Die Kärntner Seele als ein weites, unbekanntes Land

Ein Bundesland dient der Republik als Sündenbock für die politischen Zustände auch anderswo.

Alle lieben sie Kärnten, die Wiener und die Steirer: Das Kärnten der Vergnügungs-, Geld- und Eventmaschinerie am Wörther- und Ossiachersee im Juli und August, das sie selbst dort implantiert haben und das es nicht mehr gibt, wenn sie weg sind. Das Kärnten des Villacher Faschings und des Pistentrubels von Kleinkirchheim für ein paar Wochen im Winter.

Alle verachten sie Kärnten: Das Kärnten, das sich zwei Jahrzehnte von Jörg Haider in einen emotionalen und politischen Ausnahmezustand versetzen hat lassen und das jetzt nur noch das Kärnten der Scheuchs, der Hypo Alpe Adria, das Mutterland der Korruption und politischen Verkommenheit zu sein scheint.

Das wirkliche Kärnten in den restlichen neun Monaten und abseits des künstlichen Glamours der Seen- und Skiorte haben sie nie kennenlernen wollen: das ländliche, ärmliche, sich langsam entvölkernde Kärnten.

Das Land, das seine geografische Randlage nicht zu einer Vermittlungsrolle und zu wirtschaftlicher Prosperität nutzen konnte, sondern eher in die Isolation geraten ist. Der einzige Versuch, daraus auszubrechen, nämlich die Hypo Alpe Adria, ist tragisch-grotesk danebengeraten. Als ein Fanal des gescheiterten Großtuertums ragt das Gebäude der Bank am Ostrand von Klagenfurt in den Himmel.

 

Spuren, die nicht leicht vergehen

Die Spötter über Kärnten und seine Verächter wollen auch nicht verstehen, dass das Land nicht locker zurechtkommt mit einer mehrfach gebrochenen Geschichte. Die Spuren, die sie in den Menschen hinterlassen hat, lassen sich nicht so leicht auslöschen, wie sich das mancher Intellektuelle in Wien vorstellt. Aus der geografischen und menschlichen Ferne lässt sich leicht die Nase rümpfen über die Mythisierung des Abwehrkampfs und die Engherzigkeit gegenüber der Minderheit.

„Du verstehst die Kärntner Seele nicht.“ Das gilt als ein schwerer Vorwurf in Kärnten. Was diese berühmte Seele ist, hat noch keiner genau zu sagen gewusst, aber so viel lässt sich über sie ausmachen: Sie ist eine Burg, in die die Verachteten fliehen und in der sie die Verachtung zu einer Bestätigung ihrer Besonderheit sublimieren. Zugleich flehen die Kärntner geradezu darum, geliebt zu werden. Wo sonst würde man mit „Urlaub bei Freunden“ werben? Kann man sich Tiroler vorstellen, die mit den Touristen Freunde sein wollen?

„Betriebsräte der Kärntner Seele“ nennt der Kärntner Hubert Patterer in der „Kleinen Zeitung“ jene Epigonen Haiders, die die Requisiten des Kärntner Heimatgefühls in der Nach-Haider-Periode naiv oder zynisch bewirtschaften. Es gibt aber auch die Betriebsräte einer intellektuellen und medialen Kärnten-Kritik im Land selbst, die sich in der Überlegenheit über ihre Landsleute gefällt und sich anmaßt, das „bessere“ Kärnten zu repräsentieren. Die Klagenfurter Universität ist nie eine genuine Kärntner Einrichtung geworden, sondern eher eine ausländische Besetzung durch akademische Sterne der zweiten bis dritten Helligkeitsklasse, die glauben, in Kärnten eine besondere politische Mission zu haben.

 

Viele wandern aus

In keinem anderen Land ist die intellektuelle und künstlerische Schicht so auf innerer Distanz zum eigenen Land und seinen Menschen wie gerade in Kärnten. Diese Schicht ist gar nicht so klein, und sie ist auf den Feldern der Malerei und Literatur auch sehr kreativ. Aber allzu viele verlassen das Land: nach Wien vor allem, nach Deutschland, „über die Pack“ nach Graz. Kärntner werden vorwiegend im „Ausland“ etwas. Es sind große Namen darunter: Handke und Turrini, Lassnig und Hollegha, Domenig und Watzlawick. Etliche Kärntner sind renommierte Diplomaten geworden.

