Kebabträume, Wurstfantasien

Ich schimpfe über Döner Kebab genauso gern wie über die Burenwurst.

Eine Prise Selbstironie gehöre wesentlich zur traditionsreichen Textgattung „Österreichbeschimpfung“, habe ich anlässlich Alfons Haiders viel zitierter „Willkommen Österreich“-Ausführungen behauptet. Leser fragten darauf: Ist die Ironie nicht stark vom Umfeld, vom Empfänger abhängig? Und gibt es auch Pendants in anderen Nationen?

Mir fällt nur ein (nicht perfekt passendes) Beispiel ein. Anfang der Achtzigerjahre hörte man bei linken Demonstrationen in Westberlin einen Slogan: „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!“ Das klang rhythmisch, martialisch, fast bedrohlich. Man hätte sich denselben Ruf auch bei einem Aufmarsch von Nationalisten vorstellen können, nur anders gemeint, sozusagen als apokalyptische Warnung.

Tatsächlich stammte er aus einem ironischen Umfeld: aus einem (später von den „Fehlfarben“ übernommenen) Song der Band „D.A.F.,“ der (west-)deutsche Ängste vor türkischen Immigranten überzeichnete. Der ganze Text: „Kebabträume in der Mauerstadt, Türk-Kültür hinter Stacheldraht, Neu-Izmir in der DDR, Atatürk der neue Herr, Miliyet für die Sowjetunion, in jeder Imbissstube ein Spion, im ZK Agent aus Türkei...“ Dann kam eben der Reim: „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei.“ Das war also, wenn man's wusste, nicht 1:1 so gemeint, sondern sozusagen unter Anführungszeichen.

„Kebabträume“ hieß der Song im Original: In Wien konnte man damals von Kebab nur träumen, die Wurstfabrikanten regierten die Straßengastronomie absolut, Berlin-Heimkehrer erzählten mit glänzenden Augen von diesem wunderbar exotischen, vom Spieß geschnetzelten Imbiss. Es fehlte nicht viel, und sie hätten einen als Souvenir mitgebracht.

Heute herrscht in Wien gewiss kein Drehspießmangel mehr, und man darf ungnädig über Döner Kebab sprechen, ohne als Ausländerfeind zu gelten, genauso wie man die Burenwurst schmähen kann, ohne sich als Inländerfeind zu outen.


Ich schimpfe über beide gern: über den Kebab, weil man sich so leicht damit befleckt; über die Wurst, weil mir vor ihrem Inhalt graut. Und ich plädiere an Würstelfrauen und Kebabmänner (und gendermäßig umgekehrt) gleichermaßen: Erweitert euer Sortiment! Transzendiert die Monokulturen! Chili, Frühlingsrollen, panierter Fisch, Erbsensuppe...

Zu leicht darf man es sich mit der Erweiterung des Angebots aber nicht machen. Noch ein Beispiel aus dem alten Westberlin: Offenbar dank einer grünen Schrulle mussten die Würstelstände alle in ihren Produkten enthaltenen Konservierungsmittel anschreiben, so konnte man sich an einem Stand zwischen „Currywurst mit Benzoesäure“ und „Currywurst mit Natriumnitrat“ (oder war es „Currywurst mit Kaliumsorbat“?) entscheiden. Man sah Nachtschwärmer über der chemischen Wahl grübeln, und ich schwöre, dass ich einmal die unschuldige Frage eines Wiener Touristen gehört habe: „Sagen Sie, kann man stattdessen auch Ketchup haben?“


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2010)

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