Déjà vu

Wie aus dem Satan ein frommer Frater wird

Sprache 2017: Ein sprachlicher Missbrauch darf nicht zur Regel werden, nur weil er immer wieder begangen wird. Zehnte Folge des vollkommen vergeblichen Sprachkurses „Deutsch für Inländer“.

Sie werden bei der Lektüre dieses Beitrags ein Déjà-vu-Erlebnis haben, denn Sie haben vieles davon in den vergangenen Jahren schon gelesen. Es gibt aber leider immer wieder auch neues Falsches.

Beginnen wir wie immer ohne Umschweife: „Immer noch ist der Antiziganismus weit verbreitet“, sagte Staatssekretärin Muna Duzdar beim bahnbrechenden Workshop „Sensibilisierung gegen antiziganistische Vorurteile“. Nach der political correctness darf man nicht mehr Zigeuner sagen, obwohl sich diese selbst oft so nennen. Die PC überlistet sich aber selbst, wenn das verpönte Wort dann als antiziganistisch daherkommt. Aber vielleicht weiß das die Staatssekretärin gar nicht. Ähnlich ist es, wenn von Eingeborenen nur als Indigenen die Rede sein darf.

Die eingestellten Ermittlungen. Wenn die Ermittlungen eingestellt wurden, gibt es keine Ermittlungen mehr, also auch keine eingestellten Ermittlungen. Dasselbe gilt für folgenden Satz: Russland weist Schuld an geplatzter UN-Erklärung zurück. Oder: Empörung über getöteten Radfahrer. Natürlich hat sich niemand über den Toten empört, wie es dasteht, sondern darüber, dass er getötet wurde. Ein Fehler derselben Art: Mangelnde Angriffslust wird man Martin Schulz nicht absprechen können. Hier wurde außerdem absprechen mit vorwerfen verwechselt.

Totale Verwirrung herrscht unterdessen bei den Possessivpronomina: Die Swiss fliegt mit seinem neuen Flaggschiff. Die Swiss ist weiblich, sie fliegt daher mit ihrem Flaggschiff. Die Nobelherberge schließt seine Pforten. Die Herberge ist ebenfalls weiblich und schließt daher ihre Pforten. Wiener Wohnen überprüft ihre Wohnungen nicht regelmäßig. Wohnen ist sächlich, es heißt also seine Wohnungen. Das Parlament kam zu ihrer ersten Sitzung zusammen. „Ah, die Parlament heißt das jetzt“, bemerkte meine Frau, als wir das lasen.

Alois Mock, ein Mann mit großem europäischem und sozialem Empfinden, stand in einer Parte zu lesen und ist falsch. Mit großem europäischen und sozialen Empfinden, hätte es heißen müssen, weil der Dativ für das erste Adjektiv genügt.

Empathie für die Bedürfnisse der Bewohnerschaft empfänden die Architekten, schrieb eine Architekturkritikerin. Mitgefühl verdienen tatsächlich die Bewohner mancher neuer Wohnbauten.

Noch immer glauben die Politiker, dass Klaus die Wahlen verloren hätte, weil die ÖVP . . . Das ist ein gutes Beispiel für die sehr häufig vorkommende falsche Verwendung der Konditionalform in der indirekten Rede. Richtig müsste es heißen: verloren habe. Klaus hat die Wahl verloren, und in der Erzählform wird das mit dem Konjunktiv habe ausgedrückt. Oder andersherum: Hätte Klaus die Wahlen nicht verloren, wäre er wieder Kanzler geworden. Die Botschaft der Hilfsorganisationen, dass Traiskirchen im Sommer 2015 überbelegt gewesen wäre und unter den Asylwerbern medizinische Unterversorgung geherrscht hätte, ist falsch gewesen. Die Richtigstellung: gewesen sei; geherrscht habe.

Rajoy weiß das und die Sozialisten auch. Das ist journalistische Arbeitsersparnis auf Kosten der deutschen Sprache. Steht das Subjekt im Plural (wie hier die Sozialisten), muss auch das Prädikat im Plural stehen. Richtig wäre daher gewesen: Rajoy weiß das, und die Sozialisten wissen es auch.

Eingemischt wird sich nur dann, wenn einem keine Folgen drohen. Wer mischt sich hier ein?