Es gehört auch zum Kärntner Schicksal, dass hier sehr oft Nichtkärntner etwas werden, weil sie eine Entschlossenheit haben, die den Kärntnern abgeht. Jörg Haider ist das letzte und ein unglückliches Beispiel dafür. Als Oberösterreicher war er direkter, zupackender, schonungsloser, auch machtbewusster.

Diese Willensstärke könnte die magische Anziehungskraft erklären, die er auf seine Landsleute ausgeübt hat. Er schmückte sich mit den emotionalen und folkloristischen Kostümen des Kärntners, wurde aber selbst nie einer. Nicht einmal den Dialekt gewöhnte er sich an. Singen musste er erst lernen.

Seine Herkunft aus einer „nationalen“ Familie prädestinierte ihn für eine politische Karriere gerade in Kärnten. Einem Land, das nie im Zentrum stand, immer Peripherie war, hat Haider ein Selbstbewusstsein gegeben, das es nie kannte: Wann hätte sich je ein Kärntner in Wien und im ganzen Land soviel Gehör zu verschaffen gewusst wie er?

Jetzt merken die Kärntner, dass die Liebesgeschichte mit ihm eine Verführungsgeschichte war. Ihre „schönen Vorzüge“ (auch Patterer), der Wunsch nach Nähe und Gefühl, der Hang zum Schönen, auch zum schönen Schein, wurden missbraucht. Die Enttäuschung ist groß, die Ratlosigkeit tief, die Scham vielleicht versteckt, Häme und Spott verdienen sie aber nicht.

Die Verkommenheit und erschreckende Provinzialität der politischen Zustände in Kärnten (was nicht heißen soll, dass es in Wien oder Niederösterreich viel besser wäre) hat aber nicht erst mit Haider begonnen. Er ist vielmehr ihr Produkt.

Ihre Ursachen sind älter und liegen in der jahrzehntelangen totalen Dominanz der SPÖ. Gleich nach dem Krieg zog sie die heimatlos gewordene national-freiheitliche Rechte in ihr Lager und bot ihr ein politisches Dach über dem Kopf. Ein Nebeneffekt davon war die dauernde Marginalisierung der ÖVP als Kleinpartei.

Mit konsequenter Klientelpolitik und schonungsloser Machtausübung sicherte sich die SPÖ die hegemoniale Position. Haider war die späte Antwort darauf. Der unerklärten Allianz mit dem deutschnationalen, antiklerikalen „Kärntner Freigeist“ musste die SPÖ auch die Minderheitenpolitik als Opfer bringen.

 

Traumatisierte Sozialdemokraten

Als sie dann, von Wien gedrängt, halbherzig und ohne Überzeugung doch einen Anlauf zu einer Ortstafellösung machte, geriet es zu einem beispiellosen Desaster. Bis heute ist die SPÖ traumatisiert vom „Ortstafelsturm“. Sie hat es nie mehr gewagt, das Thema anzurühren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Lösung ausgerechnet von den „Nationalen“ und von außen kommen musste.

In der Minderheitenfrage hat sich in den letzten Jahren ein stiller und nachhaltiger Stimmungswandel vollzogen. Die meisten Deutsch und wohl auch viele Slowenisch sprechenden Kärntner sind des ewigen Konflikts längst überdrüssig geworden. Aus manchen Protagonisten des Sprachenstreits sind Freunde und Versöhner geworden.

In seiner Wehrlosigkeit eignet sich Kärnten gut als Sündenbock für politische Zustände, die anderswo nicht viel anders sind. Die jetzt an Kärnten ihr Mütchen kühlen, sollten wengistens die Kärntner Volksweisheit beherzigen:

„Der Dogger wird net g'scheiter, wenn ma'n schlagt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

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