Gratismut tut gut: Krieg den Pelzen, Friede dem Leder!

Gastkommentar. Billiger Aktionismus ja – aber nur dort, wo kaum Gegenwehr zu erwarten ist.

Pelzträger sind in der Regel Frauen. Ältere Frauen. Deswegen ist an diesen der Protest einfach zu bewerkstelligen. Eine Attacke erfordert wenig Mut und Überwindung. Deutlich aufwendiger wäre dieses Unterfangen am lebenden Subjekt der Motorradfahrer und Rockerfraktion, das wesentlich mehr tote Tierhaut in verarbeiteter Lederform am furchteinflößenden Leib trägt.

Jede Aktion gegen ein Textilgeschäft, das einige Pelzkrägelchen im Sortiment hat, ist garantiert konfliktfreier als gegen eine Bande von Lederkuttenträgern. Das begreift sogar der einfach gestrickte Umweltschützer. Halt wie nach dem Motto: Krieg den Pelzen, Friede dem Leder!

Die Gatterjagd älterer Furchentreter vom Landadel mit Bewaffnungshintergrund, die sich selbst gezüchtetes Wildbret vor die aufmunitionierten Flinten und Büchsen treiben lassen, ist leicht in aktionistischer Protestform zu kritisieren. Würde man sich als besorgter Tierschützer dem Halal-Sch(l)ächter und seinem ausblutenden Opfertier zuwenden, wäre schon etwas mehr Widerstand gegen diese Demonstration des mitgefühlten Tierwohls zu erwarten.

Das könnte schnell nach hinten losgehen und würde auch erheblich mehr an Courage erfordern. (Statistisch gesehen sterben mehr Tiere im Straßenverkehr als durch Jägerhand.) Inzwischen ist recht häufig Polizeivolk anwesend, um die enthemmten Schießprügelhantierer mit Pfefferspray vor Demonstranten zu schützen.

 

Das Mantra der Deeskalation

Von der heimischen Exekutive lässt sich sagen, dass sie nicht an Konfrontation interessiert ist. Das liefe dem obersten Mantra der Deeskalation zuwider. Denn auch die Staatsgewalt geht mit dem Zeitgeist. Und das Erlassen von Gesetzen ist zugleich auch eine Demonstration von Macht.

Nach Nichtraucherbestimmungen und Allergenverordnungen saust mit der Registrierkassenpflicht die nächste Keule der überbürokratisierten Administration auf die Kleingewerbetreibenden nieder, die einmal das Rückgrat des funktionierenden Staats- und Gemeinschaftswesens darstellten. Schutz des Gemeinwesens war einmal. Inzwischen hat die Obrigkeit andere Schutzbedürftige gefunden.

 

Hintreten auf Katholiken

Beim Handel mit verbotenen Stoffen und Substanzen (laut Suchtmittelgesetz) werden seit Neuestem erst drei Verfehlungen hintereinander (!) schlagend. Erst bei Vorliegen von Gewerbsmäßigkeit, einem Mindestumsatz von 400 Euro monatlich (bei verbotenen Substanzen, wohlgemerkt), liegt ein strafbarer Tatbestand vor. Man stelle sich diese Rechtsnorm bei jeder anderen Verwaltungsübertretung oder bei allen anderen Delikten vor: „Ätsch, bätsch, ihr könnt mir gar nichts. Kommt wieder bei der dritten Straftat, ich habe erst zwei auf dem Kerbholz.“ Oder: „Eia popeia, ich lebe nicht nur von Betrug allein, ein bisserl was Ehrliches ist eh noch dabei!“

Inzwischen ist auch das Hintreten auf Katholiken eine beliebte Protestform. Jede satirische Überhöhung ist zulässig, wenn sie sich – nur und ausschließlich – gegen das (inzwischen weltweit heftig verfolgte) Christentum richtet. Das Hinweisen auf andere Propheten und deren biografische Details (selbst ohne Humorkomponente) wäre mit erheblichen Nachteilen bis zur Lebensbedrohung verbunden. Deswegen lässt der besorgte Kritiker und engagierte Protestler es auch unterbleiben. Denn so weit reicht der Gratismut auch wieder nicht.

Billiger Aktionismus, aber bitte nur gefahrlos. Und nur gegen wehrlose Gegner. Bei echter Gefahr geht man lieber auf Tauchstation.

Karl Weidinger (geboren 1962) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien und im Burgenland. Sein Anliegen ist die Gesellschaftskritik.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2016)

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