Er wusste, was ihn zu erwarten hatte. Der Kollege in der Sportredaktion hätte sich entscheiden müssen. Entweder: Er wusste, was ihn erwartete. Oder: Er wusste, was er zu erwarten hatte.

Die Zentrale wurde am Opernring verlegt. Richtig wäre: zum O.

Gabriel hat Peer Steinbrück vorgeschickt, um sich die erwartete Niederlage abzuholen. Gemeint war nicht, was dasteht, dass sich nämlich Gabriel die Niederlage abgeholt hat, sondern Steinbrück. Richtig hätte es daher heißen müssen: . . . damit dieser sich die erwartete Niederlage abhole.

Vor 120 Jahren in die Welt gepresst, vor 50 Jahren (am Tag vor Heiligabend) sie verlassen habend. Der Doderer im Doderer-Jahr. Ein Apropos, mehr als Apropos. Dieses sprachliche Kunstwerk stammt vom Schriftsteller Peter Rosei bzw. steht als Einleitung zu einem Artikel dieses Autors. Zur Erklärung: Habend ist ein Partizipium präsentis. Der Dichter hat die Welt schon verlassen, das kann nicht mit einer Präsensform ausgedrückt werden, ganz abgesehen davon, dass verlassen habend nicht Deutsch ist.

Dass vor Heiligabend in Österreich vor dem Heiligen Abend zu heißen hat, ist hier schon öfters gesagt worden, es komplettiert die Fehlleistung. Das Satzbruchstück mit dem zweifachen apropos ist mir unverständlich.

Mich erschraken der Nationalismus („FAZ“). Richtig wäre: erschreckte oder ich erschrak über den Nationalismus.

Die roten Warnschilde häufen sich. Der Schild und das Schild – wie leicht kann man die beiden verwechseln, vor allem im Plural.

Ein Soziologe der Universität Linz erfand die unübertreffliche Wendung, die Klassengröße dürfe kein heiliger Sanktus sein. Das kommt davon, wenn Akademiker nicht mehr Latein können und wie in diesem Fall offensichtlich auch sonst wenig Bildung haben.

Vatikanzeitung „Osservatore“ relauncht Wochenausgabe, stand in der von mir sehr geschätzten katholischen Nachrichtenagentur Kathpress zu lesen. In der zweiten Person würde das unsägliche Verbum du relaunchst heißen. Versuchen Sie einmal, das auszusprechen!

Als ich das Wort Fratanisierung las, dachte ich zuerst, der Autor habe sich vertippt und Satanisierung gemeint. Mir wurde dann aber klar, dass er irgendwo das Wort Fraternisierung aufgeschnappt hatte, aber nicht weiß, dass es sich um ein Fremdwort handelt, das vom lateinischen Frater – Bruder abgeleitet wurde und Verbrüderung bedeutet.

In den Sprachübungsstunden, die ich für Immigranten halte, werden immer wieder die Präpositionen und die ihnen zugehörigen Fälle geübt. Meine „Schüler“ wissen, dass ohne den Akkusativ verlangt und würden daher die folgenden Fehler nicht machen: Ohne freier Entscheidung. Macron wird ohne nennenswerter Opposition regieren.(ORF, 18. 6.)

Bislang heißt in Österreich bisher.

Die Parkplätze am Neuen Markt werden weniger („Die Presse“). Nicht schön, wenn auch nicht falsch. Die Wolken werden mehr, der Regen wird weniger. Das ist eine Spezialität der ORF-Wetterredaktion, aber falsch.

Der Brand ist in der Wohnung eines Taxifahrers ausgebrochen. Scheinbar geriet ein Kühlschrank in Brand. Wenn der Kühlschrank die Ursache des Brands war, dann hat er nicht scheinbar gebrannt, sondern wirklich. Gemeint war, dass man nicht sicher weiß, ob das die Ursache war. Das hätte mit dem Wort anscheinend ausgedrückt werden müssen.

Laut dem, laut des, entsprechend dem, entsprechend des. Standardsprachlich verlangen beide Präpositionen den Dativ. Leider bürgert sich der Genetiv so ein, dass viele ihn für richtig halten. Ich beharre aber darauf, dass ein Missbrauch nicht zur Regel wird, nur weil er immer wieder begangen wird.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2017)

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