Gutmenschen-Neusprech

Replik. Politische Korrektheit begünstigt oft erst recht Ressentiments und verstärkt die Unzufriedenheit der schweigenden Mehrheit.

Karikatur: Peter Kufner www.peterkufner.at

Anneliese Rohrer hat im „Quergeschrieben“ vom 7.6. eine Lanze für die Political Correctness (PC) gebrochen und jede Kritik an derselben als Unsinn bezeichnet. Sie liegt damit aber definitiv falsch. Politische Korrektheit ist längst keine vorbehaltslos erstrebenswerte Haltung mehr, sondern sie ist mittlerweile zu genau jener Krankheit geworden, für deren Heilung sie sich hielt.

Die Durchdringung des öffentlichen Sprachraumes mit sogenannten korrekten Begriffen verursacht nämlich heute das Gegenteil von dem, was die Urheber der PC einst im Sinn hatten: Das Ressentiment sollte besiegt werden, indem man die Sprache mit der Einführung neuer Begriffe zum vermeintlich Positiven verändert.

Ein gut gemeinter Ansatz, aber gut gemeint ist ja meist doch nur das Gegenteil von gut. George Orwell sagte zu solchen sprachpolizeilichen Versuchen: Neusprech wird entwickelt, um die Vielfalt der Gedanken zu verhindern.

Wenn im politisch korrekten Neusprech offene Debatten und Kritik aufgrund eines künstlich erzeugten medialen und politischen Klimas nicht mehr möglich sind und sich die veröffentlichte Meinung in einer allgegenwärtigen Schönrednerei erschöpft, beginnt es unter dieser semantischen Zierdecke bald zu gären.

 

Belehrungen des Justemilieu

Vor allem das durch den Neusprech heute vermittelte Gefühl, vor jeder Minderheit und Andersartigkeit ehrfürchtig erstarren zu müssen, macht die Leute ziemlich mürrisch. Die PC begünstigt somit erst recht das Ressentiment und den schwelenden Zorn einer offiziell (noch) schweigenden Mehrheit. „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ wird dann eben zum grimmigen Leitsatz aller jener, die genug haben von den permanenten gutmenschlichen Belehrungen aus dem Justemilieu.

Sprachrohre dieser Unzufriedenen sind Autoren wie Thilo Sarrazin, Max Goldt, Henryk Broder oder Akif Pirincci. Allesamt Autoren, die eindeutig nicht einer rechten Ideologie zuzurechnen sind, wie dies Frau Rohrer den Gegnern der PC pauschal unterstellt.

In Österreich ist das Sprachrohr der klimatisch Unzufriedenen offenbar gerade „ein Team-Stronach-Mandatar, dessen Namen man sich nicht merken muss“ (A. Rohrer). Dieser Mann ist der Autor dieser Zeilen. Fakt ist: Der „normale“ Bürger will seine womöglich nicht immer politisch ganz korrekte eigene Meinung haben dürfen und die Sachen so sagen, wie er sie sich denkt.

Diesen Wunsch zu verurteilen, wie dies von den Proponenten der PC oft genug getan wird, ist im Grunde eine antidemokratische, zumindest aber selbstgerechte und überhebliche Haltung. Es wurden freilich durch die PC auch rote Linien eingezeichnet, an denen man sich im Diskurs argumentativ abarbeiten muss. Das ist der PC zweifellos gutzuschreiben.

Deutschland ist da übrigens in seiner Debattenkultur schon sehr viel weiter, Österreich hinkt wie immer hinterher. Es ist vor allem die Aufgabe der Politiker, sich von der überkommenen politischen Korrektheit zu lösen, sich im Diskurs etwas zu trauen und die Dinge so aus- und anzusprechen, wie sie sind. In einer Grundhaltung der Fairness wird es für diese Politiker selbstverständlich sein, Respekt und Anstand zu wahren. Frau Rohrer muss sich also nicht fürchten.

Dr. Marcus Franz ist Abgeordneter zum Nationalrat des Teams Stronach.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2014)

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