hass gegen Menschen, die als Minderheit in einer dominanten Kultur leben, ist schon aus biblischen Zeiten bekannt. Das Esterbuch erzählt vom persischen Beamten Haman im fünften vorchristlichen Jahrhundert, der alle Juden im Großreich des persischen Königs Ahasveros vernichten will.

Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

Johannes 15, 19

Obwohl die Estererzählung kein historischer Tatsachenbericht ist, spiegelt sie die Gefährdung der Juden mit ihrer kulturellen Tradition und ihrer Weigerung, am Herrscherkult teilzunehmen, wider – eine Gefahr, die in hellenistischer Zeit tatsächlich virulent wurde. Auch die Anhänger des „neuen Weges“, wie das Christentum ursprünglich genannt wurde, erlebten sich als kleine Minderheit von der „Welt“ gehasst, wie das Johannesevangelium bezeugt. Zahllose Christen ließen als Märtyrer das Leben.

Als die Christen selbst zur Mehrheit geworden waren, wurden ihnen Ketzer oder Juden zu unliebsamen Minderheiten, die sie durch Europa jagten und ermordeten. Als sich im 19.Jahrhundert Mehrheiten durch die Volks- und Rassenideologie in Nationalstaaten zu definieren begannen, führte dies zur größten Verfolgung von Minderheiten in der Geschichte. Minderheitenhass funktioniert beinahe so zuverlässig wie ein soziologisches Naturgesetz. Dies auszunützen und ein Mehrheits-Wir gegen andere auszuspielen ist die schäbigste Trickserei, derer Politiker sich schuldig machen können.

Diese Trickserei grinst auch in Österreich regelmäßig von Wahlplakaten. Der Minderheitenhass lauert wie eine dämonische Gefahr in allen dominanten Kulturen. Er lässt sich nicht durch verfassungsrechtlichen Minderheitenschutz und politische Korrektheit allein bezwingen, sondern nur durch Engagement jeder Bürgerin und jedes Bürgers. Wo bin ich in Kontakt mit Menschen am Rande meiner Gesellschaft? Komme ich ihnen in Freundschaften näher?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.

debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2014)

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